Deutschland: Der Retter in Not

Die Luft ist frisch, das Wetter hält, ganz in der Nähe glänzt der Ortler in der Sonne. Es ist die erste Woche im August, die Zeit zum Durchatmen und Erholen, und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel lässt sich von Reinhold Messner durch die Südtiroler Berge führen - wenn sie nicht gerade mit einem der anderen europäischen Regierungschefs telefoniert.

Deutschland: Der Retter in Not

Denn abseits von Feriendestinationen wie dem beschaulichen Sulden in Südtirol ist in der europäischen Schuldenkrise von Entspannung keine Spur. Das gilt für Griechenland, dem das Bargeld auszugehen droht. Das gilt für Spanien und Italien, wo Rezession, Arbeitslosigkeit und steigende Zinsen auf Staatsanleihen weiter um sich greifen. Und zunehmend gilt das auch für jenes Land, das eigentlich als fester Pfeiler in der Euro-Rettungskonstruktion gilt: Deutschland.

Auch auf knapp 3.000 Meter Seehöhe wird Angela Merkel die nicht abreißen wollenden internationalen Zurufe noch hören, das Land solle in der Eurokrise mehr Verantwortung - also mehr finanzielle Verpflichtungen für Krisenländer - übernehmen. Allerdings wird es in Deutschland selbst immer ungemütlicher. Die Exporte gehen zurück, das Geschäftsklima verschlechtert sich, der politische Rückhalt schwindet - und weitere Hilfszahlungen an Peripherieländer werden wahrscheinlicher.

Die amerikanische Ratingagentur Moody’s hat deshalb den Ausblick für die bisher unangreifbare AAA-Bonität Deutschlands auf "negativ“ gesenkt. Jean Egan, Chef der Ratingagentur Egan Jones, hält längerfristig sogar eine Staatsinsolvenz Deutschlands für möglich. "Irgendwann trifft es auch die Retter“, so Egan in der "Welt am Sonntag“, "die Märkte unterschätzen das zukünftige Bonitätsrisiko, das bei einer Vergemeinschaftung der Schulden entsteht.“

Deutsche Politiker, aber auch Ökonomen stellen immer häufiger die Frage: Kippt also auch Deutschland? Und: Was macht Europa, wenn die Deutschen die Reißleine ziehen?

Keiner haftet mehr

Bisher galt es als ausgemacht: Entsprechend seiner Größe kommt Deutschland für den größten Teil der Eurohilfen auf. Das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut ifo hat errechnet, dass der europäische Klassenprimus mittlerweile mit 771 Milliarden Euro für seine Euro-Partner geradesteht. Diese Summe setzt sich aus geleisteten Hilfspaketen, übernommenen Haftungen und Garantien, dem Anteil an Staatspapieren, die die EZB von Krisenländern übernahm, sowie dem Anteil am sogenannten Target-Verrechnungssystem der Notenbanken zusammen.

Immer öfter regt sich deshalb Unmut, sobald die Rede auf weitere Hilfszahlungen kommt. Ökonomen wie der umstrittene Hans-Werner Sinn fordern den Zahlungsstopp. Auch Politiker beginnen zu zweifeln. Zuletzt sorgte Regierungsmitglied und FDP-Chef Philipp Rösler für Aufregung. "Die Griechen werden selber zu der Überzeugung kommen, dass es vielleicht klüger ist, aus der Eurozone auszutreten“, sagte er.

Euro-Austritt Deutschlands?

Die Stimmung in Deutschland wird rauer, seit die Forderung nach der Vergemeinschaftung von Schulden lauter wird, die für viele Experten längerfristig der einzige Weg ist, wie die gemeinsame Währung ihre Konstruktionsfehler überwinden kann. Was aber passiert, wenn die Deutschen keine Lust mehr haben, weiter zu zahlen? Ohne alternative Lösungen könnten die restlichen Länder die Verpflichtungen für die Krisenstaaten nicht tragen, denn schon mit der Beteiligung Deutschlands droht der Rettungsschirm zu kollabieren, sollten Spanien und Italien ihn benötigen. Die Währungsunion würde zerfallen - auch auf Kosten Deutschlands.

"Deutschland wäre der große Verlierer“, sagt Marcus Scheiblecker vom Forschungsinstitut Wifo. Laut ifo müsste es die besagten 771 Milliarden Euro abschreiben, mehr als das Doppelte des Staatshaushalts - mit Auswirkungen auf das Rating.

Aber die Meinungen sind geteilt: Laut den US-Ökonomen Clyde Prestowitz und John Prout wäre ein Ausstieg Deutschlands aus der Währungsunion sogar deren Rettung. Denn die anderen Länder könnten dann ihre Schulden vergemeinschaften und gemeinsame Eurobonds begeben. Der Preis für Deutschland: ein Rückschlag bei den Exporten durch die Aufwertung seiner neuen Währung und ein zeitweiliger Anstieg der Arbeitslosigkeit, so die Ökonomen.

Sicherer Hafen

Beide Szenarien sind momentan aber höchst unwahrscheinlich, denn Deutschlands Bekenntnis zur Währungsunion ist trotz aller Widerstände klar. Noch ist auch die Bonität nicht in Gefahr. Zwar warnen Experten wie ifo-Chef Hans-Werner Sinn davor, Deutschland habe sich bereits finanziell übernommen. Doch die Zinsen auf Bundesanleihen sind so niedrig wie noch nie, eine Herabstufung hätte ähnlich wie beim Verlust des Triple-A-Ratings der USA keine Auswirkungen.

Aber auf ewig garantiert ist der Status als "Sicherer Hafen“ dennoch nicht: Laut Moody’s könnte Deutschland ihn verlieren, würden weitere Hilfen für Banken und Staaten fällig. Oder würde der Euro-Austritt eines Landes einen Schock mit enormen finanziellen Problemen verursachen; oder würden die Refinanzierungskosten stark ansteigen. "Das wäre der Zeitpunkt, ab dem Anleger den Euro-Zusammenbruch mit sehr hohen Kosten für Deutschland und Österreich befürchten und die Kapitalflucht aus der gesamten Eurozone stattfindet“, meint Ansgar Belke, Ökonom an der Uni Duisburg-Essen.

Die Abhängigkeit ist also beidseitig: Die Eurozone braucht Deutschland als ihren Retter, doch Deutschland braucht auch die Eurozone. Nach wie vor wagt niemand, die Kosten des Worst Case zu berechnen. "Der Nutzen des Erhalts der Währungsunion wird lange die Kosten überwiegen“, sagt etwa Valentin Hofstätter, Analyst bei der Raiffeisen Zentralbank.

Ökonomisch gäbe es laut Hofstätter noch Spielraum, dass Deutschland und Österreich weitere Hilfen übernehmen, denn die Schuldenstände seien vergleichsweise gering. Politisch hält er das für kaum durchsetzbar: Strukturreformen blieben sonst auf der Strecke. Auf lange Sicht wäre ein Fass ohne Boden auch für Deutschland nicht tragbar. Gegen zusätzliche Hilfe durch die EZB hat sich Merkel bisher gewehrt. Vielleicht hat die italienische Luft das geändert.

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