Die Jungen schauen durch die Finger: Warum das Pensionssystem zersplittert

Bei der Pension gehen die Jungen künftig fast leer aus. ­FORMAT zeigt an sechs Punkten, woran das öffentliche System, aber auch die privaten Ergänzungen kranken.

Eigentlich klingt alles ganz einfach. Die unverschämten Alten fordern zu viel Geld, die Jungen – ohnedies als Arbeits­kräfte, Steuerzahler und Eltern überfordert und ausgebeutet – haben die Zeche zu zahlen. Allein, so simpel ist die Formel nicht. Fakt ist, dass der an sich solidarische Generationenvertrag, wie er seit 60 Jahren funktioniert hat, auf Wirtschaftswachstum und einem ausgewogenen Verhältnis von Erwerbstätigen und Pensionisten beruhte. Beide Fixgrößen der Vergangenheit sind in den letzten Jahren ins Schleudern geraten, und nun zeigt sich Stück für Stück das Gesamtbild eines Pensionssystems, das heute zersplittert, un­übersichtlich und teilweise ungerecht ist. FORMAT zeigt im Folgenden sechs Punkte auf, warum das öffentliche Pen­sionssystem bei Beibehaltung des Status quo nicht mehr finanzierbar ist, und bietet sorgsam recherchierte Zahlen als Grundlage für die Pensionsdebatte.

Aktuelle Aufreger
In der aktuellen politischen Diskussion um die Pensionen sorgen derzeit vor allem zwei Themen für Auf­regung: der jährliche Streit um die Anhebung der Pensionen, den die beiden Pensionistenvertreter Karl Blecha und Andreas Khol wie gewohnt mit Verve ­führen. Und zum anderen die Ankündigung von Finanzminister Josef Pröll, die umstrittene Hacklerregelung noch vor ihrem Auslaufen 2013 abzuschaffen. Beide Punkte sind aber tatsächlich nur Mosaik­steine in einem weitläufigeren System, das zu einem Zeitpunkt geschaffen wurde, als das gesetzliche Regel-Pensionsantrittsalter von 65 Jahren mit der Lebenserwartung eines Mannes übereingestimmt hat. Im Jahr 2009 hingegen hat ein neugebo­renes Kind eine 50-Prozent-Chance, 100 Jahre alt zu werden. Ein unmissverständliches Indiz, wie veränderungsbedürftig dieses anachronistische System ist. Freilich: Auch private Ergänzungen kranken.

Das Demografie-Dilemma
Eine Anekdote aus der Geschichte der Pensionsversicherung kann der IHS-Experte Ulrich Schuh erzählen: „Als das System zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand, waren das gesetzliche Pensionsantrittsalter und die Lebenserwartung für Männer ident.“ Nämlich 65 Jahre. Inzwischen liegt die Lebenserwartung in Österreich bei 82,9 Jahren für Frauen und bei 77,4 Jahren für Männer. Bis 2060 steigt die Lebenserwartung für Männer gar auf 84,5 Jahre. So erfreulich diese Zahlen und Aussichten für den Einzelnen sein mögen, gesellschaftlich werden sie zum Problem, wenn gleichzeitig immer weniger Kinder geboren werden. Denn die Fertilitätsrate lag 2008 bei 1,41 Kindern pro Frau, im Nachkriegs-Hoch 1963 bei 2,82 Kindern. ­Diese Entwicklungen an Basis und Spitze der demografischen Pyramide sorgen für viele der ­Probleme, die im Weiteren beschrieben werden. Vor allem bringen sie das bisherige Verhältnis durcheinander. Denn nach Prognosen des Rechnungshofes sollen im Jahr 2030 rund 65 Menschen über 60 Jahre auf 100 Erwerbstätige kommen. Das Umlageverfahren wird aber bei steigendem Anteil von älteren Menschen nur dann nicht belastet, wenn entweder der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung oder aber das Pensionsalter steigt.

