Die eiserne Lady

FORMAT: Charles Moore, als Margaret Thatcher 1979 die Regierung übernahm, sagte sie: „Wir versuchen, eine abwärtsfahrende Rolltreppe hochzurennen.“

Charles Moore: Die Situation damals erinnert an 2012. Die Regierung gab mehr aus, als sie hatte. Im Gegensatz zu heute besaßen die Gewerkschaften jedoch unvorstellbare Macht. Sie konnten durch Streiks die gesamte Wirtschaft lahmlegen. Zeitweise streikten sogar die Totengräber. Es hieß: „Britain in ­decline“ – Großbritannien im Zerfall.

FORMAT: Wann drehte sich das Schicksal zu Thatchers Gunsten?

Moore: Mit dem Budget 1981. Das Jahr markierte eine der schwierigsten Phasen ihrer Amtszeit. Die Arbeits­losig­keit stieg gegen drei Millionen. 364 Wirtschaftsexperten schickten ­ei­nen ­offenen Brief an die „Times“, in dem sie Thatchers Politik brandmarkten. Das machte ihr Freude. Je mehr Wirtschaftsexperten, desto größer der Irrtum, war ihre Überzeugung. Sie ließ sich nicht ­beirren. In der ­Rezession erhöhte sie die Steuern, was sehr gewagt war.

FORMAT: Im Volk sprach man von „that bloody woman“. Umgekehrt bezeichnete sie viele Parteikollegen abschätzig als „die Weichen“. Deren Konsenskultur war ihr zu­wider.

Moore: Am meisten störte sie, dass sich viele Parteigranden mit dem Niedergang Großbritanniens abgefunden hatten. Für sie war es moralisch besser, eine klare und eigenständige Meinung zu haben. So wurde sie von ihrem ­Vater erzogen. Der Besitzer eines Krämer­ladens in Grantham in den Midlands unterstützte sie nach Kräften. Er war ihr wichtigster Förderer, der größte Held in ihrem Leben.

FORMAT: Ich verdanke der Frauenbewegung nichts“, konstatierte sie.

Moore: Sie äußerte auch nie den geringsten Zweifel, dass der Platz einer Frau im Prinzip zuhause ist. Aber sie war auch fest davon überzeugt, dass die Frauen das fähigere Geschlecht sind.

FORMAT: Schnell wurde Thatcher als Eiser­ne Lady weltbekannt. Kann eine Frau ­eisern und weiblich sein?

Moore: Wegen ihres resoluten Charakters machten viele den Fehler, in ihr einen „Mann im Rock“ zu sehen. Selbst Ronald Reagan sagte zu Beginn, sie sei „der beste Mann in England“. Sie war sich ihrer Rolle als Frau sehr bewusst, aber sie wollte sich nie durch ihr ­Geschlecht kategorisieren lassen. Typische ­Männerdomänen wie Außen­politik oder Militär interessierten sie. Männer auf deren Schlachtfeldern zu schlagen reizte sie.

FORMAT: In ihrer Zeit als Premier­ministerin nahm Thatcher lediglich eine Frau ins Kabinett auf, die nicht lange blieb. Gefiel ihr die Rolle als weiblicher Matador unter Männern?

Moore: Es gab damals nicht viele ­talentierte konservative Frauen im Parlament. Sie war aber auch nicht inter­essiert an Kolleginnen, denn instinktiv wollte sie die einzige Frau sein. Sie zog die Gesellschaft von Männern vor. Einmal an der Spitze der Macht an­gekommen, konnte sie die interessantesten und ­fähigsten Männer im Land in die Downing Street Nummer 10 einberufen. Elfeinhalb Jahre konnte sie all diesen Männern sagen, was sie zu tun hatten. Sie genoss es in vollen Zügen.

FORMAT: Frauen begegnete Thatcher mit Härte, stimmt das?

Moore: Meine eigene Frau beschrieb Thatchers Handschlag einmal als Ringer-artigen Klammergriff. Er war nicht bloß fest, sondern von einer entschlossenen Dynamik. Mit ­Vehemenz räumte sie Frauen aus dem Weg, um an den nächsten Mann zu gelangen.

FORMAT: Welche Art Männer erregten ihre Auf­merksamkeit?

Moore: Sie war in jeder Hinsicht am Außerordentlichen interessiert. Ihre Präferenz waren Männer mit guten Manieren, smart angezogen, von stattlicher Statur und einer altmodisch korrekten Fasson. Was sie verachtete, waren fette und ­lethargische Männer. Helmut Kohl bekam dies deutlich zu spüren.

FORMAT: Thatcher verursachte mir dauernd Kopfschmerzen“, schrieb er in seinen Me­moiren.

Moore: Der arme Kohl! Er gab sich Mühe, eine gute Beziehung aufzubauen. Aber er hatte nicht den richtigen Stil. Er strahlte deutsche Provinz aus. Sie las ihm sogar im Kreis von Staatschefs die Leviten.

FORMAT: Die Kohl-Allergie muss tieferlie­gende Gründe haben. Welche?

