Das große Lohndrücken: Die Arbeitnehmer wollen deutlich mehr Geld - zu Recht

Am 30. September geht es los: Die großen Herbst-Lohnrunden starten mit den Metallern. Experten halten rund 3,5 Prozent Erhöhung durchaus für angebracht – gut für die Mitarbeiter, aber auch für die Konjunkturerholung.

Rainer Wimmer ist schon jetzt sauer. Dabei haben die Lohnverhandlungen für den Vorsitzenden der Produktionsgewerkschaft ProGe noch gar nicht begonnen. Wimmer ärgert aber bereits jetzt, was ihm der Chef der Industriellenvereinigung Veit Sorger via Medien ausrichten ließ: „Wir haben uns den Abschluss im vergangenen Jahr eigentlich nicht leisten können.“ Das Plus bei den Löhnen sei eine Vorleistung der Industrie auf die diesjährige Lohnrunde gewesen. Das sieht Wimmer naturgemäß anders. „Das ist absolut falsch. Zum Glück sitzt die IV bei den Verhandlungen nicht mit am Tisch. Die Arbeitnehmer haben auf vieles verzichtet, einige sogar auf ihre Jobs. Ohne das bisserl Ausgleich im letzten Jahr wäre der Konsum zusammengebrochen.“

Von einer kleinen, dezenten Lohnrunde – also nur einem Ausgleich für die Preissteigerung – will man in den Gewerkschaften angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs und voller Auftragsbücher, vieler Überstunden und florierenden Handels nichts wissen. ÖGB-Präsident Erich Foglar sagt: „Wir haben noch nie unrealistische Forderungen gestellt, aber noble Zurückhaltung ist genauso wenig angebracht.“

Wimmer fordert deshalb für die Metaller eine „ordentliche, kräftige Lohnerhöhung“. Damit liegen die Österreicher ganz im Trend: In Deutschland fordert die IG Metall sogar sechs Prozent mehr Lohn. Und erhält von unabhängigen Wirtschaftsbeobachtern und -forschern nicht mal einen Rüffel, sondern vollstes Verständnis.

Aber auch in Österreich zeichnet sich schon jetzt ab, dass das arbeitende Volk wohl tatsächlich mit Reallohnerhöhungen und mehr Geld im Börsel rechnen darf als in den vergangenen Jahren. Und zwar aus einfachen Gründen: Die Löhne hinken seit Jahren der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes hinterher. Viele Unternehmen sind auf eine stabile Entwicklung des privaten Konsums angewiesen. Und Lohnerhöhungen sorgen auch für das Voranschreiten des Strukturwandels bei den Unternehmen: Schwächelnde Nachzügler werden vom Markt gedrängt. Schließlich geht’s bei der diesjährigen Lohnrunde nicht nur um ein paar Prozentpunkte mehr, sondern darum, wie beide Seiten – Arbeitnehmer und Arbeitgeber – künftigen Krisen gut gewappnet entgegentreten können.

Nachziehen

Die einfache Rechnung für Lohnerhöhungen lautet: Inflationsabgeltung, heuer 1,9 bis zwei Prozentpunkte, plus der halbe Anteil am Produktivitätszuwachs. Quer über alle Branchen hinweg wären das laut Wirtschaftsforscher Markus Marterbauer nochmals 1,5 bis zwei Prozent. Macht in Summe 3,4 bis vier Prozent Lohnerhöhung.

Die erste große Runde ist wie immer jene der Metaller. Sie startet am 30. September. Der Handel folgt am 19. und 20. Oktober. Mit Spannung erwartet wird auch jene der Beamten, ab Mitte Oktober.

Zahlen richten sich die österreichischen Lohnverhandler anders als in Deutschland nicht über die Medien aus, aber: Die Messer werden mit Argumenten gewetzt. Und da steht bei den Metallern etwa die zunehmende Überlastung der verbliebenen Mitarbeiter der Sorge vor Auftragseinbrüchen gegenüber. Schließlich geht es beiden Seiten nicht nur um die kurzfristige Lohnerhöhung, sondern darum, den wirtschaftlichen Aufschwung langfristig zu erhalten und damit Arbeitsplätze zu sichern.

