Christian Kern: Vom ÖBB-Chef zum Bundeskanzler und SPÖ-Chef

Christian Kern, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) und designierter Österreichischer Bundeskanzler
Christian Kern, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) und designierter Österreichischer Bundeskanzler

Christian Kern: Designierter SPÖ-Chef und Bundeskanzler.

Im Juni 2010 übernahm Christian Kern den Chefsessel der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) und damit ein "Himmelfahrtskommando". Seither hat er aus einem Sanierungsfall ein profitables Unternehmen gemacht. Nun steht er vor dem nächsten Schritt: Er ist neuer SPÖ-Parteichef und wird nächster österreichischer Bundeskanzler.

Österreich hat einen neuen Bundeskanzler. Die SPÖ-Parteispitze hat sich auf Christian Kern, bislang ÖBB-Vorstandschef, geeinigt. Die letzte, von allen Seiten erwartete Bestätigung, kam am Freitag vom Interims-Parteivorsitzender der SPÖ, Michael Häupl. Der ebenfalls als Top-Kandidat gehandelte Medienmanager Gerhard Zeiler hatte bereits zuvor erklärt, keine Kampfkandidatur gegen Christian Kern anzustreben. Kern wird daher dem zurückgetretenen Werner Faymann auch SPÖ-Parteichef nachfolgen.

Und auch die Nachfolge von Christian Kern bei der ÖBB ist bereits fix, wie trend bereits exklusiv berichtete: Der 53-jährige Andreas Matthä, Bahn-Infrastruktur-Vorstand und ein „Bahn-Urgestein“, soll der neue Chef bei den ÖBB werden.


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Mit dem Bundeskanzleramt übernimmt Kern zweifellos eine schwierige Aufgabe. Die Führung der SPÖ, die Partei, in die er praktisch hineingeboren wurde, zu übernehmen, ist jedoch mindestens ebenso schwierig. Die Partei ist orientierungslos und zerstritten. In ihrer Planlosigkeit hat sie Stamm- und Wechselwähler in großem Stil an die FPÖ verloren. Bei den Wahlen der letzten drei Jahre hat die SPÖ praktisch durchwegs und teilweise massiv Stimmen verloren. Die einzigen Ausnahmen waren die Landtagswahlen 2013 in Kärnten, wo die SPÖ von den Skandalen rund um die FPÖ profitieren und 8,39 Prozent der Stimmen zugewinnen konnte sowie die EU-Wahl, wo sich die Partei um bescheidene 0,35 Prozent verbessern konnte.

Schwerer wiegt aber, dass aus der ehemaligen Arbeiterpartei ist eine Pensionistenpartei ohne Anschluss zur Basis oder zur Mitte geworden ist und die Sozialdemokratie in ganz Europa massiv unter Druck gekommen sind. Kern wird daher in der SPÖ-Spitze wohl ebenso umrühren, wie er das nach seinem Amtsantritt im ÖBB-Management gemacht hat. Dass er als Kanzler auf Vertraute und Wegbegleiter setzen wird ist zu hundert Prozent zu erwarten. "Kern wird freie Hand bei der Wahl seiner Ministerinnen und Minister haben", sagte Häupl. Er sei "mit Sicherheit jemand, der den einen oder anderen Graben überbrücken kann“, und somit die Flügel der SPÖ einen könnte.

Christian Kern war aber nie ein Mann, der einfache Wege geht. Als er im Juni 2010 seinen sicheren Vorstandsposten beim Verbund aufgab, um Vorstandschef der ÖBB zu werden, fragten sich etliche seiner Wegbegleiter, ob er nicht seinen sonst so scharfen Verstand verloren hatte. Selbst gestandene Manager wie der Immofinanz-Sanierer Eduard Zehetner winkten schon bei dem Gedanken daran ab, diesen Job zu übernehmen.

Der schwer defizitäre Moloch ÖBB, der 2010 einen Verlust von 329,8 Millionen Euro verkraften musste und der über Jahrzehnte ein Spielball der Politik war, bei dem parteipolitische Interessen mehr zählten, als wirtschaftliche Fakten, galt als unsanierbar. In nur einem Jahrzehnt hatten sich bereits vier Top-Manager erfolglos daran versucht, das Steuer herumzureißen: Helmut Draxler (bis Juli 2001), Rüdiger vorm Walde (bis Oktober 2004), Martin Huber (bis April 2008) und Peter Klugar (bis Juni 2010).

Andere wiederum waren überzeugt, dass - wenn es überhaupt jemand schaffen konnte, die Bahn wieder auf Schiene zu bringen - der damals erst 44-jährige Christian Kern der richtige Mann dafür war. Sie sollten recht behalten. Die Frage der Stunde ist allerdings, ob es dem Manager das gleiche Kunststück nun auch beim Staat, der Regierung und der SPÖ gelingen wird.