Pensionsantritt: Zu junge Pensionisten
Die Österreicher verabschieden sich früh aus dem Erwerbsarbeitsleben.  Wer könnte es ihnen verdenken: „Die Anreize, länger zu arbeiten, sind gering“, erklärt der Pensionsexperte Bernd Marin. Arbeiten bis 68 lohnt sich in Österreich kaum: Das Pensionsplus bei der Korridorpension beträgt gerade mal 4,2 Prozent pro Jahr, gedeckelt mit 12,6 Prozent. Anders in Schweden, dort schlagen sich vier Jahre mit 43 Prozent plus zu Buche. Auch die österreichischen Abschläge sind vergleichsweise niedrig: Ein Jahr weniger Arbeit kostet hierzulande 2,1 bis 4,2 Prozent, die Schweden zahlen für jedes Frühpensionsjahr sechs bis acht Prozent. „Darüber hinaus wurde die Pensionsautomatik in die Luft gesprengt“, meint Marin – der laufende, klein dosierte Anstieg des Regelpensionsalters um ein paar Tage jährlich ist damit auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Folge davon: Österreich ist bei den Männern nach Frankreich Frühpen­sions-Vizeuropameister. Anders gesagt heißt das, dass nur mehr 41 Prozent aller 55- bis 64-Jährigen arbeiten (siehe Grafik). Damit mehr Ältere arbeiten können, braucht es eine andere Lebenseinkommenskurve. Arbeitsrechtler Wolfgang Mazal erklärt, warum: „Durch automatische Lohnerhöhungen werden ältere Arbeitnehmer unverhältnismäßig teuer.“

Zu viele Pensionsschlupflöcher: Von der Hackler- bis zur Invalidenpension
Die Pensionsreform von 2003 hatte zum Ziel, das System für die Zukunft zu sichern. Mit Pensionsautomatik und -monitoring hätte das theoretisch gelingen können. Selbst damit errechnete IHS-Experte Ulrich Schuh einen Anstieg der Kosten für die Pensionsversicherungsanstalt von rund zehn auf ganze 13,5 Prozent des BIPs allein für ASVG-Pensionisten. Der Ist-Zustand des Systems besagt weit Schlimmeres: Kosten von fast 18 Prozent des BIPs. Schuld sind die zahlreichen Ausnahmen vom Regelpensionssystem. Zum einen wäre da die sogenannte „Hacklerregelung“, die offiziell Pension für Langzeitversicherte heißt: Damit können Männer mit 60, Frauen mit 55 ohne Abschläge in Pension gehen – sofern sie 45 bzw. 40 Jahre gearbeitet haben. Hatte die Frau Kinder, reichen 35 Jahre aus. Wenn auch im Moment innerkoalitionär umstritten: Die Möglichkeit, in Hacklerpension zu gehen, gibt es vorläufig bis 2013, egal ob für Arbeiter, Angestellte oder Beamte. Aktuell sind es bereits 74.224. Das kostet Geld. „Geld, das künftig fehlt“, meint Schuh. „Das wird sich notgedrungen in vergleichsweise niedrigeren Pensionen niederschlagen.“ Trotzdem weigert sich die SPÖ im Moment, die Hacklerpension vor dem Jahr 2013 ausschleifen zu lassen. Mehrkosten verursacht aber auch anderes. Denn laut Bernd Marin sind manche über die Invalidenpension zu früh in den Ruhestand geschlüpft: „In Österreich geht bereits jeder zweite Mann in die Invalidenpension. Nur in Ungarn sind es mehr.“

Pensionserhöhung: Die Khol-Blecha-Front
Seniorenbund-Obmann Andreas Khol und Pensionistenverbands-Präsident Karl Blecha kämpfen Jahr für Jahr Seite an Seite für höhere Pensionen für ihre 2,2 Millionen Pensionisten. Der Ex-Nationalratspräsident und der Ex-Innenminister verlangen dabei eine Erhöhung um den sogenannten Preisindex für Pensionistenhaushalte (PIPH) von 1,9 Prozent, die Regierung bietet eine Erhöhung um nur 1,5 Prozent nach dem Verbraucherpreisindex. Verhandelt wird Anfang November, vorher wird die Pensionskommission am 30. Oktober noch eine Erhöhung um 1,5 Prozent empfehlen. Blecha und Khol argumentieren jedoch, dass 0,4 Prozent mehr oder weniger das System nicht ins Wanken bringen und verweisen auf die vielen Rentner, die ohnedies nur eine Mindestpension erhalten würden. Tatsächlich erhalten 700.000 Pensionisten eine monatliche Pension von unter 714 Euro. Die Durchschnittspensionen im ASVG-Bereich liegen bei 938 Euro. Allerdings ist aus Generationensicht nicht verständlich, warum die Pensionisten einen eigenen Preisindex für sich beanspruchen, der für andere Bevölkerungsgruppen nicht gilt. Der treibt die Erhöhungen jährlich noch weiter voran.

