"Der Wähler ist ein Trottel"

"Der Wähler ist ein Trottel"

FORMAT: Wer sitzt hier eigentlich – Freunde, Feinde oder wiedervereinigte Freunde?

Hirschmann: Das wird doch hoffentlich kein Therapiegespräch?

Paierl: Dazu gibt es nicht viel zu sagen.

Hirschmann: Der eine geht diesen Weg, der andere jenen. Wir waren an einer Kreuzung, nahmen andere Richtungen, dann kam ein Kreisverkehr und nun läuft es wieder rund. Ich glaube aber nicht, dass das irgendwen interessiert.

Paierl: Konflikte wurden hochstilisiert.

Hirschmann: Es gibt einen schönen Spruch von Helmut Kohl: Es zahlt sich nicht aus, jemandem länger als zwei Jahre böse zu sein.

Inzwischen eint Sie wieder vieles, warum nicht auch ein politisches Engagement?

Paierl: Ich glaube nicht an den Bedarf einer zusätzlichen Partei. Es gibt die Neos, das Team Stronach und so weiter. Dass wir beide auf unsere alten Tage noch einmal für eine Sache den Kasperl geben, ist nicht drin.

Hirschmann: Für intelligentere politische Angebote gibt es hierzulande derzeit einfach keinen Bedarf. Wenn jemand sagt, ich erzähle die Wahrheit, ich kremple die Ärmel auf und bewege etwas, dann wird der nicht gewählt. Wenn du den Leuten sagst, jetzt gehen wir ans Eingemachte, dann will das keiner hören. Man kann es auf eine sehr einfache Formel bringen: Der Wähler ist ein Trottel.

Könnte nicht das Team Stronach für Sie beide eine Heimat sein?

Hirschmann: Stronach wäre eine Möglichkeit gewesen, etwas zu verändern. Aber er war sehr schlecht beraten, bei den Landtagswahlen anzutreten. Strategisch total daneben. Das gilt auch für die Rekrutierung seiner Leute. Doch so schauen wir in Österreich mit dem politischen Personal eben aus.

Paierl: Stronach ist etwas Besonderes, das tut der österreichischen Politik gut. Die Frage ist aber, als wie reformkräftig er sich tatsächlich herausstellt.

Hirschmann: Er hätte einen Bombenerfolg erzielen können, hätte er sich drei, vier tüchtige Frauen und Männer geholt und die wirklich arbeiten lassen. Was Frank in den letzten Monaten gemacht hat, ist ein vergebener Elfmeter ohne Tormann. Der hätte in Österreich politische Geschichte schreiben können.

Paierl: Dem kann ich nichts hinzufügen.

Vielleicht hätten Sie bei Stronach länger als Berater an Bord bleiben sollen?

Paierl: Nein.

Aber Herr Hirschmann nickt zustimmend …

Paierl: Frank und ich waren uns in vielen Fragen einig, in ganz wesentlichen Fragen aber auch nicht. Es hätte keinen Sinn gehabt, sich dauernd sehenden Auges in Konflikte zu begeben. Es ist wirklich gut, dass Frank das macht, doch ich sehe dort keinen Platz für mich.

Hirschmann: Stronach hat uns beiden beachtliche Positionen angeboten. Aber er hat zu viele Möglichkeiten vergeigt.

Was genau hat Stronach Ihnen angeboten?

Hirschmann: Eigentlich alles, jedenfalls die steirische Nationalrats-Spitzenkandidatur.

Paierl: Ich sage dazu nichts.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie seine skurrilen Auftritte sehen?

Paierl: Die Person Stronach ist eine Marke. Bei seiner Klientel punktet er so. Da muss man sehr aufpassen, das zu kritisieren. Er wird von den Medien auch nicht fair behandelt.

Hirschmann: Zu Beginn haben ihm diese Auftritte sicher genützt. Stronachs Fangemeinde ist eine Glaubensgemeinschaft - die sehen das und sagen: "Genau das ist unser Frankie!“ Aber nun erkennen viele, auch aus dem Reservoir der ÖVP, dass nichts nachkommt.

