Der Hochschul-GAU

Die Uni Wien ist nicht die einzige Hochschule mit Bilanz-Minus. Auch die Medizinuni Wien wird heuer zwischen 10 und 12 Millionen Euro Schulden machen – die Überbrückungshilfe der Regierung von 6 Millionen Euro für 2012 schon eingerechnet. Die Technische Hochschule Wien steht derzeit mit 20 Millionen Euro in der Kreide. Negativ bilanzieren werden voraussichtlich auch die Medizin-Uni Innsbruck und die Uni Klagenfurt.

Hinter verschlossenen Flügeltüren tagte vergangene Woche der Senat der Uni Wien. Davor regierte das Chaos. „Einige Studierende haben versucht, gewaltsam zu uns vorzudringen. Wir haben dumpfe Schläge gegen die Tür gehört und hatten Angst, sie würde nachgeben. Ich habe schon einiges erlebt, aber das sprengte alle Dimensionen“, berichtet Uni-Sprecherin Cornelia Blum.

Die brachiale Wut eines „nicht repräsentativen“ Teils der Studentenschaft richtete sich gegen die Wiedereinführung der Studiengebühren für Drittstaatenangehörige und Langzeitstudenten, die das Gremium zuvor beschlossen hatte. Eine Maßnahme, die Ende 2011 vom VfGH gekippt worden war und mit großer Wahrscheinlichkeit wieder aufgehoben werden wird. Eine Regelung, die lediglich 3 Prozent des Jahresbudgets der Uni Wien zeitigt – rund 9 Millionen Euro.

Dennoch kann die Uni nicht darauf verzichten. Denn die Kassen der größten heimischen Hochschule sind leer – die Uni lebt derzeit auf Pump. „Der Studien-, Lehr- und Forschungsbetrieb kann 2012 nur in vollem Umfang aufrechterhalten werden, weil die Universität Wien für dieses Jahr ein Budgetdefizit von 15 Millionen Euro in Kauf genommen hat“, sagt Uni-Wien-Rektor Heinz Engl. Und das, obwohl das Flaggschiff der heimischen Hochschulen im Vorjahr 71 Millionen Euro an Förderungen sammeln konnte, anteilig rund 12 Prozent des Gesamtbudgets. Das ändere aber wenig an der „dramatischen Unterfinanzierung“ durch die öffentliche Hand, so Engl.

Deficit-Spending

Die Uni Wien ist nicht die einzige Hochschule mit Bilanz-Minus. Auch die Medizinuni Wien wird heuer zwischen 10 und 12 Millionen Euro Schulden machen – die Überbrückungshilfe der Regierung von 6 Millionen Euro für 2012 schon eingerechnet. Die Technische Hochschule Wien steht derzeit mit 20 Millionen Euro in der Kreide. Negativ bilanzieren werden voraussichtlich auch die Medizin-Uni Innsbruck und die Uni Klagenfurt.

An der Wiener TU ist das Defizit zum Teil hausgemacht. Dort wurden in den vergangenen Jahren die Gelder recht großzügig verteilt. 158 Millionen Euro flossen in die Errichtung neuer Gebäude, 40 Millionen Euro in den Erhalt der Infrastruktur. In die hauseigene Datensoftware (TISS) und in eine neue Telefonanlage wurden stattliche 6 Millionen Euro investiert. „Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“, hat die frisch gekürte Rektorin Sabine Seidler jüngst eingestanden.

Das ist die Ausnahme. Die Regel heißt chronischer Geldmangel. „Was wir seit langem prophezeit haben, fällt uns jetzt auf den Kopf“, sagt der Chef der Universitätskonferenz (Uniko) und Rektor der Uni Salzburg, Heinrich Schmidinger. „Alleine durch den Entfall eines Teils der Studiengebühren fehlen jeder Uni Mehreinnahmen in Millionenhöhe.“

Fauler Kompromiss

In Summe geht es um 34 Millionen Euro im Jahr. So groß ist der Entgang durch Studiengebühren von Ausländern und Bummlern. Peanuts angesichts der 6,5 Milliarden Euro, die in den vergangenen drei Jahren an die Unis ausgeschüttet wurden. Doch die 34 Millionen waren in den Budgets der Hochschulen bereits eingeplant. Und die straffen Finanzrahmen lassen keine Spielräume zu. „Schon ein Wegfall kleiner Beträge ist Auslöser für ein negatives Ergebnis“, betont Schmidinger.

