Das Pisa-Desaster: Viele Schuldzuweisungen, keine Konsequenzen

Das PISA-Desaster: Viele Schuldzuweisungen, keine Konsequenzen. Dabei sind Schulreformen einfach. Vier Beispiele zeigen, wie die moderne Schule funktioniert.

Niederschmetternd“, „schlecht, sogar sehr schlecht“, „desaströs“ und „erschütternd“ – die politische Kritik der österreichischen PISA-Test-Ergebnisse hätte härter und eindeutiger nicht sein können. Von einer bloßen Schieflage will niemand mehr sprechen. „Das kann uns, die wir uns als Kultur- und Bildungsnation verstehen, nicht gleichgültig lassen“, resümiert PISA-Koordinator Günther Haider – schließlich sackten die österreichischen Schüler im OECD-Länder-Vergleich auf die hintersten Plätze ab.

Doch die Reaktion von Regierung und Opposition beschränkt sich auf Schuldzuweisungen. Schulleiter wie -experten schütteln darüber nur mehr die Köpfe. Wo die großen Baustellen sind, ist längst klar: Schulsystem wie -verantwortung sind zerstückelt, fast alle Beteiligten schützen ihre Pfründen. Die Motivation vieler Lehrer ist im Keller, die Ausbildung ist veraltet. Neue Lehrmethoden sind nicht Usus, sondern hängen von Eigeninitiative und Engagement der Lehrer ab. Und der Schulstoff entspricht ohnehin nicht mal mehr den Anforderungen, die nach der Schule im Job an die Kinder gestellt werden. Christa Koenne, die Leiterin der PISA-Science-Gruppe Österreich, bringt es auf den Punkt: „Wir sehen nun einmal mehr, dass wir mit unseren Schuldogmen, ein Lehrer unterrichtet ein Fach in einer Klasse ein ganzes Jahr lang, nicht erfolgreich sind.“

Die neue Schule

Doch auf die ganz große Schulreform zu hoffen haben die Betroffenen ohnehin schon aufgegeben. Aber sie ist auch gar nicht notwendig. Denn zukunftsfähige Lösungen existieren längst, und zwar nicht mehr nur auf dem Papier. Viele Elemente einer Schule der Zukunft gibt es in der Praxis bereits, trotz Ein- und Beschränkungen durch die Schulbürokratie.

FORMAT zeigt deshalb anhand konkreter Beispiele, was dank engagierter Schulleiter und ihrer Teams im Schulversuch wie in Privatschulen mit Schulautonomie, engagierten Lehrern, neuen Methoden und Schulstoff bereits möglich ist. Diese Erfahrungen lassen sich leicht übernehmen. Schließlich braucht Österreich die neue Schule jetzt, um in Zukunft tatsächlich mit den besten Köpfen im internationalen Wettbewerb zu punkten.

1. Schulautonomie
„Ich würde gerne mehr Verantwortung übernehmen, für die Lehrinhalte genauso wie für das Personal.“ Gerda Benesch-Tschanett Schulleiterin

An der Theodor-Kramer-Schule ist Gerda Benesch-Tschanett zwar noch Neuling. Erst im Februar hat sie die Schulleitung übernommen, und toppt sie selbst den engagierten Vorgänger mit vielen Initiativen. An einer „normalen“ Schule ist vieles möglich, was manchem Systemerhalter zu revolutionär erscheint: Die Unterstufe wird hier im Schatten der sechs- bis zehnstöckigen Wohnblöcke der Rennbahnweg-Siedlung schon seit Jahren als Mittelschule geführt – erst im Schulversuch als kooperative Mittelschule, seit zwei Jahren nun als Wiener Mittelschule.

Anders als in weiten Teilen der ÖVP und an vielen Gymnasien fürchtete man sich hier nicht vor der gemeinsamen Schule für die 10- bis 14-Jährigen. „Alle Kinder müssen die Chance auf gleich gute Bildung haben“, erklärt Gerda Benesch-Tschanett. Und das Niveau sackte auch nicht ab, im Gegenteil: Unabhängige Evaluierungen haben gezeigt, dass die Theodor-Kramer-Schüler beim kognitiven Wissenstest gleich gut abschneiden wie ihre Alterskollegen in AHS-Unterstufen.

