"Der Ausstieg aus dem Euro ist eine Option"

"Der Ausstieg aus dem Euro ist eine Option"

Nach dem „ZiB 2“-Interview, über das Österreich staunt, erklärt Frank Stronach im FORMAT-Gespräch seinen radikalen Europakurs, spricht über seine neue Partei, unglaubwürdige Volksvertreter und die „verweichlichte Gesellschaft“.

Seine möglichen politischen Ambitionen haben innerhalb der etablierten Parteien viel Staub aufgewirbelt. Jetzt steht fest: Stronach will es noch einmal wissen. Der bald 80-jährige Magna-Gründer und Multimilliardär wird im Herbst eine Plattform der besten Köpfe präsentieren. Über Personalia will der Steirer noch nicht reden. Klar ist aber schon der künftige Kurs einer von Stronach finanzierten Partei. Er wird sich strikt gegen das „zentralistische Brüssel“ richten.

FORMAT: In einer „trend“-Umfrage trauen Ihnen 20 Prozent die Rettung Europas zu. Sehen Sie das als Auftrag?

Frank Stronach: Ich freue mich sehr über den Zuspruch, den ich anscheinend von der Bevölkerung bekomme. Das Schöne ist, ich bin unabhängig und kann meine Meinung frei äußern. Ich sage ganz klar, dass es gewaltige Strukturprobleme in Europa gibt, und die Bürger merken das auch.

FORMAT: Wo liegen denn die großen Probleme in der EU?

Stronach: Es herrscht zu viel Zentralismus in der EU, und es gibt zu wenig Wettbewerb. Man versucht jetzt durch noch mehr Zentralismus eine Lösung zu finden. Ich glaube, das ist der falsche Ansatz. Man gießt hier Öl ins Feuer.

FORMAT: Für die „Vereinigten Staaten von Europa“ kann man Sie folglich nicht gewinnen?

Stronach: Ich bin für ein starkes Europa, wo die Menschen in Frieden zusammenleben. Es soll auch freier Personen-, Güter-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr herrschen. Wir brauchen aber keinen von Brüssel aus gesteuerten Zentralismus und schon gar keine Transferunion, in der gemeinsam gehaftet wird und der schrumpfende Wohlstand verteilt wird, bis nichts mehr da ist zum Verteilen.

FORMAT: Die europäische Wirtschaft soll auch mit einem Wachstumspaket angekurbelt werden. Eine gute Idee?

Stronach: Ich habe den Eindruck, dass die Politiker, wenn sie von Wachstum sprechen, in vielen Fällen Schuldenwachstum, Geldmengenwachstum und Bürokratiewachstum meinen. Was wir aber brauchen, ist Wirtschaftswachstum. Das kann man aber nicht zentralistisch steuern, da braucht es unabhängige und souveräne Staaten, die miteinander im fairen Wettbewerb stehen.

FORMAT: Ist ein Ausstieg aus dem Euro für Sie eine Option?

Stronach: Natürlich. Gesetze und Verträge werden von Menschen gemacht und von Menschen gestaltet. Hier verstehe ich die Politiker nicht. Sie sehen, dass sie einen falschen Weg eingeschlagen haben, korrigieren ihn aber nicht, sondern machen es eigentlich noch schlimmer, wenn man sich den Rettungsschirm ESM anschaut.

FORMAT: Ja zum Euro-Austritt, nein zum ESM – das hört man auch von der FPÖ. Wollen Sie Rechtsparteien die Rolle als Fundamentalopposition streitig machen?

Stronach: Ich will niemandem irgendetwas streitig machen, sondern sage nur, wofür ich stehe.

FORMAT: Die Grünen haben dem ESM zugestimmt. Disqualifiziert sie das als mögliche Kooperationspartner für eine von Ihnen finanzierte neue Partei?

Stronach: Das, was für mich am allermeisten zählt, sind die Werte. Wofür steht eine Person, wofür steht eine Partei? Welche Werte werden vertreten?

FORMAT: Der Europapartei ÖVP werden Sie aber mit diesem Kurs kaum in die Quere kommen.

