Christopher Whalen: "Bald wird auf den Bankrott der gesamten Eurozone spekuliert"

Auf Finanzmärkten wird derzeit gegen Euro-Staaten gewettet. Wie das geschehen konnte, erklärt US-Risiko-Analyst Whalen.

FORMAT: Herr Whalen, welche Auswirkungen haben die Wetten auf Griechenlands Staatsbankrott?
Whalen: Sie werden das Land nicht in den Bankrott treiben. Aber sie vergrößern das Problem erheblich, indem sie den Preis hinauftreiben, den das Land für seine Schulden zahlt. Doch Griechenland ist nur der Anfang: Es wird bereits auf den Bankrott Spaniens spekuliert, bald wohl auf die gesamte Eurozone.
FORMAT: Wie können diese Spekulationen solchen Einfluss haben?
Whalen: Weil die Kids, die da spekulieren, ein gefährliches Instrument dafür in der Hand haben: Sie benützen Credit Default Swaps (CDS) – und da kann man ohne Limit Fremdkapital einsetzen. So wird mit riesigen Massen an Geld gegen ein Land spekuliert, das sich dagegen nicht wehren kann. Das ist viel gefährlicher als damals, als George Soros gegen das Pfund spekulierte. Mit CDS zu spekulieren ist, als würde man eine Versicherung auf das Haus des Nachbarn abschließen und es dann anzünden. Das ist besonders unangenehm, wenn Sie in dem Haus sitzen – in dem Fall in der Eurozone.

"Seit der Krise hat sich nichts getan"
FORMAT: Warum ist das überhaupt erlaubt?
Whalen: Die Fed – aber auch der Finanzplatz London – haben nach 2001 die Zügel gelockert, weil diese derivativen Geschäfte die Bilanzen der Banken wesentlich besser aussehen lassen, als sie sind. Bei klassischen Futures muss man die Ware liefern können, wenn der Kontrakt ausläuft. Bei CDS aber nicht: Sie brauchen die Anleihen nicht einmal auszuleihen, um auf fallende Kurse zu spekulieren. Deshalb kann dieser spekulative Markt gegen die Staatsanleihen viel größer werden als der Markt für die Anleihen selbst. Regulatoren sind mit diesen Geschäften heillos überfordert. Man sollte die Glücksspielkontrolle damit betrauen. Mentalität und Vorgangsweise sind nicht anders als bei Pferdewetten.
FORMAT: Wer sind die Akteure?
Whalen: Vor allem Hedgefonds und Investmentbanken. Die Deutsche Bank etwa ist dick dabei. Früher war das in Deutschland ja verboten, aber der Wandel kam nach und nach. Heute ist nicht nur die Wall Street, sondern London das Zentrum solcher Geschäfte. Das ist das schmutzige Geheimnis der Briten. Seit 2004 kommen dort laufend Produkte auf den Markt, die nirgends registriert sind.
FORMAT: Wie können sich die betroffenen Staaten wehren?
Whalen: Seit der Krise hat sich nichts getan: Die Regierungen scheinen machtlos gegen die Bankster zu sein. Wenn nun aber gegen Spanien oder die gesamte Eurozone spekuliert wird, wacht die Politik vielleicht auf. Derzeit haben die Banken zu viel Einfluss – die Deutsche Bank etwa bestimmt die deutsche Politik mit.

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