Christian Keuschnigg: "Brexit ist für Großbritannien ein Schuss ins Knie"

Christian Keuschnigg, Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen und Leiter des Wirtschaftspolitischen Zentrums in Wien, im trend-Interview zu den Folgen des EU-Referendums in Großbritannien: Die Europäische Union muss jetzt Geschlossenheit zeigen und in den verbleibenden Mitgliedsstaaten die Einheit stärken.

Christian Keuschnigg, Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen und Leiter des Wirtschaftspolitischen Zentrums in Wien.
Christian Keuschnigg, Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen und Leiter des Wirtschaftspolitischen Zentrums in Wien.

Christian Keuschnigg, Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen und Leiter des Wirtschaftspolitischen Zentrums in Wien.

trend: Herr Keuschnigg, Sie hatten vor dem EU-Referendum in Großbritannien in einem Kommentar für den trend erklärt, dass ein Austritt der Briten aus der Europäischen Union für Großbritannien viel schwerwiegendere Folgen hätte als für die EU.
Christian Keuschnigg: Das ist richtig. Was aber nicht bedeutet, dass dieser Austritt auf die EU keine Auswirkungen hat. Ganz im Gegenteil.

trend: Nun ist der Ernstfall eingetreten. Die Briten haben mehrheitlich für einen Austritt aus der EU gestimmt. Wie geht es weiter?
Keuschnigg: Die Interessen sind klar: Großbritannien wird versuchen, auch in Zukunft einen möglichst freien Zugang zum europäischen Markt zu haben, den zum Beispiel auch Norwegen hat. Die EU ihrerseits muss versuchen, den eigenen Club zusammenzuhalten. Sie wird sich fragen müssen, wie man die EU festigen kann und sich bemühen müssen, die Vorteile der Union den Mitgliedern exklusiv vorzubehalten.


Bei uns wäre ein Austritt ein fast undenkbares Szenario

trend: Die Briten werden aber wohl versuchen, einen Status wie die Schweiz oder Norwegen zu bekommen.
Keuschnigg: Da muss die EU Härte zeigen. Es muss den Briten klar gemacht werden, dass es die Vorteile der Gemeinschaft nur dann gibt, wenn man auch einen Beitrag leistet und ein bisschen Souveränität aufgibt. Die EU muss den Briten jetzt demonstrieren: Es gibt nur eine Vollmitgliedschaft oder gar nichts. Für Großbritannien wird das bedeuten, dass es auf den Drittland-Status zurückfällt.

trend: Vollmitgliedschaft oder gar nichts - diese Haltung würde auch die Schweiz oder Norwegen treffen.
Keuschnigg: In der Schweiz fürchtet man sich davor auch schon. Der EU-Austritt Großbritanniens ist ein ganz schlechtes Signal für die Schweiz. Die Schweiz ist ja in den Verhandlungen mit der EU schon lange unter Druck. Die Schweiz und Norwegen sind aber in etwas anderen Situationen als Großbritannien, denn die beiden Länder waren ja nie Mitglieder der EU.


Die EU sollte sich wie ein exklusiver Tennisclub sehen.

trend: Aber könnte die EU nicht den beiden Ländern nun auch die Daumenschrauben anziehen?
Keuschnigg: Das Anziehen der Daumenschrauben hat im Falle der Schweiz ja schon lange begonnen. Die Schweiz musste zum Beispiel auf Druck der EU ihre Besteuerung anpassen, weil sie nicht mehr EU-konform war. Und Norwegen erkauft sich den Zugang zum europäischen Markt als Nicht-Mitgliedsstaat. Die Zahlungen Norwegens an die EU betragen fast 80 Prozent der Zahlungen Großbritanniens.

trend: Also keine Sonderregelungen für Großbritannien?
Keuschnigg: Die EU sollte sich wie ein exklusiver Tennisclub sehen. Da gibt es auch keine Möglichkeit, die angenehmen Vorteile, das Clubhaus und die gut gepflegten Plätze zu benutzen, ohne dafür zu zahlen. Es gibt keine Möglichkeit, die Vorteile zu nutzen, ohne die Nachteile zu akzeptieren. Sonderregelungen wird es daher nicht geben.


Wir müssen froh sein, dass Großbritannien nicht Mitglied der Euro-Zone war.

trend: Es gibt auch in anderen EU-Mitgliedstaaten Austrittsbestrebungen.
Keuschnigg: Wir müssen froh sein, dass Großbritannien nicht Mitglied der Euro-Zone war. In Österreich hätte ein solches Votum eine ganz andere Dimension. Die EU ist für kleine Länder noch viel wichtiger als für große Länder wie Großbritannien, in denen es zumindest auch eine große Inlandsnachfrage gibt. Bei uns wäre ein Austritt ein fast undenkbares Szenario.

trend: Hat es die EU in der Vergangenheit vielleicht versäumt, die Vorteile der Gemeinschaft richtig darzustellen? Sollten diese mehr betont werden?
Keuschnigg: Die Vorteile der EU sind für viele eher diffus und schwer zu verstehen. Marktzugang, Wachstum, Innovation - was bedeutet das? Nettobeitragszahlungen sind dagegen viel einfachere Argumente. Brüssel und die EU sind außerdem weit weg. So wie für Vorarlberger Wien weit weg ist. Wenn man etwas haben will, dann muss man auch etwas tun dafür. Etwas hergeben. Alle Vorteile zu bekommen, aber keine Souveränität abzugeben, das geht nicht.

trend: Wie geht es nun mit Großbritannien weiter? Könnten nun die Schotten und die Waliser den Austritt aus Großbritannien anstreben und danach die EU-Mitgliedschaft beantragen?
Keuschnigg: Bei der Fußball-Europameisterschaft ist Großbritannien ja auch mit drei Mannschaften vertreten. Ja, der Zerfall Großbritanniens ist jetzt ein ganz klares Risiko. In Schottland gab es ja erst vor kurzem ein Unabhängigkeitsreferendum. Die Schotten verbinden die EU mit Wohlstand und haben auch mit 60 Prozent für einen Verbleib in der EU gestimmt. Es kann nun leicht sein, dass ein neues Referendum angesetzt wird und sich die Schotten abspalten. Für Großbritannien ist der EU-Austritt ein Schuss ins Knie.

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