Stronach: Noch einmal, was für mich zählt, sind Werte. Ein Knebelvertrag, der die nächsten Generationen bindet, würde meinen Werten widersprechen. Das ist undemokratisch und unverantwortlich unseren Kindern und Enkelkindern gegenüber.

FORMAT: Welche Werte sollten Politiker denn vertreten?

Stronach: Ich lege Wert darauf, dass Menschen ein gutes Herz haben, dass sie Grundwerte haben und für diese eintreten. Ehrlichkeit ist zum Beispiel eine sehr wichtige Eigenschaft. Man sollte sich nicht drehen wie ein Blatt im Wind oder je nachdem, wo die Wählerstimmen herkommen.

FORMAT: Sie fordern auch einen Ehrenkodex für Politiker. Die ÖVP hat bereits einen solchen. Ein erster Schritt?

Stronach: Dieser Ehrenkodex wurde erstellt, nachdem die Bevölkerung von unglaublichen Missständen und Korruption erfahren hat. Da aber in den meisten Fällen dieselben Personen an denselben Plätzen geblieben sind, vermisse ich hier eine gewisse Glaubwürdigkeit. Wir werden einen Ehrenkodex einführen, wo sich jeder verpflichten muss, sofort zurückzutreten, wenn er oder sie ein Versprechen bricht oder an einem Gesetz mitwirkt, das uns noch weiter verschulden würde.

FORMAT: Eine reine Wirtschaftspartei sei „ein Blödsinn“, so Ihre Diktion. Welche programmatische Ausrichtung sollte eine neue Partei denn haben?

Stronach: Eine Partei muss für alle Menschen da sein. Wir müssen das System so ändern, dass wir Wohlstand schaffen können, dann erst können wir über die gerechte Verteilung nachdenken. Wir müssen verstehen: Wenn in einem Land die Wirtschaft nicht funktioniert, dann funktioniert gar nichts.

FORMAT: Sie führen derzeit Gespräche mit Politikern aller Couleurs. Schwebt Ihnen eine Plattform der besten Köpfe vor?

Stronach: Ich kenne einige Politiker persönlich, die meisten sind sehr nette Menschen. Sie sind aber im politischen System gefangen und in gewisser Weise davon abhängig. Sofern Politiker erkennen, dass sie derzeit bei einem System mitarbeiten, das unser Land an die Wand fährt, würde ich mich freuen, wenn sie eine neue Richtung einschlagen und bei unserer Bewegung mitarbeiten.

FORMAT: Wenn die Parteien keine Primärressource sind, wo finden Sie dann Ihre politischen Köpfe?

Stronach: Ende letzten Jahres habe ich das Stronach Institut für sozialökonomische Gerechtigkeit gegründet. Erfreulicherweise haben sich über 1.300 Leute bei uns gemeldet, die aktiv bei unserer politischen Bewegung mitarbeiten wollen. Einige davon habe ich bereits getroffen, und ich bin mir sicher, dass viele gute Leute, die für gute Werte stehen, vortreten werden. Wir werden vertiefende Gespräche im Laufe des Sommers führen.

FORMAT: Arnold Schwarzenegger soll für Sie als Testimonial die Werbetrommel rühren, heißt es.

Stronach: Ich habe mit ihm diesbezüglich kein Gespräch geführt.

FORMAT: Konkret: Wer wird die Stronach-Partei bei den kommenden Wahlen personell vertreten?

Stronach: Es wird keine eigene „Stronach-Partei“ antreten. Ich habe mich entschlossen, die Neugründung einer Partei von Personen, die einen gewissen Charakter haben und die von mir formulierten Grundprinzipien vertreten, zu unterstützen. Ich gehe davon aus, dass es im Spätsommer weitere Details geben wird.

FORMAT: Kritiker meinen, politische Unterstützung von Franks finanziellen Gnaden sei demokratiegefährdend. Was antworten Sie denen?

Stronach: Ich staune nicht schlecht über den Vorwurf, Stronach kaufe sich Demokratie. Ich verwende mein eigenes Geld, um die Bevölkerung auf Missstände aufmerksam zu machen und Lösungsvorschläge zu machen. Die Politiker verwenden das Geld der Steuerzahler, um Wählerstimmen zu kaufen!