Darüber hinaus sind sie aber weit selbständiger, auch in puncto Gruppendynamik. Soziales und offenes Lernen hat hier bereits Tradition. Die Schule punktet mit bilingualem Unterricht und Freiarbeitsklassen. Unterrichtet wird je nach Bedarf im Lehrerteam mit Schüler-Kleingruppen, es gibt Einzelcoachings und auch mal Basis-Unterricht vom Lehrer frontal an der Tafel. Man arbeitet zum Stoff passend alters- oder fächerübergreifend.

Beim FORMAT-Besuch beschäftigen sich Sofie, Timna, Gregor und Moritz gerade in einer Freiarbeitsstunde mit dem Thema Rassismus. Und als der 14-jährige Moritz bei der Frage, ob er von Gregor abschreibt, in Erklärungsnotstand gerät, springt ihm Mitschülerin Timna bei und erklärt: „Bei uns ist es erlaubt, bei manchen Aufgaben zusammenzuarbeiten.“ Schulleiterin Gerda Benesch-Tschanett ist zwar durchaus stolz auf das bislang Erreichte. Da manche Kinder hier am Rennbahnweg durchaus größere Probleme von zuhause mitbringen, arbeiten auch zwei Psychologinnen im Team, und fünf Lehrer und Lehrerinnen haben eine Mediationsausbildung zur Konfliktbewältigung.

Das habe sie sich „erkämpfen müssen“, sagt Benesch-Tschanett, „bei neuen Ideen weht einem oft ein eisiger Wind entgegen.“ Sie wünscht sich deshalb mehr Schulautonomie und damit auch die finanzielle Personalverantwortung: „Dann könnte ich zum Beispiel die Schulpsychologin fix anstellen.“ Jetzt muss sie alle drei Monate um eine Vertragsverlängerung bangen.

Schulautonomie

Experte Bernd Schilcher, der ehemalige Leiter der Schulkommission, plädiert folglich wieder für mehr Autonomie der Schulen: „An den Schulen weiß man am besten, was und wen man braucht. Jeder Frisör kann sich sein Personal selbst aussuchen. Warum sollten das unsere Direktoren also nicht schaffen?“ PISA zeige ein - mal mehr, dass die weitgehende Schulautonomie in den nordischen Ländern nicht zum Schaden der Schüler ist. Benesch-Tschanett gibt sich in Sachen Schulautonomie optimistisch. Letztlich gehe es ja auch darum, Verantwortung zu übernehmen. Und das will sie, zum Beispiel auch für das beim Schulbesuch und bei Minusgraden draußen viel zu kühle Raumklima im Gebäude – denn im Moment wird sogar die Temperatur an der Schule zentral gesteuert.

2. Motivierte und gut ausgebildete Lehrer
„Es geht um die Zusammenarbeit und den Freiraum für Schüler, sich zu entfalten.“ Renate Wustinger Lehrerin

Die Sir-Karl-Popper-Schule ist keine Privatschule für die Elite, sondern eine Experimentierwerkstatt, an der Neues ausprobiert wird und Hochbegabte gefördert werden, an einem normalen Wiedner Gymnasium“, erklärt Andreas Salcher. Er ist nicht nur Unternehmensberater und Autor von „Der talentierte Schüler und seine Feinde“, sondern auch Mitbegründer des Schulversuchs für Hochbegabte. Und den Feind des Schülers hat er bereits ausgemacht: das System, das sich „in der Geiselhaft der Politik“ befinde. Dieses System erlaube es der Sir-Karl-Popper-Schule zwar, sich die hochbegabten Schüler mit Tests auszusuchen, allerdings: „Das Geheimnis einer guten Schule ist aber nicht die Auswahl der Schüler, sondern die Auswahl der Lehrer“, so Salcher. PISA-Siegerländer wie Singapur, Südkorea oder Finnland zeichnen sich demzufolge nicht durch höhere Kosten oder bessere Strukturen aus, sondern durch die besseren Lehrer.