Paierl: Das ist Stronachs Problem. Die Menschen waren aufnahmefähig für seine Argumente wie ein trockener Badeschwamm. Franks Anti-Establishment-Auftritte waren gut, aber das Nachschieben seriöser Themen fehlt völlig. Dafür würde er Leute benötigen, die das für ihn machen, die es aber nicht gibt.

Was ist mit den Neos?

Hirschmann: Was man so hört, könnte das von der Programmatik her eine gute Geschichte sein - intellektuell wahrscheinlich das Anspruchsvollste, was es politisch derzeit in Österreich gibt. Das Traurige ist, dass man mit so etwas bei uns keine Chance auf Resonanz hat.t

Paierl: Was die fordern, ist stimmig und hat meine Sympathie. Aber es fehlt die Professionalität. Das beginnt bei der Finanzierung und endet bei den politischen Alltagsprozessen.

Kommen wir zur ÖVP. Ist das denn eigentlich überhaupt noch "Ihre“ Partei? t

Hirschmann: Aber sicher. Wir beide sind zwar inzwischen ein wenig überparteilich aufgestellt, aber Kern und Wurzeln liegen in der ÖVP.

Warum soll man Michael Spindelegger im September zum Kanzler wählen? t

Hirschmann: Das ist ein ehrenwerter Bursche, der sich bemüht. Bei der Rekrutierung politischen Personals gibt es inzwischen halt keine positive Auslese mehr. Ernstzunehmende Leute tun sich das nicht mehr an. Wenn du Hirn hast, trittst du in unser politisches System, das von vorgestern ist, nicht mehr ein.

Spindelegger also als das kleinste Übel? t

Paierl: Nicht das kleinste Übel. Formulieren wir es lieber positiv: Der Vergleich mit Faymann macht einen sicher. Wir sind nun einmal in Österreich. Das ist wie im Fußball - die Bundesliga ist eben nicht die Champions League.

Hirschmann: Ein schönes Bild.

Vom Personellen abgesehen - wo orten Sie derzeit Österreichs größte Probleme? t

Hirschmann: Sie wollen eine zusammenfassende Beschreibung des Zustandes des Landes? Bitteschön: Wir sind alt, fett und pleite. Aber das will keiner hören.

Paierl: Es wird so getan, als wären wir super. Aber in Wahrheit ist ganz Europa im Eck. Zu Österreich im Speziellen: Peinlicher als zum Beispiel das gerade geschnürte Konjunkturpaket geht es ja gar nicht mehr. Was Spindelegger hingegen mit seiner "Entfesselung“ angedeutet hat - genau das wäre es, das bräuchte es. Aber es bleibt wohl leider bei der Ansage, das ist ja auch eine Frage der Partner. Es bräuchte ein klassisches Mehrheitswahlrecht. Dann könnte eine Regierung das Richtige tun, selbst wenn sie dafür abgewählt wird wie damals in Schweden.

Hirschmann: Das bestätigen dir ohnehin die meisten, nur nicht öffentlich. Kommen wird das in Österreich deshalb nie.

Letzte Frage: Wenn Sie, Herr Hirschmann, Herbert Paierl in eine politische Funktion hieven könnten, welche wäre das?

Hirschmann: Das ist leicht. Ich weiß, dass es den Herbert reizen würde, EU-Kommissar zu werden. Das würde er auch gut machen, also würde ich ihn nach Brüssel schicken.

Und umgekehrt, Herr Paierl - wen würden Sie aus Gerhard Hirschmann machen?

Paierl: Der Gerhard wäre schon immer gerne ÖFB-Präsident gewesen. Das wäre genau das Richtige für ihn.

In diesem Fall dann doch noch eine Frage: Würden Sie als neuer Chef des Fußballbundes den Vertrag mit Teamchef Marcel Koller verlängern?

Hirschmann: Aber selbstverständlich!

Als unzertrennliche ÖVP-Zwillinge und -Landesräte rockten Gerhard Hirschmann und Herbert Paierl in den 1990er-Jahren die Steiermark. Dann folgte viel Streit, mittlerweile versteht man sich wieder ausgezeichnet. Paierl ist heute Unternehmer und Wirtschaftsberater, half ursprünglich auch Frank Stronach bei dessen Polit-Ambitionen. Hirschmann war Vorstand des Energieversorgers ESTAG, ist nun Umwelttechnik-Unternehmer.

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