FORMAT: Auch Ihre Vorschläge bezüglich einer Flattax oder Direktwahlen finden keinesfalls nur Freunde.

Stronach: Ich glaube, das liegt oft daran, dass die Menschen von den Politikern nicht gut informiert sind, vermutlich mit einer gewissen Absicht. Die Flattax beispielsweise dient in erster Linie den Arbeitern und dem Mittelstand. Im jetzigen Steuersystem gibt es viele Grauzonen, Schlupflöcher und Privilegien, die nur den Reichen nützen. Und dass die meisten Politiker mit mehr Wettbewerb in der Politik keine Freude hätten, ist verständlich. Jetzt kommen sie nämlich meist durch eine Mitgliedschaft in einer Kammer oder einem Bund oder durch Freunderlwirtschaft an die Macht. Ich aber schlage vor, dass Politiker in ihrem Wahlkreis zur Wahl durch die Bevölkerung antreten. Dann würde sich zeigen, wer das Vertrauen der Bevölkerung genießt und wer von den Menschen als ihr Vertreter gewählt wird.

FORMAT: Die Palette an Einrichtungen, die Sie fördern, reicht vom Modellflugzeugverein bis zu Bildungseinrichtungen. Sehen Sie sich als Gönner alter Schule?

Stronach: Das Leben war sehr gut zu mir, und ich freue mich, dass ich der Gesellschaft etwas zurückgeben kann.

FORMAT: Ärgert es Sie, wenn Ihr Freund Hannes Androsch meint, Sie hätten keinen Cent in Bildung investiert?

Stronach: Nein, ich ärgere mich nicht, ich wundere mich eher, wie er so eine Aussage machen kann. In Nordamerika ist es so, dass Menschen, die einen gewissen Reichtum genießen, Geld für wohltätige Zwecke ausgeben, aber eigentlich spricht man nicht darüber. Das würde nicht nobel sein. Ich will nicht prahlen, aber nach dieser Aussage habe ich zu meiner rechten Hand Kathrin Nachbaur gesagt: „Schau einmal, was wir tatsächlich ausgegeben haben.“ Kathrin hat recherchiert und herausgefunden, dass wir über die letzten sechs Jahre weltweit über 81 Millionen Euro in Bildung investiert haben, alleine in Österreich waren es über 38 Millionen Euro.

FORMAT: Wie Androsch wollen Sie das Bildungssystem reformieren. Warum ziehen Sie nicht an einem Strang?

Stronach: An dieser Stelle möchte ich sagen, dass ich es schön finde, wenn sich Menschen wie Hannes Androsch für die Verbesserung des Bildungswesens einsetzen. Wir haben aber einen anderen Ansatz. Ich bin der Ansicht, dass man schon den Kindern in jungen Jahren beibringen muss, wie wichtig die Wirtschaft ist. Man muss ihnen auch beibringen, wie sie sich gesund ernähren können und wie wichtig Sport und Bewegung sind. Das sind Grundwerte, die von Anfang an unterrichtet werden sollten.

FORMAT: Sie sind als junger Mann nach Kanada ausgewandert. War die Jugend damals aus anderem Holz geschnitzt?

Stronach: Ja. Heutzutage sind wir leider eine verweichlichte Gesellschaft. Es sind natürlich die Umstände, die die Entwicklung der Gesellschaft maßgeblich beeinflussen. Damals musste man sehr hart arbeiten, um vorwärtszukommen und um etwas zu erreichen. Ich kann mich erinnern, einmal habe ich 72 Stunden durchgearbeitet, weil ich einen wichtigen Auftrag hatte, den ich erfüllen musste und wollte. Heutzutage sorgt der Staat für vieles, es hat sich ein gewisses Anspruchsdenken entwickelt.

FORMAT: Ihre Lebensgeschichte lässt sich in der Phrase „vom Tellerwäscher zum Milliardär“ zusammenfassen. Wie viel Tellerwäscher steckt noch im Milliardär?

Stronach: Ich glaube, ich bin ganz normal und bodenständig geblieben.

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