Die Dissertation von EU-Kommissar Johannes Hahn steht neuerlich am Pranger

Nach außen hin bleibt er noch cool. Aber angeblich ist EU-Regionalkommissar Johannes Hahn dieser Tage im kleinen Kreis seiner Mitarbeiter alles andere als gut gelaunt. Eine alte Affäre holt ihn ein – und zwar gründlich.

Die Gerüchte um die Dissertation des ehemaligen Wissenschaftsministers sind schon viele Jahre alt. Aber der Rücktritt des deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg hat in die entschlafene Causa frischen Wind gebracht. Immer lauter wird nun auch in Österreich der Ruf nach mehr Transparenz und Kontrolle bei akademischen Abschlussarbeiten. Die „Initiative Transparente Wissenschaft“ macht bereits Druck auf Wissenschaftsministerin Beatrix Karl, um „die lückenlose und vor allem transparente Aufklärung jener Fälle, die in den vergangenen Tagen die heimischen Medien dominierten“ zu garantieren.

Die Jäger von Hahn und Co heißen Herbert Hrachovec, Gerhard Fröhlich und Stefan Weber, allesamt renommierte Wissenschaftler in ihren Disziplinen. Der Wiener Philosoph, der Linzer Wissenschaftsforscher und der Klagenfurter Medienwissenschaftler haben schon vor Jahren die Dissertation Hahns einer ersten Untersuchung unterzogen und hatten Plagiatsvorwürfe gegen den damaligen Wissenschaftsminister erhoben. Hrachovec wirft der Universität Wien bis heute vor, „mit einer ausgeklügelten Strategie die transparente Behandlung dieses Problems“ verhindert zu haben. Die Uni habe jenem Gutachter, der 2007 die Arbeit untersucht hatte, nur Ausschnitte aus Hahns Dissertation zur Verfügung gestellt. Der damalige Prüfer der Universität Zürich, Professor Peter Schulthess, lässt FORMAT in einem knappen Statement ausrichten, dass es sich um Stellungnahmen und nicht um ein Gutachten gehandelt habe. Ob in diese Einblick gewährt wird, entscheide die Universität Wien. Die weigert sich bis heute.

An der Universität Klagenfurt steht indes ein prominenter Ex-Politiker am Prüfstand. Dort wird dieser Tage die Diplomarbeit von Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser aus dem Jahr 1991 genauer beleuchtet. „Aufgrund des öffentlichen Interesses haben wir uns entschlossen, zu der schon begonnenen internen Überprüfung auch die Agentur für wissenschaftliche Integrität hinzuzuziehen“, sagt Vizerektor Hubert Lengauer.

Geklaut ist nicht geklaut

Vom Einzelfall mal abgesehen: „Prominente Plagiatsfälle haben zumindest den Vorteil, dass das Problembewusstsein steigt“, sagt Christoph Badelt, Rektor der Wiener Wirtschaftsuniversität. Die Studenten würden durch die öffentliche Diskussion nun registrieren, dass das nicht gekennzeichnete Abschreiben kein Kavaliersdelikt ist, sondern Folgen nach sich ziehe – die negative Beurteilung der Arbeit oder die Aberkennung des Titels. In schwerwiegenden Fällen kann es sich dabei auch um Betrug handeln, der strafrechtlich verfolgt wird.

Eine Stichprobenüberprüfung von Stefan Weber ergab 2007, dass zumindest ein Prozent der abgegebenen Abschlussarbeiten Plagiate sind. Wann ein Plagiat überhaupt Folgen nach sich zieht, ist jedoch nicht immer eindeutig nachvollziehbar. Mittlerweile ist es zwar Standard, dass Bachelor-, Diplom- und Doktorarbeiten durch Plagiatssoftware- Programme überprüft werden. Ist das der Fall, liegt es aber an der jeweiligen Universität, wie sie damit auf Basis des Universitätsgesetzes umgeht.

An der Politikwissenschaft Wien genügt ein halber, nicht als Zitat gekennzeichneter und abgeschriebener Satz, um eine wissenschaftliche Arbeit als Plagiat zu deklarieren. In einem Fall der Uni Salzburg, bei dem 47 Seiten einer Diplomarbeit abgeschrieben wurden, konnte der Absolvent seinen Magistertitel wiederum behalten. „Wir haben das mehrfach eingehend geprüft“, so Vizerektor Rudolf Mosler, „aber der plagiierte Teil betraf nicht das Kerngebiet der Arbeit.“

Generell habe man jedoch die Vorsichtsmaßnahmen gegen Plagiate verschärft, so Mosler. Bevor Studenten mit ihren Abschlussarbeiten beginnen können, werden etwa Betreuungsvereinbarungen mit dem Universitätspersonal getroffen, um am Ende nicht vor bösen Überraschungen zu stehen. An der Universität Klagenfurt gilt seit 2007 ein strenger „Code of Conduct“, also wissenschaftliche Verhaltensregeln, an der Universität Wien werden zum Teil sogar für Seminararbeiten Erklärungen von den Studenten eingefordert, dass sie diese selbst verfasst haben. „Das schreckt ab und ermöglicht im Bedarfsfall rechtliche Schritte“, sagt Professorin Birgit Sauer. Gerade am Umgang mit den Vorwürfen gegenüber Johannes Hahn zeige sich, so Hrachovec, dass es an den Unis selbst dringenden Handlungsbedarf gibt – und zwar bezüglich Transparenz: „Wenn die Universitäten weiter solche selbstmörderischen Attitüden an den Tag legen, verlieren sie ihren Sinn als Instanzen, die Titel vergeben können.“

– Martina Bachler, Martina Madner

Kommentar
Heide Schmidt, Juristin und Politikerin (zunächst FPÖ, dann Gründerin des Liberalen Forums LIF).

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