Der Schattenkanzler: Ein Porträt des Elder Statesman und Industriellen Hannes Androsch

Hannes Androsch ist zurück im Zentrum der politischen Bühne: Als Wirtschaftsberater von Werner Faymann fordert der Industrielle energischere Maßnahmen gegen die Krise – national wie international.

Auf dem Tisch im Vorzimmer liegt die „Kleine Zeitung“, aufgeschlagen bei einer Doppelseite über den Leiterplattenhersteller AT&S: Das Werk in Leoben kündigt einem Drittel der Belegschaft, Maschinen sollen nach ­Indien verfrachtet werden. Hannes Androsch, Aufsichtsratsvorsitzender und Miteigentümer, steht in seinem Büro mit Blick auf die Wiener Staatsoper und seufzt. „Das ist traurig, aber nicht zu verhindern, an­gesichts dieses Strukturwandels“, sagt er.

Lieblingsrolle: Elder Statesman
Androsch mag Indus­trieller sein – aber lieber noch ist er , der weit ausholend ­Ratschläge zur Wirtschaftspolitik gibt. Als solcher steht er nun, 27 Jahre nach seinem erzwungenen Abgang als Finanzminister, wieder im Zentrum der Innenpolitik. Als „väterlicher Freund“ und Berater des künftigen Kanzlers Faymann prägt er die wirtschaftspolitische Linie der neuen SPÖ: In der Löwelstraße spricht man bereits vom „Schattenkanzler“. „Ach, das sind Übertreibungen“, lächelt Androsch. Auch er hatte väterliche Freunde (Karl Waldbrunner), er spiele diese Rolle nun gern für den künftigen Kanzler. Neben ­anderen führenden, etwa in der Wissenschafts- und Forschungspolitik, als Aufsichtsratschef der Austrian Research Cen­ters („Seibersdorf“), an der Uni Leoben oder der Akademie der Wissenschaften.

Industrieller und Faymann-Berater
Faymann kann davon nur profitieren: Wirtschaftspolitisch hat er durchaus Bedarf an Beratung. Dabei scheint das auf den ersten Blick eine seltsame Rolle für einen Industriellen, zumal in Zeiten von Arbeitslosigkeit und Krise, zumal in einer sozialdemokratischen Partei. Androsch stehe aufseiten des Kapitals – zumindest, wenn es um sein eigenes geht, werfen ihm Gewerkschafter vor: „Androsch hat für den Standort Leoben 20 Millionen an Subventionen kassiert, nur um jetzt die Arbeitsplätze nach Asien auszulagern“, wettert Josef Pesserl von der Metaller-Gewerkschaft. „Die Auslagerung war von langer Hand geplant, die Finanzkrise nur ein Vorwand“, legt der steirische AK-Präsident Walter Rothschädl nach. Der „Kurier“ fragt sogar: „Androsch – eine Heuschrecke?“

Angebliche Heuschrecke als Visionär
Doch wenn dieser Mann eine Heuschrecke ist, dann eine mit sozialpolitischen Visio­nen – zumindest, wenn es um die Wirtschaftspolitik geht. Androsch wettert gerne gegen den „Privatisierungswahn“ und die „Marktreligiosität“. Er beklagt „Vulgärliberalismus“ und „Pyramidenspiele auf den Finanzmärkten“. Schon im Sommer 2007 warnte er vor einer globalen Rezession und verzweifelte fast an der Blindheit der Regierung: Androsch wollte einen „big deal“, ein milliardenschweres Konjunkturprogramm, massive Steuersenkungen, die Halbierung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel. Er setzt auf einen starken Staat, der reguliert, kontrolliert und in Krisenzeiten Milliarden lockermacht, um die Konjunktur anzuheizen.

