Christian Konrad: "Das wird nicht meine Wunschregierung"

Christian Konrad: "Das wird nicht meine Wunschregierung"

GESPRÄCH IM DO & CO. Der Autor trifft Christian Konrad an dem Tag, als das Ende der Renovierung des Wiener Stephansplatzes gefeiert wird.

Er bereist die Balkanroute, um vor Ort Straßenkindern zu helfen. Er unterstützt den Verein Österreich hilfsbereit, der sich um unbegleitete jugendliche Flüchtlinge kümmert. Und er ist wortgewaltig wie eh und je: Der frühere Raiffeisenboss Christian Konrad zur Lage der Nation.

Auch nach seinem Rückzug als Bank- und Medienmanager gilt Christian Konrad, 74, als einer der mächtigsten Strippenzieher des Landes.

Ein Jahr nach seinem Ausscheiden als Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung spricht er über den aktuellen Stand von Migration und Integration, über die Lage bei Raiffeisen - und natürlich auch über die Koalitionsverhandlungen zwischen Türkis/Schwarz und Blau.

trend: Wir sprechen an einem bemerkenswerten Tag: In einer Stunde wird unter uns die endgültige Fertigstellung des renovierten Stephansplatzes gefeiert. Freuen Sie sich als ehemaliger Obmann des Vereins Unser Stephansdom?
Christian Konrad: Als Staatsbürger und als gläubiger Bewunderer des Doms natürlich. Aber ich bin mit mehreren Mitstreitern in Unfrieden aus dem Verein geschieden, im Streit mit Kardinal Schönborn, dem der Mut für einen großen Umbau gefehlt hat. Wir wollten am Platz auch einen ganz neuen Zugang zur gesamten Kirche samt Krypta und Museum schaffen und dorthin auch die Dombauhütte vom Platz verlegen. Er ist fast im letzten Moment von dem Beschluss abgesprungen. Nun freut es mich aber, dass mein Nachfolger, Günter Geyer, in kleinerem Maßstab erfolgreich war.

Nicht ihre erste Tätigkeit im Interesse der Kirche.
Konrad: Sicher nicht meine erste in Sachen Mitmenschlichkeit. Seit 1994 betreibe ich etwa Fundraising für die Basilika Mariazell. Und nach dem Ableben von Kardinal König im Jahr 2004 habe ich mit mehreren Mitstreitern überlegt, wie wir den Obdachlosen, die in seiner Nähe von einer Kirche unterstützt worden waren, noch nachhaltigere Hilfe bieten könnten.
Daraus ist die Neugestaltung der "Gruft" in Wien-Mariahilf geworden. Nun betreut die Caritas die Obdachlosen in einem Neubau im Pfarrhof, nicht mehr in der ehemaligen Gruft unter der Kirche. Da geht es nicht nur um warme Mahlzeiten und Schlafstellen, sondern auch um Unterstützung für eine Rückkehr in ein geordnetes Leben inklusive juristischer und psychologischer Hilfe.
Und vor zwei Tagen bin ich von einer mehrtägigen Reise für die Concordia-Stiftung zurück gekommen: Wir - Hans Peter Haselsteiner als Vorstandsvorsitzender und meine Tochter Ulla als operative Geschäftsführerin - bemühen uns um Straßenkinder in Rumänien, Bulgarien und Moldawien. Das ist nicht nur aus karitativen Gründen wichtig: So kann unter anderem eine neue Flüchtlingswelle in Richtung Westen vermieden werden. Das kostet viel Zeit, über die ich ja jetzt mehr verfüge, schafft aber auch viel Herzenswärme. Ich bin derzeit hauptsächlich als Sozialarbeiter tätig (lacht) .

Wie läuft es in Ihrem angestammten Reich, dem Raiffeisen-Konzern?
Konrad: Ich habe mich ja schon vor fünf Jahren aus meinen offiziellen Funktionen zurückgezogen...

... aus den offiziellen schon, aber informell pflegen Sie schon weiter Ihre Kontakte, nicht nur bei Raiffeisen...
Konrad: Es ist doch klar, dass ich meine Kontakte - heute sagt man Netzwerke dazu - weiter nutze, vor allem für humanitäre Zwecke. Und ebenso klar ist, dass ich zur Verfügung stehe, wenn ich um Rat gefragt werde.

Welchen Ratschlag geben Sie derzeit Raiffeisen?
Konrad: Der erste Schritt des Umbaus ist gelungen, nun stehen noch andere an, sonst wird Raiffeisen untergehen. Ich weiß, wie schwer solche Umbauten sind, weil ich 30 Jahre daran beteiligt war, selbstständige Kassen zusammenzuführen. Man muss sich vielen menschlichen Problemen stellen, viele Menschen sind von solchen Umbauten betroffen.

Wie haben die österreichischen Banken insgesamt die Finanzkatastrophe seit 2008 verdaut?
Konrad: Ich glaube, sie sind auf einem sehr guten Weg. Behindert werden sie aber von immer neuen Vorschriften. Bei der Risikominimierung ist man von einem Extrem ins andere verfallen, Banken haben es dadurch schwer, das zu tun, wofür sie eigentlich da sind: wirtschaftliche Projekte zu finanzieren.

