Die Schul-Milliarde: Wo könnte man sie einsparen, wo wäre sie besser investiert?

Neue Verteilung: Mit einer Reform soll die antiquierte Schulverwaltung verschwinden. Das bringt Geld für ein moderneres Bildungssystem, das alle Wirtschaftsvertreter und Experten dringend fordern.

Eine zweite lebende Fremdsprache, Schwerpunkt Naturwissenschaften/Technik, Sport oder Kunst und Kreatives – die Schüler der Neuen Mittelschule Mattersburg haben die Wahl. Und das den ganzen Tag über, denn hier kann auch am Nachmittag gelernt werden, je nachdem in 30-, 45- oder 90-Minuten-Einheiten, per e-Learning, alleine, in der Gruppe oder im Projektunterricht. So wie in Mattersburg sieht eine moderne Lehrkultur aus, bei der das Lernen im Team und eigenverantwortlich gelernt wird. Feedback über Kompetenzen gibt es übrigens nicht nur für Schüler, sondern auch für das Lehrpersonal.

Schule lernt
Direktorin Johanna Schwarz ist also bereits eine Bildungsmanagerin, die mit ihrem Team – dazu gehören Lehrer, Eltern und Schüler – laufend an der neuen Schule arbeitet: „Auch als Schule ist man wie die Schüler laufend am Lernen.“ Das braucht Zeit: mehr als 40 Stunden die Woche. Mit dem neuen Schuljahr hat Schwarz deshalb bereits drei Wochen vor ihren Schülern begonnen. Der „Lohn“ dafür: Die NMS Mattersburg ist für Bildungsministerin Claudia Schmied ein „Leuchtturm“, also quasi ein strahlendes Beispiel dafür, wie die Schule der Zukunft aussehen kann. Das Problem ist nur: Schulen wie jene in Mattersburg sind in Österreich nicht die Regel. Das Schulwesen verschlingt zwar viel Geld – ganze 7,6 Milliarden Euro pro Jahr – und ist damit im OECD-Vergleich eines der teuersten. Die Ausbeute ist trotzdem Mittelmaß, im PISA-Vergleich rangiert Österreich nur im Mittelfeld. Kein Wunder, dass das WIFO in seiner Effizienz-Studie zu öffentlichen Ausgaben zum Schluss kommt: „Die gleiche Bildungsperformance könnte mit 35 Prozent weniger Mitteleinsatz erzielt werden.“ Schulreformer Bernd Schilcher von der ÖVP geht von rund „einer Milliarde Euro aus, die man im Schulwesen besser an anderer Stelle als heute investieren sollte“.

Das Ministerium lernt
Ministerin Schmied ist deshalb am Suchen, und zwar nach versickernden Geldern in der Schulverwaltung. Sie engagierte Experten von WIFO, IHS, Rechnungshof bis zum Zentrum für Verwaltungsforschung und präsentierte ein Konzept für eine Reform, um die zahlreichen Doppelgleisigkeiten zu beseitigen. Das heißt vereinfacht: Der Bund gibt den gesetzlichen Rahmen vor, Bildungsdirektionen koordinieren auf regionaler Ebene. Dazu kommt eine echte Schulautonomie. Direktoren werden wirtschaftlich ausgebildete Bildungsmanager, die mit ihrem Budget freier gestalten können und künftig auch Lehrer frei aus einem Pool wählen können. Für diese gibt es Eignungstests, eine neue Ausbildung und einheitliches Lehrer-Dienstrecht mit mehr Geld beim Einstieg, dafür flacheren Gehaltskurven im Laufe der Karriere.

Aus Absurdem lernen
Das Ziel des Projekts: Controlling und Qualitätsmanagement sind Grundsätze, die nun auch in das Schulwesen vermehrt einziehen sollen. Mehr Qualität und mehr Geld, das direkt bei den Schülern ankommt. Aber auch, und das betont Wirtschaftsforscher Karl Aiginger stellvertretend für all seine Expertenkollegen: „Der, der bezahlt, bestellt.“ Die Verantwortung für Aufgaben und Finanzierung der Schule gehört in eine Hand, laut Reformpapier wäre das der Bund. Denn bisher strotzt die Schule nur so vor Absurdem und Teurem, das kaum kontrolliert wird. Trotz Stellenplänen für Landeslehrer werden diese regelmäßig überzogen – mit einer Ausnahme: den Berufsschulen, denn da zahlen die Länder die Hälfte mit. Konkrete Daten, wo und wofür die Lehrer eingesetzt werden, zum Beispiel Unterricht oder Administratives, fehlen. Ja, es gibt sogar eine Schule, die zwar Lehrer bezahlt, aber keine Schüler hat. Der Bund hat trotzdem kein Recht auf Kontrolle, sondern ist auf die Meldungen der Länder angewiesen.