Renate Wustinger ist genau eine solche. Die ehemalige Französischlehrerin kam ein Jahr nach dem Start des Schulversuchs zum Team, beteiligte sich gleich von Beginn an an der Schulentwicklung und hat schließlich ein gänzlich neues Unterrichtsfach, KoSo, also Kommunikation und Sozialkompetenz, erdacht. Erprobt wurde es unter den hochbegabten Schülern und Schülerinnen. Mittlerweile gibt es in vielen Schulen Nachahmer. Und ab dem kommenden Schuljahr ist KoSo im regulären System als Wahlpflichtfach anerkannt, in dem man auch Matura machen kann.

Wustinger ist trotzdem überzeugt, dass nicht solcher Erfindergeist alleine den guten Lehrer oder die gute Lehrerin ausmacht: „Man muss vom Lehren und Lernen fasziniert sein. Es geht in der Zusammenarbeit mit den Schülern um die richtige Balance zwischen der Verantwortung für den Lernerfolg und dem notwendigen Freiraum für die Schüler. Man sollte auch reflektieren, ob die Methode Erfolg hat.“ Eine ihrer Schülerinnen, die 18-jährige Britta Lanner, genießt den Gestaltungsfreiraum an der Sir-Karl-Popper-Schule: „Meine Freunde aus anderen Schulen sind überrascht, dass wir von den Lehrern nach unserer Meinung zum Unterricht befragt werden.“ Und Schuldirektor Edwin Scheiber ergänzt: „Eigentlich beginnt die gute Lehre mit einer Diagnose: Wo sind die Begabungen der Schüler, und was kann ich ihnen anbieten, um sie darin zu fördern?“ Mit dem Erkennen der Stärken wachsen schließlich auch das Selbstbewusstsein und die Motivation der Schüler. Die Freude am Lernen bleibt erhalten, und das Ausgleichen von Schwächen erfordert weniger Mühe.

Systemfehler

Das Problem ist nur: In Österreich spielen die sozialen Kompetenzen von angehenden Pädagogen schon bei der Auswahl der Studierenden wenig bis gar keine Rolle. In Finnland wird schon vor der Ausbildung getestet, ob Interessierte mit Kindern können. In der Ausbildung für allgemein und berufsbildende höhere Schulen in Österreich dagegen bleiben Didaktik und Pädagogik lange Theorie. Die Studierenden stehen erst am Ende ihres ersten Studienabschnitts zum ersten Mal in der Klasse. Schulexpertin Christa Koenne begrüßt deshalb die geplante Reform der Lehrerausbildung: „Wenn wir einen neuen Unterricht wollen, ist eine Reform der Ausbildung die unbedingte Voraussetzung.“

3. Neue Lehrmethoden
„Schüler werden frustriert, wenn sie nicht nach ihrer eigenen Geschwindigkeit lernen dürfen.“ Josef Reichmayr Direktor an der Integrativen Lernwerkstatt

Auch die Integrative Lernwerkstatt Brigittenau in Wien muss sich als Schulversuch bezeichnen. Hier wird seit mehreren Jahren der Mehrstufenunterricht in der Volksschule erprobt. Vor eineinhalb Jahren wurde das Konzept auch auf die Mittelstufe, also Schüler bis 14, ausgedehnt. Die Kinder – mit und ohne Behinderung oder Lernschwäche – werden hier nicht nach Altersgruppen getrennt. Mehrere Jahrgänge lernen in einer Klasse gemeinsam. Die Schüler werden im Team unterrichtet, das Lehrpersonal arbeitet Hand in Hand mit der Tagesbetreuung.