Einflüsterer auf der Rückbank
Bei Alfred Gusenbauer stieß er mit diesen Vorschlägen zunächst auf taube Ohren. „Gusenbauer konnte nicht gut damit umgehen, dass Androsch seine Politik öffentlich kritisierte und sich dabei kein Blatt vor den Mund nahm“, meint Josef Kalina, ehemaliger Geschäftsführer der SPÖ. Dabei hatte gerade Gusenbauer Androsch als Einflüsterer auf die Rückbank der Regierungspolitik zurückgeholt: In den Jahren davor hatte sich Androsch aus der Politik so gut wie verabschiedet. Und das lag nicht zuletzt an den handeln­den Personen in seiner Partei. Androsch ist in der SPÖ in der Sektion Floridsdorf politisch aufgewachsen, mit Ende 20 zog er in den Nationalrat ein, mit 32 holte ihn Kreisky als Finanzminister in seine Regierung.

Sonnenkönig und Kronprinz
Der waren anfangs ein Traumpaar, dann kam die Krise: 1981 zwang Kreisky seinen Vize zum Rücktritt wegen Unvereinbarkeit mit seiner Tätigkeit als Steuerberater für staatsnahe Unternehmen. Es folgte ein Strafverfahren, in dem Androsch schließlich wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde. Androsch sieht darin bis heute einen Fall von Politjustiz – ein unrühmliches vorläufiges Ende für die Karriere des einst strahlenden Finanzministers und zwischenzeitlichen Generaldirektors der Creditanstalt. Das fast feindliche Verhältnis zu Kreisky, inzwischen altersmilde verklärt, übertrug sich auch auf dessen Nach-Nachfolger Franz Vranitzky. „Man muss bis heute dar­auf achten, wer von den beiden zu einer Veranstaltung kommt – sie dürfen sich nicht über den Weg laufen, sonst gibt es Zoff“, sagt ein führendes SP-Mitglied.

Retter in der Not für alle Fälle
Seiner persönlichen Beliebtheit tat das alles keinen Abbruch: Steuerhinterziehung gilt der Bevölkerung als Kavaliersdelikt, viele weinten dem smarten Minister nach. Und so wurde Androsch nach seinem Wechsel ins Industriellenfach zum Retter in der Not für alle Fälle: Er kaufte die siechenden Salinen, sollte Augarten-Porzellan und Böhler-Uddeholm retten, Steyr-Daimler-Puch und der DDSG aus der Patsche helfen. Androsch schloss zwar dann wenige Deals ab – doch er gab zumindest gute Ratschläge. Und ist beliebter denn je, wie die vergangene Woche bewies: dreihundert Zuhörer bei seiner ­Lebensreflexion beim „Verband der Wirtschaftsakademiker“, mehr als 700.000 ­Zuseher beim ORF-„Bürgerforum“ über die Finanzkrise, regelmäßige Kommentare in der „Krone“. Deren Chef Hans Dichand schätzt ihn trotz großer Differenzen in ­Sachen EU und Migration. Ausgerechnet der Globalisierungsgewinner wurde zum wirtschaftspolitischen Gewissen der SPÖ.

Kein politischer Posten
Derzeit ist er beeindruckt vom Konjunktur­paket der chinesischen Führung: „Sie reagiert mit 460 Milliarden Euro für Infrastruktur, Umwelt und die Stärkung von Binnennachfrage und ländlichen ­Gebieten“, erzählt Androsch.
Heuer wurde er 70, einen politischen Pos­ten will er nicht haben. Als Retter in der Not ist er aber immer gerne zur Stelle: Seit 11.11. sitzt er im Aufsichtsratspräsidium der Finanzmarktbeteiligungs-AG, die das österreichische Bankenrettungspaket abwickeln soll. Manche wünschen sich ihn als Minister – doch da winkt er ab. „Man kann auch ohne Posten Politik machen“, meint er. Als Schattenkanzler allemal.

Siehe auch das Androsch-Interview Großbrand nicht mit Gießkanne löschen .

Von Corinna Milborn

Kommentar
Katharina Körber-Risak

Standpunkte

Katharina Körber-Risak: Mythen um den 12-Stunden-Tag

Umfrage EU-Ratspräsidentschaft: Top-Thema Asyl & Flüchtlinge

Politik

Umfrage EU-Ratspräsidentschaft: Top-Thema Asyl & Flüchtlinge

Kämpferisch: ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian stellt sich gegen den 12-Stunden-Tag.

Politik

12-Stunden-Tag: Gewerkschaften drohen mit Streiks