RH-Präsident gibt Lernstoff vor
Zwar lässt sich das genaue Einsparungspotenzial schwer beziffern, Rechnungshof-Präsident Josef Moser sieht jedenfalls ausreichend Belege für Strukturmängel, und das nicht nur in den eigenen Berichten. Für Moser ist es an der Zeit, rasch Maßnahmen zu setzen und mit der Schulreform zu starten: „Alle – Experten, Regierung genauso wie die Bundesländer – haben erkannt, dass die Schulstruktur reformiert werden muss. Nur mit einer Reform kann das Bildungssystem zeitgemäß werden, denn derzeit ist es das nicht.“ Im Reformpapier ist allerdings nicht vom Sparen, sondern von einem „verantwortungsbewussten Umgang mit öffentlichen Mitteln“ die Rede: Man will Probleme und deren Folgewirkung aufzeigen und neue Lösungen für die Schule und ihre Verwaltung anbieten.

Die Wirtschaft will, dass gelernt wird
Ein Weg, den auch alle Bildungsexperten der Wirtschaftsseite fordern: Ein Mehr an Bildung sei unbedingt notwendig, das freigeschaufelte Geld dürfe nicht Budgetlöcher stopfen, sondern müsse wieder in die Schule fließen. Und zwar in eine neue Schule, die den Bedürfnissen von Gesellschaft und Wirtschaft entspricht. Tatsächlich: Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, dass Menschen mit einem Pflichtschulabschluss siebenmal häufiger arbeitslos werden als Akademiker. Das Motto lautet daher: So viel Schule und Abschlüsse wie möglich. Im Moment fehlen ohnehin 1.000 zusätzliche Absolventen technischer und naturwissenschaftlicher Studien pro Jahr. IV-Bildungsexperte Gerhard Riemer wünscht sich folglich eine Schule, die für Technik und Naturwissenschaften begeistert. Schule müsse aber auch ganz allgemein motivieren und Neugierde wie Kreativität fördern, denn: „Innovation beginnt in der Schule.“ Für Michael Landertshammer, den Leiter der Bildungspolitik in der Wirtschaftskammer, ist aber nicht nur faktisches Wissen wichtig, sondern mehr: „In den letzten Jahren mangelt es immer öfter selbst bei den Grundkenntnissen, nicht nur beim Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch bei den sozialen Umgangsformen.“ Schule muss sich an die neue, individualisierte Gesellschaft anpassen. Ein kleines Land wie Österreich kann nur auf Bildung und nicht auf Rohstoffe bauen, um sich im Wettbewerb der Standorte zu bewähren.

Lernen lernen
Bei immer mehr Wissen muss Schule auswählen. Damit lernen Kinder nicht immer mehr Details: Neues und der große Rahmen muss Altes ersetzen. Sport und Kreatives gibt es zu wenig. Schulfächer wie Ökonomie, Psychologie oder juristisches Basiswissen fehlen im Moment vor allem für unter 14-Jährige. Es geht aber nicht nur um das reine Pauken, sondern um die kritische Bewertung und Einordnung des Gelernten, meinen Experten: Das Lernen an sich muss gelernt werden. Das ist gerade im Umgang mit dem Web 2.0 und beim e-Learning wichtig. In einer pluralistischen Gesellschaft werden außerdem soziale Kompetenzen und der Umgang mit Unterschieden verlangt. Die Schule kann also nicht alle über einen Kamm scheren, sie muss individualisierter auf Stärken eingehen und Schwächen ausgleichen.

Individuell lernen
Aus dem internationalen Vergleich weiß der OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher: „Erfolgreiche Schulen antworten auf Unterschiede bei den Schülern nicht mit institutioneller Fragmentierung, sondern mit einem konstruktiven und individuellen Umgang mit Vielfalt.“ In so einer Schule sind Noten und Prüfungen nicht dazu da, Schülern den Zugang zu weiterer Bildung zu verwehren. Ein Dreier im Volksschul-Zeugnis zeichnet damit nicht schon die weitere Bildungskarriere in der Hauptschule vor. Noten sollen vielmehr zeigen, was man kann und wo Schüler gemeinsam mit den Lehrern neue Lernwege finden müssen. Davon sind viele österreichische Schulen aber noch weit entfernt. PISA-Science-Group-Leiterin Christa Koenne mahnt deshalb: „In der Schule sollte man weniger über gesellschaftliche Veränderungen jammern und die Schuld für Schwächen bei den Familien suchen, sondern sich der realen gesellschaftlichen Verantwortung stellen.“ Eltern seien nun mal nur pädagogische Laien.