Moore: Sie wurde bestärkt durch ihre ziemlich antideutsche Veranlagung. Helmut Schmidt mochte sie zwar recht gut ­leiden, Kohl hingegen betrachtete sie als ­Gefahr. Durch das Ende des ­Kalten Krieges und durch die Wiedervereinigung Deutschlands wurde Kohl auf dem internationalen Parkett immer wichtiger, was sie verärgerte.

FORMAT: Was hielt sie von den Franzosen Giscard und Mitterrand?

Moore: Giscard hätte sie wahrscheinlich von seiner Statur her gemocht, aber sie fand ihn herablassend. Mitterrand schätzte sie, obwohl er klein von Wuchs und Sozialist war – daher verdächtig. Legendär ist sein Zitat, Thatcher habe „die Augen von Caligula und die Lippen von Marilyn Monroe“. Das schien ihr zu gefallen. Auch schätzte sie seine Unterstützung im Falklandkrieg.

FORMAT: 27.000 Mann schickte Thatcher um die ­halbe Welt, um eine kleine Inselgruppe zu befreien. Hatte sie je Zweifel an der Mission?

Moore: Sie sagte: „Scheitern? Die Möglichkeit existiert nicht!“ Doch der Krieg ging ihr sehr nahe. Als sie von der Zerstörung der „HMS Sheffield“ erfuhr, bei der zwanzig Matrosen umkamen, sank sie in Tränen auf ­ihrem Bett zusammen. Dann war ihr Mann Denis, eine stille Figur, eine unverzichtbare Stütze. Denis war der Fels in ihrem Leben, wohl der einzige.

FORMAT: Wie hat die Rückeroberung der Falklandinseln Thatchers Kampf gegen die Kohlearbeiter beeinflusst?

Moore: Mit dem Krieg gewann sie im Land enorm an Prestige. 1983 wurde sie durch einen Erdrutschsieg im Amt bestätigt. Somit war „Battling Maggie“, wie sie von der Boulevardpresse genannt wurde, gerüstet für den Kampf gegen die streikenden Bergwerksarbeiter, dem sie zuvor aus dem Weg gegangen war.

FORMAT: Gewerkschaftsführer nannte sie den „Feind im Innern“. Weshalb zeigte sich Thatcher derart unerbittlich?

Moore: Gewerkschaftsführer Scargill stand den Kommunisten sehr nahe und versuchte, das Land aus dem Innern zu destabilisieren. Von daher war der Ausdruck „Feind im Innern“ gerechtfertigt. Das Ganze hatte die Züge eines epischen Klassenkampfes. Für Thatcher stand die Zukunft der parlamentarischen Demokratie auf dem Spiel. Hier sah sie keinen Spielraum für Kompromisse.

FORMAT: Seit sieben Jahren studieren Sie Thatchers persönliche Akten. Haben Sie neue Charakterfacetten entdeckt?

Moore: Thatcher überließ nichts dem Zufall. Sie konnte eine sehr herrische Person sein, aber sie war in keiner Weise blutrünstig. Sie achtete das Gesetz sehr genau. Sie konsultierte viele Meinungsträger und wälzte deren Standpunkte in ihrem Kopf. War der Entscheid einmal gefällt, hielt sie mit eisernem Willen an ihm fest. Das Eiserne war eine Seite ihres Charakters. Für ihren Erfolg waren aber Schläue und Kampfgeist ebenso wichtig.

FORMAT: Eines ihrer berühmtesten Zitate, gerichtet an ihre Gegner: „Ihr könnt einlenken, wenn ihr wollt. Die Lady wird nicht umkehren.“

Moore: Das sagte sie bereits 1980 in Bezug auf die Wirtschaftspolitik. Die Leute sagten, ich inklusive: „Sie muss einen Kurswechsel vollziehen, sie kann die harte Linie nicht durchziehen.“ Sie sah ihren Willen auf dem Prüfstand und belehrte uns eines Besseren. Zudem verstand sie es, ihre Unbeugsamkeit in prägnante Schlacht­rufe zu gießen, welche Gegner einschüchterten und Anhänger befeuerten.

FORMAT: Stimmt es, dass sie anfänglich eine ­schrille Stimme hatte?

Moore: Ja, dank der Hilfe von Schauspieler-Legende Laurence Olivier konnte sie das korrigieren. Olivier vermittelte ihr Sprechunterricht im National Theatre, und bald machte die keifende Hausfrauenstimme tiefen, geschliffenen Tönen Platz.

FORMAT: Woher stammt der Ausdruck Eiserne Lady?

Moore: Drei Jahre bevor sie Premierministerin wurde, hielt sie eine flammende Rede über die Schwäche
der NATO. Die Zeitung der Roten Armee berichtete und nannte sie „Eiserne Lady“. Der Begriff wäre möglicherweise im Westen unbemerkt geblieben, wenn nicht Thatcher selbst ihn sofort aufgegriffen hätte. Er ging dann um die Welt.

-Urs Gehringer, Weltwoche

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