Die Mär vom Wirtschaftsstandort Österreich

Die Politik ist überzeugt, dass Österreich seine PS als attraktiver Wirtschaftsstandort verlustfrei auf die Straße bringt. Aber die Argumente im Buhlen um Investoren sind langsam, aber sicher überholt.

Für die Austrian Business Agency (ABA) war das Jahr, in dem die weltweite Krise begann, eines der besten ihrer Geschichte: Der ins Wirtschaftsministerium ressortierende Betriebsansiedler verzeichnete 2008 mit 256 ausländischen Ansiedlungen in Österreich und einem damit verbundenen Investitionsvolumen von mehr als 425 Millionen Euro Spitzenwerte. Seit damals ist vieles anders. 2009 wollten nur mehr 158 Unternehmen ins Land, mit 83 Millionen wurde um 80 Prozent weniger investiert als im Jahr davor.

„Unternehmen mit Expansionsabsichten ins Ausland reagieren besonders konjunktursensibel“, argumentierte damals ABA-Chef René Siegl den Einbruch. Doch auch 2010 lag das Investitionsvolumen im Vergleich zu 2008 nur bei rund der Hälfte, und das trotz guter Konjunkturdaten in Österreich. Heuer liegen die Zahlen ähnlich, obwohl das Wachstum noch ansprechend ist.

Hausgemachte Schwächen

Die alarmierende Schlussfolgerung: Der viel gerühmte Wirtschaftsstandort Österreich leidet nicht nur unter Krisen, sondern auch unter davon unabhängigen strukturellen Schwächen. In der Vergangenheit durchaus mit Erfolg verwendete Argumente für eine Ansiedlung in Österreich sind einer stillen, jedoch konstanten Erosion unterworfen. Österreich war offenbar schon einmal attraktiver, das ist nicht mehr zu leugnen.

„Wir verlieren unsere Standortvorteile“, fürchtet etwa Veit Sorger (Bild), Präsident der Industriellenvereinigung (IV). Ein „Weckruf“ sei das erst kürzlich veröffentlichte Ranking im „World Competitiveness Yearbook“ (WCY) der Schweizer Agentur IMD, in dem Österreich zurückgefallen ist. Noch 2008 lagen wir in der Gesamtwertung auf dem 11. Rang (von 59 Ländern). 2011 ging sich nur mehr Platz 18 aus. Bitter: Der Standort zahlt für die durchwachsene Performance der Politiker.

Im Wertungskriterium „Effizienz der Regierung“ verlor Österreich seit 2007 ganze 17 Plätze und rangiert nur mehr auf Rang 27. Als besondere Schwächen weist das WCY die Aktienmarktkapitalisierung (Rang 53), die Jahresarbeitszeit (Rang 49) sowie die Pensionsfinanzierung (Rang 44) aus. Bei anderen Standortfaktoren liegt Österreich im Mittelfeld. „Wir haben erheblichen Handlungsbedarf“, folgert daraus Sorger von der IV.

Für ABA-Boss Siegl ist Österreichs Abstieg zwar Grund zum Nachdenken, echte Sorgen macht man sich beim staatlichen Ansiedler aber noch keine. „Entscheidend sind“, sagt Siegl, „die harten Standortfaktoren, da liegen wir mit unseren Argumenten ganz gut.“

Doch das mag kaum darüber hinwegtäuschen, dass die seit Jahren immer gleichen fünf Lockmittel, mit denen Österreichs Betriebsansiedler ausländische Unternehmen überzeugen wollen, einer Überprüfung immer weniger standhalten.

1. Die hohe Qualifikation und Motivation der Arbeitskräfte

Spätestens seit Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl jüngst mit neuen Daten des Linzer market-Instituts aufhorchen ließ, rückt das Argument von den gut ausgebildeten österreichischen Fachkräften bedenklich in Märchen-Nähe. Sieben von zehn Unternehmen haben aktuell, so die market-Untersuchung, bereits größte Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Zwei von drei Firmen sehen Österreich längst von einem generellen Fachkräftemangel heimgesucht.

Auch die hohe Motivation heimischer Arbeitskräfte scheint inzwischen zur Mär verkommen zu sein: „Einer der Gründe, warum Unternehmen keine Fachkräfte finden, sind fehlende Einsatzbereitschaft und mangelnder Leistungswille der Bewerber“, weiß market-Chef Werner Beutelmeyer. Seit darüber hinaus mit schöner Regelmäßigkeit die PISA-Studie Österreichs Schülern ein vernichtendes Zeugnis ausstellt, ist das Thema Ausbildung ein Sorgenkind. Dass die OECD jüngst in einer Studie das österreichische Bildungssystem zerpflückt hat, passt da gut ins Bild.

Auch René Siegl gibt zu: „Die Probleme im Bildungssystem sind eine Bedrohung für den Standort. Für die nächsten zehn Jahre ist dieser Zug wohl abgefahren.“ WKO-Boss Leitl: „Das Thema Qualifikation hat sich in dramatischer Weise in den Mittelpunkt gerückt.“

2. Die steuerlichen Vorteile, zum Beispiel die Gruppenbesteuerung

Als 2005 die Körperschaftssteuer von 34 auf 25 Prozent gesenkt wurde, verkaufte das die damalige Regierung unter Wirtschaftsminister Bartenstein als Riesenschritt zur Standortaufwertung. Mittlerweile liegt Österreich damit bestenfalls noch im europäischen Mittelfeld. Gerade die ehemaligen Reformstaaten überholen uns im Rennen um eine niedrige Besteuerung von Unternehmensgewinnen rechts und links.