Die Reallöhne hinken allerdings bereits seit über drei Jahrzehnten hinter dem Wirtschaftswachstum hinterher, ihr Anteil am BIP ist Jahr für Jahr gesunken. Das ist auch vielen Vertretern der Wirtschaft klar. Selbst Christoph Hinteregger, der Chefverhandler der Metaller- Arbeitgeberseite, versteift sich nicht auf Hardcore-Positionen. Er will eine faire Lohnerhöhung: „Selbstverständlich dürfen unsere Mitarbeiter damit rechnen, dass ihnen die Inflation abgegolten wird und sie auch einen Anteil an der Produktivität erhalten.“

Wirtschaftliches Gesamtgefüge

Auch sein Pendant beim Handel, Fritz Aichinger, plagt weniger die Sorge der Lohnerhöhungen als jene um die Entwicklung des Konsums insgesamt. Denn der soll im Herbst nicht wegen zu extremer Sparpläne der Bundesregierung einbrechen. Deshalb gibt es im Handel sogar ein Plädoyer für gerechte, aber „nicht überzogene“ Lohnerhöhungen von Arbeitgeberseite.

Tatsächlich sagen auch Wirtschaftsforscher: Die Binnennachfrage in Österreich hat die Krise etwas abgeschwächt. Wird sie langfristig weiter gestärkt, ist man unabhängiger von den Exporten. Die exportorientierte Produktionsindustrie wurde krisenbedingt über die Kurzarbeit gestützt. In Zeiten des Aufschwungs schreitet der Strukturwandel wieder voran, Lohnerhöhungen helfen dabei. Herbert Walther, Professor für Arbeitspolitik an der WU Wien, erklärt, warum: „Lohnerhöhungen wirken als Produktivitätspeitsche, schwache Unternehmen können sie sich nicht leisten. Sie werden vom Markt gedrängt.“

Strukturwandel vorantreiben

Auch im Interview mit WIFO-Chef Karl Aiginger wird klar, der Wandel ist wichtiger als die Lohnerhöhung an sich: „Ich bin dafür, eine dritte Dimension bei den Verhandlungen im Auge zu haben. Es sollte in eine qualitative Stärkung des Standortes investiert werden.“ Die Sozialpartner müssten damit gleich mehrere Fragen beantworten: jene nach altersgerechten Arbeitsplätzen, um Mitarbeiter länger im Betrieb zu halten, anstatt sie in Frühpension zu schicken. Ein solcher neuer Weg setzt auf beiden Seiten Flexibilität voraus: Der ältere Arbeitnehmer würde bei konstant sinkender Arbeitszeit auch entsprechend weniger verdienen. Die Unternehmen wären angehalten, sich vom Golden Handshake zu verabschieden und auch in ältere Mitarbeiter zu investieren.

Strukturwandel heißt aber auch, Weiterbildung im Unternehmen zu forcieren und mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten. WIFO-Chef Aiginger: „Die österreichische Sozialpartnerschaft hat bewiesen, dass sie auch langfristig denken kann.“ Tatsächlich geistern Ideen wie diese einen Monat vor Beginn der Verhandlungen in den Köpfen der Beteiligten herum – als Prävention gegen zukünftige Krisen.

Ein Szenario, das sich für den Öffentlichen Dienst nicht abzeichnet. Die Beamten sollten endlich ihren Teil zur Krisenbewältigung beitragen, rufen gebeutelte Arbeitslose, entnervte private Unternehmer und Kritiker des Beamtenapparates. Sehr wahrscheinlich ist, dass sich der öffentliche Dienst heuer auf eine karge Runde einstellen muss – zu sehr steht sein Arbeitgeber unter Sparzwang.

Ein Prozent Lohnerhöhung, rechnet die zuständige Ministerin Heinisch-Hosek vor, kostet sie 110 Millionen Euro. Ihre Vorgabe aber lautet, bis 2014 insgesamt 320 Millionen Euro einzusparen. Heinisch-Hoseks Gegenüber, Beamtengewerkschafter Fritz Neugebauer, ist ein erprobter Verhandler und setzt erst mal auf den Faktor Zeit: „Wir werden, bevor wir in Verhandlungen treten, die Wirtschaftsdaten für das 3. Quartal Ende September abwarten.“ Und dann bringt auch der ÖVP-Mann jenes Argument, auf das die SPÖ-Gewerkschafter setzen und damit im vergangenen Jahr absolut Recht hatten: kräftige Lohnerhöhungen steigern die Kaufkraft, was das Wachstum stabil hält. Neugebauer: „Das zeigt doch, dass man auf eine steigende Kaufkraft, gerade im Zuge der Budgetkonsolidierung, nicht verzichten kann.“

– Martina Madner, Markus Pühringer

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