Offenbar wird nicht immer richtig reglementiert. Die internationale Finanzwirtschaft ist ja nicht unbeteiligt an Vorgängen, wie sie in den Panama Papers und den Paradise Papers beschrieben werden.
Konrad: Daran sind Unternehmen und Konzerne beteiligt, Banken höchstens am Rande. Da geht es um Steuerminimierung und Steuervermeidung, das Bestreben dazu wird es immer geben. Da muss sich die Politik überlegen, wie sie das verhindern kann.

Es sieht derzeit nicht danach aus, dass sie das wirklich verhindern kann oder will.
Konrad: Diese Skepsis teile ich. Schließlich haben sich ja einige Politiker und Länder selbst an dem Spiel beteiligt, von Luxemburg bis Island. Und was die Unternehmen betrifft: Aufsichtsräte müssen eben das tun, wofür sie eigentlich bestellt sind: genau kontrollieren und manchmal auch Nein sagen.

Christian Konrad im Interview von Peter Pelinka

Aus einer besonders wichtigen sozialen Funktion haben Sie sich vor etwas mehr als einem Jahr nicht ganz freiwillig zurückgezogen. Sie wären gern länger als ein Jahr Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung geblieben, richtig?
Konrad: Meine persönlichen Befindlichkeiten sind in diesem Zusammenhang egal. Ich bin froh, dass in der Sache viel Positives weitergegangen ist. Blenden wir zurück: Ich bin im August 2015 vom damaligen Vizekanzler Mitterlehner ersucht worden, für die Regierung als Flüchtlingskoordinator zu wirken. Ganz kurz darauf ging die Sache erst richtig los: mit dem Stau beim Budapester Busbahnhof, mit dem wilden Ansturm auf unsere Grenzen, mit der Tragödie um den Schlepperbus im Burgenland. Das Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen war heillos überfüllt, tausende Menschen waren obdachlos. Ich habe als erstes alle NGOs eingeladen und mit den Behörden zusammengebracht, dann insgesamt drei Bürgermeistertreffen koordiniert. Mir war klar, dass nur mit den Bürgermeistern und deren direktem Draht zur Ortsbevölkerung eine Entspannung möglich wird. Das ist gelungen: Heute haben zwei Drittel aller österreichischen Gemeinden Flüchtlinge untergebracht, am Anfang war es ein Drittel. Traiskirchen ist weitgehend ruhig, und wir haben insgesamt tausende freie Wohneinheiten für eventuelle Notfälle.

Die größten Probleme sind also ausgestanden?
Konrad: Es kommen viel weniger Menschen als 2015, jetzt geht es um die Integration derer, die bleiben dürfen. Ich war immer der Meinung, dass wir das schaffen. Vor Kurzem ging es um die jährliche Integration von 40.000 Menschen, also der Zuschauerzahl in einem gut gefüllten Stadion. Derzeit ist es ein wesentlich kleineres Stadion. Die Grundvoraussetzungen sind gleich geblieben: Aslysuchende müssen viel rascher Bescheid erhalten, ob sie diese Chance erhalten. Und für jene, die bleiben können, müssen rasch Sprachkurse organisiert werden, dann Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten. Ich will weiter in einem Österreich sein können, das die Grundsätze der christlicher Nächstenliebe nicht nur predigt, sondern auch lebt.

Das werden Sie bald einem Bundeskanzler Sebastian Kurz vortragen können, der einmal Staatssekretär für Integration war.
Konrad: Das werde nicht ich ihm vortragen, sondern der von mir unterstützte Verein Österreich hilfsbereit. Ich bin zuversichtlich, dass nach manch scharfen Tönen im Wahlkampf auch mit diesen Problemen wieder pragmatischer umgegangen wird. Vor allem muss man sich um tausende unbegleitete Jugendliche kümmern, die in Kriminalität oder Extremismus abrutschen könnten, wenn sie keine entsprechenden Perspektiven für Bildung und Beruf vorfinden. Zum Beispiel wäre es ganz schlecht, wenn die Finanzierung der angebotenen Deutschkurse nicht gesichert wird.

Das wird mit dem voraussichtlichen blauen Regierungspartner Kurz nicht ganz einfach werden.
Konrad: Auch da habe ich die Hoffnung, dass nichts so heiß gegessen wie gekocht wird.

Aber freuen kann Sie eine schwarz-blaue oder türkis-blaue Regierung nicht?
Konrad: Das wird sicher nicht meine Wunschregierung. Aber offensichtlich gibt es derzeit aus verschiedenen Gründen keine realistische Alternative. Aber man muss ganz genau anschauen, was sie macht. Ein Außenminister Hofer wird Österreich nicht unbedingt gut tun in Europa. Auch nicht, wenn ein blauer Innenminister im nächsten Jänner Wasserwerfer gegen die vermutliche Demonstration zum Burschenschaftler-Ball in der Hofburg einsetzen lassen würde.

Christian Konrad mit Videoteam der Verlagsgruppe News und Peter Pelinka, der das Interview für den trend führte. Pelinka war u. a. Chefredakteur von "Format" und Moderator bei "Im Zentrum". Heute ist er Kolumnist bei "News" und Gesellschafter der Medientrainingsfirma Intomedia


  • Das Interview ist der trend-Ausgabe 46/2017 entnommen

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