Es gibt Kunstateliers genauso wie Kochkurse, Werkklubs und Voltigieren mit Pferden. Dazu kommen Themenschwerpunkte und Projekte. Die Lehrer, viele davon mit Montessori-Ausbildung, setzen Angebote, die Schüler entscheiden aber selbst, zu welchem Zeitpunkt genau sie welchen Schulstoff erlernen. Die Philosophie dahinter erklärt Direktor Josef Reichmayr: „Dass man Gleichaltrige unabhängig von ihrem Entwicklungsstand in eine Klasse setzt, hat man vom Militär abgekupfert. Jedes Kind hat seine eigene Geschwindigkeit beim Lernen. In einer normalen Klasse differenzieren sich die Leistungen in den verschiedenen Bereichen oft um zwei bis zweieinhalb Jahre.“

Lernvereinbarungen zwischen Schülern und den Lehrteams sorgen dafür, dass die Kinder einen Bereich nicht vollständig vernachlässigen. Nach der Schulzeit sind die Kinder zumindest auf demselben Niveau wie ihre Altersgenossen in anderen Schulen. In der Klasse. In der Stammgruppe D sieht das dann so aus: Sieben sechs- bis achtjährige Schüler arbeiten teils gemeinsam, teils alleine an unterschiedlichen Aufgaben, unterstützt von zwei Pädagoginnen. Einige Kinder arbeiten an einem Projekt in einem Nebenraum mit. Der sechsjährige Ferdinand sitzt am Tisch, addiert zügig Zahl für Zahl auf einem Arbeitsblatt und bestätigt den Eindruck, dass er dabei keine Hilfe benötigt: „Ja, ich rechne gerne. Die Blätter habe ich gestern neu bekommen. Schau, so viele habe ich heute schon ausgefüllt!“ Obwohl er erst seit wenigen Wochen zur Schule geht, scheinen ihm die Aufgaben kaum Mühe zu bereiten.

4. Moderner Schulstoff
„In der Praxis lernen wir nicht nur lebensnah, sondern auch soziale Kompetenzen.“ Benjamin Biehal Schüler

Die 19-jährige Jasmin Meiri und der 18-jährige Benjamin Biehal sind Schüler der letzten Schulstufe am privaten Wiener Lernzentrum W@lz für Oberstufenschüler. Gegründet wurde die Schule vom Grünenpolitiker Christoph Chorherr und seiner Exfrau Renate. Sie ist nach wie vor Schulleiterin. Ähnlich wie die Gesellen auf der traditionellen Wanderung, der „Walz“, lernt man hier nicht nur in der Schule, sondern auch im praktischen Leben: Regelmäßige Auslandsaufenthalte mit Sprachkursen oder Berufspraktika gehören ebenso zum Pflichtprogramm wie die Arbeit bei Sozialdiensten, am Bauernhof, bei Handwerkern, in den Medien oder im Kunstatelier. Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen werden laufend unterrichtet, natur- und sozialwissenschaftliche Fächer sechs Wochen am Stück im und außer Haus, dann gibt es extern an einem Institut eine Abschlussprüfung im betreffenden Fach für den Jahrgang.

Die Lehrer begreifen sich als Mentoren und Partner, die die Schüler beim Lernen unterstützen. Das optimale Konzept für Schulexpertin Christa Koenne, sie würde sogar noch weiter gehen und zumindest an der Unterstufe überhaupt Fächer vereinen und anstelle Chemie, Physik und Biologie „Naturwissenschaften“ anbieten. Mit Laissez-faire hat man trotzdem nichts am Hut, schon am Beginn der Schulzeit unterschreiben die Schüler einen Lernvertrag. Bei Regelverstößen oder Zuspätkommen verdonnert Renate Chorherr Schüler schon mal zum Buffetdienst.

Fächerübergreifend

Jasmin Meiri war in der Unterstufe im Lycée Français und schätzt nun, „dass die Lehrer an uns glauben und wir hier individuell unterstützt werden“. Eine moderne Schule anstatt „altmodischen Frontalunterrichts wie im Lycée“ eben.

– Martina Madner

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