Die jetzige Lösung ist ein fauler Kompromiss auf Empfehlung von ÖVP-Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle. Die Unis sollten im Herbst autonom Gebühren einheben, hatte er vorgeschlagen. Die Einnahmen müssen dann allerdings eingefroren bleiben – denn Rechtssicherheit gibt es keine. Und die Österreichische Hochschülerschaft hat bereits eine Million Euro für klagswillige Studenten bereitgestellt.

Das Beispiel der Uni Wien wird dennoch Schule machen. Weitere Unis haben die Wiedereinführung der kleinen Beitragsvariante angekündigt. Denn von der Regierung ist keine Hilfe zu erwarten. Dort tritt man in Fragen der Hochschulfinanzierung seit Jahren auf der Stelle. Zwar hat Töchterle einen Hochschulplan in der Schublade, der sozial gestaffelte Studienbeiträge für alle und eine Studienplatzfinanzierung an den Unis vorsieht, die sogenannte „kapazitätsorientierte Universitätsfinanzierung“. Doch die SPÖ rührt sich in dieser Frage keinen Millimeter. Uniko-Chef Schmidinger: „In anderen Ländern werden entweder Beiträge eingehoben oder der Zugang eingeschränkt. Wir sind weltweit in der einmaligen Situation, dass wir derzeit weder Studienbeiträge noch Zugangsregeln haben.“

Rappelvolle Hochschulen

Die Folge des schrankenlosen Gratiszugangs ist ein ungebremster Ansturm in- und ausländischer Studierender. Rund 285.000 Hochschüler sind derzeit inskribiert – um ein Drittel mehr als noch 2004. An der Uni Wien zählte man im Wintersemester 2011 rund 92.000 Studenten, ein Plus von 50 Prozent gegenüber 2004. Wo nichts mehr geht, greifen Hilfskonstruktionen. Einige Unis sieben in der Studieneingangsphase, die der Orientierung dienen soll, mittels Knockout-Prüfung aus. In den Fächern Medizin, Psychologie und Publizistik regelt der „Notfallparagraf“ die Teilnahme von „Numerus-clausus-Flüchtlingen“ aus Deutschland.

Gleichzeitig steigt der Spardruck. Departments werden zusammengestutzt, Assistentenstellen nur noch als Teilzeitjob ausgeschrieben. Die Uni Wien will das Bachelor-Studium „Internationale Entwicklung“ auslaufen lassen, die Wiener TU vier Lehramtsstudien einsparen.

Budgetverhandlungen

In den kommenden Wochen beginnen wieder Verhandlungen über die Verteilung der Gelder von 2013 bis 2015. Wissenschaftsminister Töchterle hat angekündigt, das Budget um 990 Millionen Euro aufzustocken. Um die Verteilung des Kuchens müssen die Unis feilschen. Automatismus gibt es keinen. Grund zur Freude auch nicht. Bei einer Inflationsrate von durchschnittlich 2,5 Prozent und steigenden Personal- und Energiekosten wird die Uni-Milliarde zum Nullsummenspiel. Mit dem frischen Geld werden Löcher gestopft. „Unser Defizit von 15 Millionen Euro ist wegen der angekündigten Erhöhung der Budgetmittel einmalig vertretbar“, meint Uni-Wien-Chef Engl. „Ohne massive Erhöhung würde das Minus der nächsten drei Jahre bei gleichbleibendem Leistungsspektrum an die 100 Millionen Euro betragen.“

Eine Anhebung der Mittel auf internationales Niveau bleibt ohnehin ein Wunschprogramm. Engl: „Pro Jahr wäre eine zusätzliche Milliarde für alle Unis notwendig, um auf einen Standard wie etwa in München oder Zürich zu kommen.“ Die Regierung hat eine Anhebung bereits vor Jahren zugesagt. Bislang blieb es beim Lippenbekenntnis.

– Stefan Knoll

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