Deutscher Altbundeskanzler Helmut Schmidt gestorben

Der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt ist im Alter von 96 Jahren in Hamburg verstorben. Der deutsche Sozialdemokrat war als Krisenmanager schon früh gefordert. Auch im hohen Alter war er oft präsent und hoch geachtet. Die SPD folgt auch heute seinem Pragmatismus. Er war bis zuletzt Mitherausgeber der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit".

Deutscher Altbundeskanzler Helmut Schmidt gestorben

Helmut Schmidt *23. Dezember 1918 +10. November 2015

Hamburg. Einer der bedeutendsten Poltiker von Deutschland lebt nicht mehr: Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt ist tot. Der Sozialdemokrat starb nach Angaben seines Arztes Heiner Greten am Dienstag gegen 14.30 Uhr im Alter von 96 Jahren in seiner Heimatstadt Hamburg.

Schmidt war von 1974 und bis 1982 als Nachfolger von Willy Brandt Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. In der großen Koalition führte er von 1967 bis 1969 die SPD-Bundestagsfraktion und war danach Verteidigungs- und Finanzminister.

Als Kanzler war der Diplomvolkswirt unter anderem mit der weltweiten Ölkrise in den 70er-Jahren und dem Kampf gegen den Terrorismus der "Roten Armee-Fraktion" konfrontiert. Auch die Auseinandersetzung um den NATO-Doppelbeschluss prägte Schmidts Kanzlerschaft. Im Herbst 1982 scheiterte die von Schmidt geführte Koalition mit der FDP an Differenzen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Seit 1983 war Helmut Schmidt Mitherausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit", er schrieb zahlreiche Bücher und war für Vorträge viel auf Reisen. Auch im hohen Alter war seine Meinung gefragt und geschätzt.

Der "Elder Statesman"

Seinen politischen Einfluss hat Altbundeskanzler Schmidt bis ins hohe Alter bewahrt. Zahlreiche deutsche Spitzenpolitiker - vor allem von der SPD - holten sich in den vergangenen Jahren Rat beim Altkanzler. In seinen letzten Lebensjahren fiel dem starken Raucher das Gehen und Hören allerdings zusehends schwerer. Zuletzt war Schmidt im September wegen eines Blutgerinnsels am Bein operiert worden.

Geistig und politisch aber blieb der fünfte Kanzler der Bundesrepublik Deutschland auch mehr als 30 Jahre nach seinem Sturz als respektierter "Elder Statesman" präsent - oft mehr geachtet als geliebt. Nur wenige Politiker standen so sehr für die Geschichte der "alten" Bundesrepublik wie Schmidt.

Von Schmidts politischer Laufbahn dürften vor allem zwei Bilder im Gedächtnis der Republik bleiben: Der junge, agile Hamburger Innensenator, der in der Sturmflut-Katastrophe vom März 1962 seinen Ruf als Krisenmanager erwarb. Und der würdevolle Staatsmann, der am 1. Oktober 1982 Helmut Kohl gratuliert, der ihn soeben per Misstrauensvotum als Kanzler gestürzt hatte.

Scharf Kante

Dazwischen lagen zwei Jahrzehnte, in denen der gebürtige Hamburger mit dem scharfen Scheitel und der scharfen Rede die bundesdeutsche Politik prägte. In seine Amtszeit als Bundeskanzler zwischen 1974 bis 1982 fällt der "deutsche Herbst" mit der Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer durch Mitglieder der Rote Armee Fraktion (RAF) 1977 und die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut", die mit der spektakulären Geiselbefreiung auf dem Flughafen in Mogadischu durch die Spezialeinheit GSG 9 endete.

Das Ende seiner Kanzlerschaft war geprägt von heftigem Streit in der sozial-liberalen Koalition über den wirtschaftspolitischen Kurs sowie die Diskussion über den NATO-Nachrüstungsbeschluss für Mittelstreckenraketen, in der Schmidt zusehends an Rückhalt in der eigenen Partei verlor.