Eltern lernen – und zahlen
Laien, die wie andere Österreicher auch, mit der Schule immer unzufriedener werden: Umfragen von OGM zeigen, dass 2003 noch 58 Prozent der Österreicher Vertrauen ins Schulsystem hatten, 2008 waren es nur mehr 51 – und gerade jetzt in der Wirtschaftskrise ist der Index auf 39 Prozent gesunken. OGM-Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer entschied sich deshalb wie viele andere in seinem privaten Umfeld auch dafür, seine Kinder nicht an öffentlichen Schulen unterrichten zu lassen, sondern an privaten: „Bildung ist ein sehr prominentes Diskussionsthema für Eltern, schließlich geht es darum, die Kinder auf eine immer globalisiertere Welt vorzubereiten.“ Privatschulen sind aber keine reale Alternative zum öffentlichen System. Sollen sie laut Schmied auch gar nicht sein. Ihre größte Sorge ist, dass „das Bildungssystem in Arm und Reich auseinanderfällt“ (siehe Interview ) .

In der Schule lernen
Die Sorge ist berechtigt, denn Privatschulen sind teuer. Außerdem fließt ohnehin genug elterliches Geld über Steuern an den Staat. Trotzdem müssen Eltern nach Berechnungen der Arbeiterkammer nochmals kräftig zuzahlen, und das gleich in mehreren Bereichen: Für Schulmaterialien und Exkursionen sind jährlich 550 Millionen Euro fällig. Für Sitzenbleiber blecht schon der Staat satte 308 Millionen Euro, die Eltern nochmals 580 Millionen. Schließlich bleibt das Kind länger im Hotel von Mama und Papa, und es verdient erst ein Jahr später eigenes Geld. Ein Problem, das laut Arbeiterkammer-Expertin Susanne Schöberl einfach gelöst werden kann – und zwar zum Teil schon wieder über eine neue Verwaltung, aber auch über zusätzliches Personal: „Werden Lehrer von Administrativem und sozialen Problemen entlastet, zum Beispiel durch Sekretariate oder Sozialarbeiter, kostet das nicht nur weniger, es bleibt auch mehr Zeit für die Förderung der Schüler und Schülerinnen.“ Ein Gedanke, dem der Leiter des Verbands der Elternvereine an öffentlichen Pflichtschulen, Gerald Netzl, durchaus einiges abgewinnen kann. Ihn ärgert seit langem, dass Eltern wegen der mangelnden Förderung in der Schule entweder selbst mit ihren Kindern büffeln oder aber in Nachhilfe investieren müssen. Kostenpunkt: weitere 140 Millionen Euro pro Jahr. Deshalb ist es für Netzl „einer der größten Skandale, dass es Lehrern nicht gelingt, das Wissen an der Schule zu vermitteln“.

Lehrer und Länder sollten lernen
Doch genau diese Gruppe, die Lehrergewerkschaft, rüstet bereits wieder zum Protest. Und das noch bevor überhaupt über die Details der Verwaltungsreform und zum neuen Dienstrecht gesprochen wurde. BMHS- und AHS-Gewerkschaften sehen per Aussendung einen „heißen Schulherbst“ kommen: „Die Bundesregierung hält getroffene Vereinbarungen nicht ein.“ Detto in den Bundesländern – die meisten Landesvertreter sehen bereits einen neuen Zentralismus heraufdräuen. Die Bundesministerin gibt sich dennoch bewusst optimistisch: „Wir werden ganz viele Gespräche führen.“ Dabei geht es im Moment nicht mal ums Eingemachte – die Gesamtschule oder die Ganztagsschule. Beide Themen sind Reizwörter, die einen ideologischen Rattenschwanz und jahrzehntelange Diskussionen nach sich ziehen.

In der Gesamtschule ganztägig lernen
Trotzdem: Für so gut wie alle Experten fährt der Schul-Zug genau in diese Richtung. Schulexperte Bernd Schilcher meint sogar: „Der Sinn der Gesamtschule für alle 10- bis 14-Jährigen steht außer Streit.“ Gerade wenn man die bestmögliche Bildung für alle will, sollten Kinder nicht zu früh in gut und weniger gut selektiert werden. Im gemeinsamen Lernen mit Stärkeren und Schwächeren wird Solidarität gelernt. Kinder werden zu Problemlösern, „das ist doch genau das, was wir in unserer heutigen Gesellschaft brauchen“, meint Schilcher. Der Weg dahin führt über die Neue Mittelschule, die bereits 20.000 Schüler besuchen. Ob sie für alle kommt, wird allerdings erst 2013 entschieden.

Schüler wollen lernen
Und das sogar den ganzen Tag. Eine Schule bis vier Uhr nachmittags, danach keine Hausübung, wäre für Igor Mitschka, Schülervertreter vom Verein „Coole Schule“, das Wunschziel. Was genau und mit wem man dann lernt, würde er am liebsten auch selbst mitbestimmen. Ist aber nicht so, denn, so Mitschka: „Ein Mitspracherecht für Schüler fehlt.“ Auf eine Gruppe wurde in der ganzen Diskussion bisher tatsächlich vergessen: auf die Schüler. Zumindest beruhigend, dass die österreichischen Schüler laut neuester OECD-Kinderstudie trotzdem überdurchschnittlich gern zur Schule gehen.

Von Martina Madner

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