Das System Faymann

Werner Faymann setzt traditionell nur auf wenige Berater. Wenn es innerhalb der Partei rumort, wie eben gerade jetzt, vertraut der Kanzler aber nur noch einem: sich selbst.

Das System Faymann

Eines vorweg: Wenn sich Bundeskanzler Werner Faymann am kommenden Samstag beim Bundesparteitag in St. Pölten der Wiederwahl stellt, werden die Delegierten dem SPÖ-Chef mehr oder weniger deutlich ihr Vertrauen aussprechen. Die Botschaft des Tages, „Tax the rich“, wird die Basis einen. Die Wehrpflicht, wo die Parteilinie reihenweise überschritten wird, soll am Vorabend des Konvents programmgemäß wegdiskutiert, Faymanns Nicht-Erscheinen beim U-Ausschuss erst gar nicht thematisiert werden.

Vom Tisch ist Faymanns schlechte Performance in der Inseratenaffäre aber damit noch lange nicht. Der Eindruck, der Kanzler wollte sich vor dem Ausschuss drücken, beherrscht nicht nur die Öffentlichkeit. Auch die Basis murrt. Und viele Parteigänger fragen sich, wer ihm zu diesem Schritt geraten hat. Eine Antwort lautet: alle, die das Untersuchungsgremium als Showbühne der Opposition sehen, allen voran Josef Cap. Die andere, inoffizielle: niemand. Denn wenn es eng wird, vertraut der Kanzler nur noch dem eigenen Gespür. „Solange die Dinge sich positiv entwickeln, ist er für Ratschläge offen“, sagt ein Vertrauter gegenüber FORMAT, der anonym bleiben will. „Wenn es brenzlig wird, trifft er Entscheidungen. Dann fällt der Vorhang, und niemand kann ihn noch umstimmen. Nicht einmal Josef Ostermayer.“

Der Mann fürs Grobe

Faymanns Medienstaatssekretär Ostermayer ist die wichtigste Person im Dreigestirn der engsten Berater, denen der Kanzler vertraut. Die beiden anderen sind Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas und der Wiener-Arbeiterkammer-Chef Werner Muhm.

Der Kanzler kennt Ostermayer seit dessen Zeit in der Mietervereinigung. 1994 holte Faymann, damals Wiener Wohnbaustadtrat, den Juristen in sein Büro. 2007 wurde Ostermayer Faymanns Kabinettschef im Infrastrukturministerium. „Ich kenne niemanden, der sein Privatleben dem Beruf derart unterordnet wie Ostermayer“, sagt der Vertraute. „Wenn Faymann anruft, springt er.“ Ein anderer Insider, der Faymann noch aus Wiener Zeiten kennt, beschreibt die Rolle Ostermayers so: „Faymann ist der Pate und Ostermayer sein Consigliere. Er ist gut darin, Faymann zu deuten. Er muss nur sagen, dies und das gefällt mir nicht, und schon führt Ostermayer aus.“

Politisches Gespür

Laura Rudas hält für den Kanzler den Draht zu den Jungen aufrecht. Er vertraut der ehemaligen Wiener Gemeinderätin auch in Personalfragen. Ins Spiel gebracht soll Rudas Faymanns ältere Tochter haben. Sie sei „ihr größter Fan“, erzählt man.

Der Wiener-Arbeiterkammer-Chef Werner Muhm ist für die Programmatik zuständig. Von ihm kamen die Detailpläne zu den „Reichensteuern“, die der Kanzler nach anfänglichem Zögern letztlich doch akzeptierte. Hier zeigt sich das politische Gespür für die richtigen Themen zur passenden Zeit, das man dem Kanzler nachsagt. Die Verteilungsgerechtigkeit versöhnt auch pointierte Parteikritiker wie Ex-Finanzminister Hannes Androsch, Ex-ÖH-Chefin Barbara Blaha oder Niko Kowall, Vorsitzender des linken SP-Flügels, der „Sektion 8“.

Permanenter Vertrauensverlust

An den Umverteilungsplänen durften auch ÖGB-Boss Erich Foglar und der Chef der SP-Gewerkschaft, Wolfgang Katzian, mitwirken. Aber damit ist das Reservoir an engen Beratern innerhalb der Partei auch so gut wie erschöpft. Zwar holt sich Faymann schon einmal Fachexpertise aus den Ministerien oder auch von Nationalbankchef Ewald Nowotny. Aber in seiner Nähe duldet er langfristig nur das Dreigestirn Ostermayer, Rudas, Muhm, berichtet ein Insider aus dem Kanzleramt: „Neuen Mitarbeitern traut er grundsätzlich einmal alles zu und hievt sie oft in völlig unpassende Positionen. Aber irgendwann verlieren sie sein Vertrauen. Für die Betroffenen ist meistens nicht nachvollziehbar, warum.“ Wer einmal aus dem engeren Kreis fällt, kommt so rasch nicht mehr hinein. Leadership-Qualitäten sehen vielleicht anders aus. Aber für den Machterhalt reicht das grundsätzliche Misstrauen allemal.

- Stefan Knoll

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