Die Schmidt-Schnauze

Wegen seiner Kenntnis globaler wirtschaftspolitischer Zusammenhänge wurde Schmidt in den Medien als "Weltökonom" bezeichnet. Sein Spitzname "Schmidt-Schnauze", den er bei politischen Gegnern hatte, geht auf den Anfang seiner Karriere im Bundestag als Militärexperte der SPD zurück, wo er sich heftige Wortgefechte mit dem damaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß lieferte.

1969 wurde Schmidt zunächst selbst Verteidigungsminister im ersten SPD/FDP-Kabinett von Kanzler Willy Brandt. Als Wirtschafts-und Finanzminister Karl Schiller im Zusammenhang mit der Währungskrise im Juli 1972 zurücktrat, wurde Schmidt vorübergehend dessen Nachfolger und übernahm das Finanzressort nach der Bundestagswahl im gleichen Jahr mit erweiterten Kompetenzen.

Der Kanzler

Die Affäre um den DDR-Agenten Günter Guillaume im Bundeskanzleramt führte im Mai 1974 zum Rücktritt Brandts. Im Anschluss an die Wahl von Walter Scheel zum Bundespräsidenten wurde Schmidt am 16. Mai 1974 zum fünften Kanzler der Bundesrepublik gewählt.

Außenpolitisch suchte Schmidt, Brandts Kurs der Annäherung zwischen Ost und West fortzusetzen, vermied es dabei aber, allzu große Hoffnungen auf eine baldige Entspannung zu wecken. Im westlichen Ausland wurde Schmidt vor allem wegen seiner Wirtschaftskompetenz geschätzt. Oft wurde von ihm mit Blick auf seine guten Kontakte zu dem damaligen französischen Präsidenten Valerie Giscard d'Estaing die Lösung schwieriger Probleme zugetraut. Mit Giscard begründete er die sogenannten Weltwirtschaftsgipfel. Auf Schmidts Initiative geht auch das Europäische Währungssystem (EWS) zurück, das als Vorläufer der Währungsunion gilt.

Der Herausgeber

Mit der Amtsübergabe an seinen Nachfolger Kohl war Schmidts aktive politische Laufbahn zu Ende. Als Ex-Kanzler blieb er jedoch in der Öffentlichkeit präsent. Sein Nachfolger bekam "Schmidt-Schnauze" zu spüren, der seit 1983 als Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" die Weltpolitik und die Weltwirtschaft kommentierte.

Schmidt lebte in Hamburg lange mit seiner Ehefrau Hannelore (Loki) zusammen, mit der er bis zu deren Tod 68 Jahre verheiratet war. Die Pädagogin und Botanikerin starb 2010. Zwei Jahre später wurde bekannt, dass Schmidt eine neue Beziehung hatte.

Der Pragmatiker

Der zeitliche Abstand ließ auch in der SPD den Respekt für ihren Altkanzler wachsen, dessen Biografie bis in eine Zeit als Flakhelfer im 2. Weltkrieg reichte. Die Wertschätzung für den Altkanzler zeigte sich 1998, als Schmidt Gerhard Schröder beim Leipziger Parteitag seinen Segen gab und mit Wehmut und Respekt gefeiert wurde. Schröder wie Schmidt, ihren beiden letzten Kanzlern, verdankt die SPD den ungeliebten Regierungspragmatismus.

Dieser Grundsatz ist bis heute aktuell und wird auch von Sigmar Gabriel als Vize unter Kanzlerin Angela Merkel befolgt. Im Dezember 2011 lag ihm seine SPD zuletzt zu Füßen: In einer mit "Helmut, Helmut"-Rufen bejubelten einstündigen Rede auf dem SPD-Bundesparteitag warnte Schmidt vor einem Rückfall Europas in nationalstaatliche Rivalitäten.

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