Atypische: Der Arbeitsmarkt verändert sich
Problematisch ist aber auch die Entwicklung der Arbeit selbst: 
Nicht nur dass mit mehr Arbeitslosen in den kommenden Jahren weniger Geld in die Kassa fließt; unser Pensionssystem orientiert sich am „Norm“-Arbeitsverhältnis: 40 Stunden pro Woche, über Jahrzehnte, und das ohne Pausen. Ein Mann, der dank Hacklerregelung mit 60 in Pension geht, profitiert eindeutig davon: Trotz jahrelanger Beitragsleistung hat er sich selbst nur 9,5 Jahre Pension finanziert. Der 60-Jährige hat durchschnittlich aber noch 22 Jahre vor sich: Zwölfeinhalb Jahre der Pension müssen deshalb die jetzt arbeitende Generation und der Staat finanzieren. Demgegenüber stehen schon jetzt viele Teilzeit­arbeitende, darunter vor allem Frauen, ­deren Pension nicht einmal zum Leben reicht. Frauen arbeiten fünf Jahre weniger, die Lohnerhöhungen während der Zeit fehlen. „Das System ist also weder gerecht, noch für die Zukunft gesichert“, befindet die grüne Landtagsabgeordnete Marie Ringler. Es wird auch nicht von alleine ­gerechter, da immer mehr Menschen atypisch arbeiten. Lange Praktika-Zeiten, unerwünschte Pausen und kein ständig steigendes Einkommen. Menschen mit kürzeren Pensionsversicherungszeiten werden damit immer mehr die Regel. Für mehr Gerechtigkeit und eine dauerhafte Finanzierbarkeit schlägt Ringler deshalb zweierlei vor: eine gesicherte Mindestpension, von der es sich ohne Armutsgefährdung leben lässt, und ­einen Deckel nach oben hin, also eine Höchstpension. Damit bleibt mehr für jene, die jetzt benachteiligt sind.

Ungerecht: Beamtenpensionen sind teurer
Beamte sind privilegiert. Speziell bei den Pensionen. Auch Seniorenbund-Chef Andreas Khol weist darauf hin: „Die eigentliche Ungerechtigkeit ist, dass die Durchschnittspension von Beamten ähnlich hoch ist wie die ASVG-Höchstpension.“ Und tatsächlich: Der ASVG-Pensionist erhält höchstens 2.720 Euro, Beamte im Schnitt 2.695 Euro. Jene im Bund weniger, der Kärntner Landesbeamte mit Uni-Abschluss erhält aber sogar 3.594 Euro an Ruhegenuss. Deshalb ist sogar im Rechnungshof-Bericht vermerkt: Die gesamte Pension eines Akademikers bis zum Tod „ist in Kärnten mit 966.100 Euro um 94 Prozent höher als beim Bund“. Für alle vor 1955 Geborenen gilt: Beamtenbezüge steigen vor allem zum Schluss enorm. Danach gibt es drei Säulen: Jene, die mehr als 35 Jahre ­arbeiteten, erhalten 100 Prozent ihres Letztbezugs, andere 80 Prozent. Wieder anderen wird ihre Pension aus den besten fünf Verdienstjahren berechnet. Der Plan ist zwar die stufenweise Anpassung ans ASVG-System bei Bund und Ländern. Die dauert allerdings bis 2049. Dazwischen gibt es mit einer Parallelrechnung bereits weniger lukrative Mischformen. Und die aktuelle Überprüfung der Landespensionen durch den Rechnungshof zeigt: Fünf Bundesländer – Salzburg, Tirol, Burgenland, Wien und Kärnten – sind auch dann noch nicht so weit. 714 Millionen Euro an zusätzlichem Einsparungspoten­zial ließen sich laut Rechnungshof bis 2049 heben. Trotzdem sieht Rechnungshof­präsident Josef Moser Fortschritte und „Bemühungen“, die Systeme an jenes des Bundes anzupassen. Viel gravierender ist für ihn etwas anderes: Die Hacklerregelung greift auch bei den Beamten. „Das kostet den Staat pro Person 187.000 Euro.“ Und nicht nur das: Beamte zahlen zwar mehr Pensionsbeiträge, den Dienstgeber-Anteil bezahlt aber auch der Staat.

Martina Madner, Markus Pühringer

Kaiserin Maria Theresia (1717 - 1780)

100 Jahre Republik - die neuen Habsburger

Kaiser, Kronprinz, Erzherzog - der Stammbaum der Habsburger

Betriebsversammlung der ÖBB-Mitarbeiter

Wirtschaft

KV-Verhandlungen: ÖBB zahlt freiwillig drei Prozent mehr Gehalt

Interview

Politik

"Wir brauchen kein höheres Pensionsantrittsalter"