Rumänien, Tschechien, Ungarn, Polen, die Slowakei – alle liegen mit ihren KöSt.-Sätzen deutlich unter der österreichischen Marke. Besonders seit auch Deutschland seine KöSt. auf 15 Prozent (plus 5,5 Prozent Solidarzuschlag auf die Abgabe) gesenkt hat, sieht Österreich alt aus. Die aktuellen Steuerideen der Kanzler-Partei SPÖ wie jene einer Abschaffung der Gruppenbesteuerung helfen eher nicht, Investoren ins Land zu lotsen. Immer noch hohe Lohnnebenkosten tun das Übrige, dem früher geltenden Steuer-Argument seinen Biss zu nehmen.

3. Das effiziente und umfangreiche österreichische Fördersystem

Die ABA wirbt auch mit den Förderungen, die ausländische Investoren in Österreich genießen. Mit dem Spardruck schüttet die öffentliche Hand ihr Füllhorn inzwischen aber weit weniger generös aus, wie noch vor einigen Jahren. Beispiel Steiermark: Dort müssen die jahrelang großzügig unterstützten Industrie-Cluster den Gürtel seit heuer enger schnallen, ein guter Teil der bisherigen jährlichen acht Millionen an staatlicher Förderung werden eingespart. Überhaupt könnte es sein, dass die Wichtigkeit von Förderungen als Standortargument als übertrieben dargestellt wird. Wifo-Chef Karl Aiginger sagt: „Wenn jemand wegen billiger Arbeitskräfte und hoher Förderungen seine Investitionsentscheidung trifft, dann geht er sicher nicht nach Österreich.“ Bei Investoren müsse man mit anderen Vorzügen punkten, etwa mit dem Thema Bildung.

4. Die geopolitische Lage in Europa als Drehscheibe in den Osten

Absoluter Bringer bei Gesprächen mit Investoren war in den vergangenen Jahren immer das Argument, Österreich eigne sich wegen der historisch bedingten Kenntnis von Ländern und Leuten sowie seiner geopolitischen Nähe ideal als Headquarter-Standort für Konzerne, die in die ehemaligen Reformländer expandieren wollen. Die meisten dieser Länder sind inzwischen allerdings in der EU.

Warschau, Prag, Budapest und sogar Bukarest und Sofia werden folgerichtig immer öfter Wien als Standort für eine Osteuropa-Zentrale vorgezogen. Erst jüngst zog etwa der Schweizer Kaffee-Gigant Nespresso alle Osteuropa-Verantwortlichkeiten aus Österreich ab und verlegte sie direkt in die jeweiligen Länder. Das Wachstum Wiens als Headquarter-Standort stagniert. Rund 300 Regional-Hauptquartiere ausländischer Unternehmen befinden sich derzeit hier, schätzt Leo Hauska vom Verein „Headquarters Austria“. Vor einigen Jahren waren es eher mehr, genaue Statistiken existieren nicht. Realität ist: Österreich hat seine Pole-Position als Drehscheibe in den Osten gegen einen Platz in der zweiten Startreihe getauscht.

5. Die politische Stabilität, wenig Streiks, so gut wie keine Korruption

Wenn bei Parlaments-Sondersitzungen wie jüngst zum Telekom-Skandal von „flächendeckender Korruption“ die Rede ist, bleibt das auch im investitionsfreudigen Ausland nicht unbeobachtet. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner wird diese Tatsache nicht auf Dauer schönreden können (siehe Interview ). Für Mitterlehners ÖVP-Parteifreund Christoph Leitl von der Wirtschaftskammer steht bereits außer Frage, dass die diversen Skandale dem Standort ernsthaften Schaden zufügen. Es gelte hier, fordert Leitl, „aufzuräumen“.

Das Bild vom quasi korruptionsfreien Österreich, wie es in der Vergangenheit gerne gezeichnet wurde, ist dahin. Und von der oftmals gepriesenen politischen Stabilität hält etwa ein ungenannt bleiben wollender Wirtschaftsexperte auch nicht mehr besonders viel: „Die Frage ist“, vermutet er, „ob das inzwischen nicht viel eher als Stillstand und Verkrustung interpretiert wird und bremsend wirkt.“

Erste Sahne

Wirtschaftsminister Mitterlehner nimmt das nicht sonderlich dramatisch, für ihn ist der Standort Österreich nach wie vor erste Sahne. Politiker sind im Verdrängen geübt. Mögliche Anzeichen für einen drohenden Rückfall in der Wettbewerbsfähigkeit werden gerne kleingeredet: „Es gibt auch andere Umfragen“, spielt etwa Mitterlehner ungünstige Daten herunter. Wirtschaftsforscher Aiginger schwächt die Ranking-Einschätzung seiner Schweizer Kollegen von IMD ab: „Das spielt keine echte Rolle.“ Hauska von Headquarters Austria gibt dann aber doch sehr zögerlich zu: „Wenn wir die Themen Steuer, Bildung, Infrastruktur ansehen – natürlich hat Österreich da akuten Handlungsbedarf.“

Anfang Oktober wird Mitterlehner während einer Veranstaltung seines Ministeriums zum Standort Österreich jedenfalls die Ansiedlung eines weiteren Unternehmens verkünden. Ob das Bejubeln geglückter Projekte reicht, um künftig in Standortfragen vorne mit dabei zu sein, scheint fraglich. Wifo-Chef Aiginger macht Österreichs Chancen als erfolgreicher Standort auf alle Fälle vordringlich am heiklen Thema Bildung fest: „Die besten Universitäts-Absolventen, die besten Lehrlinge – das muss unser Hauptargument für die Zukunft sein“. Beim aktuellen Zustand des heimischen Bildungssystems könnte das problematisch werden.

– Klaus Puchleitner
Mitarbeit: Christina Weissenböck

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Christoph Kotanko, Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten in Wien

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