Kerns Erfahrung im Krisen- und Sanierungsmanagement ist dabei auf jeden Fall gefragt. Und wenn er aus seiner bisherigen Arbeit bei der Überlegung, ob er dem Ruf der Partei folgen soll, einen Schluss ziehen kann, dann wäre es wohl der, dass er sich auf eine aufregende, aber harte Zeit einstellen kann. Als Bundeskanzler wartet auf ihn eine wilde Achterbahnfahrt.

Ernüchterung beim Start

Die erste Zeit bei den ÖBB war für den smarten Manager aber auch besonders hart. Er musste das Unternehmen und dessen Untiefen erst einmal ausloten und seinen eigenen Weg finden. Dazu gehörte auch, sich nicht mit dem Schütteln von Bürgermeisterhänden an Haltestellen von Nebenbahnen aufzuhalten und auch garantiert keine Zugbegleiterkappe aufzusetzen, um damit für Bezirks- oder Gemeindeblatt-Fotografen zu posieren.

Die Analyse der Ist-Situation zu seinem Amtsantritt war erschreckend. Kern war fassungslos, wie sehr die wahre Situation der Bahn vor seiner Zeit unter den Tisch gekehrt wurde. Wie das Unternehmen starkgeredet und Probleme nicht angegriffen wurden. Die 2003 beschlossene Zerschlagung der Bahn habe zu massiven Synergieverlusten geführt, den Overhead dramatisch aufgeblasen und das Netzwerk zerfallen lassen. Im Gespräch mit dem trend sagte er damals: "Unser Vertriebsnetz aus wie ein Emmentaler und die ÖBB wurde in keiner Weise auf Wettbewerber wie etwa die Westbahn vorbereitet."

Zehn Jahre gab er sich damals für den Job an Spitze der Bundesbahnen. "Danach hätte ich immer noch mehr Berufsjahre übrig, als ich in der Bahn verbracht habe, und ich will am Managermarkt vermittelbar bleiben", war seine Ansage.

Das Geschick und der Erfolg, mit dem Kern binnen kürzester Zeit den Turnaround bei den ÖBB schaffte - schon 2011 hatte sich das Minus in der Bilanz um über 300 Millionen Euro reduziert und seit 2012 schreibt die Bahn wieder schwarze Zahlen - machten jedoch bald nicht nur andere Unternehmen, sondern auch die Politik auf den eloquenten Manager aufmerksam. In der Bilanz des Jahres 2015 stand ein Plus von 192,8 Millionen Euro. Besonders beachtenswert dabei ist, dass der Turnaround ohne großen Mitarbeiterabbau gelang. Ende 2010 beschäftigte die ÖBB 42.419 Mitarbeiter, der am 22. April 2015 vorgelegten Bilanz zufolge waren es Ende 2015 immer noch 41.150.

Kanzler-Kandidat

Seit Jahren wurde Kern, der Sohn einer traditionellen, SPÖ-wählenden Simmeringer Arbeiterfamilie, als potentieller Bundeskanzler gehandelt. Er ließ sich jedoch auf derartige Spekulationen nicht ein und ging besonnen und konsequent seinen Weg weiter. Er krempelte die Personal- und Managementstruktur der ÖBB um, brachte die defizitäre Güterverkehrssparte RCA zurück in die Gewinnzone, investierte in Marketing- und Imagekampagnen, drückte es durch, dass die Qualität und die Pünktlichkeit der Züge verbessert wurde und konnte sogar ein Jahrhundertprojekt wie den neuen Wiener Hauptbahnhof kosten- und termingerecht abwickeln.

In der Öffentlichkeit kaum bemerkt, aber für die Effizienzsteigerung der Bahn unheimlich wichtig liefen im Hintergrund zahlreiche weitere Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur ab. So wurde etwa die Zahl der Verkehrsleitstellen von über 500 auf eine Leitzentrale und fünf Betriebsführungszentralen konsolidiert.

Geschick bewies Kern auch, als im vergangenen Sommer die Flüchtlingskrise eskalierte. Er ließ die Bahnhöfe für die Flüchtlinge öffnen, warf ganz unösterreichisch jede Form der Bürokratie über den Haufen und leistete so aktiv Hilfe für zigtausende Menschen. "Die Probleme machen uns nicht die Flüchtlinge, sondern die Maßnahmen zu ihrer Abwehr", erklärte er damals, während sich die Politik zusehends uneins wurde, wie man mit der Flüchtlingswelle umgehen soll. Von vielen Seiten wurde dafür schon letzten Herbst als neuer Bundeskanzler vorgeschlagen.

Nach dem Rücktritt von Werner Faymann am 9. Mai wird das nun Realität. Christian Kern hat sich dazu überreden lassen, seinen Zehn-Jahres-Plan bei der ÖBB ad acta zu legen und Bahn-Infrastruktur-Vorstand Andreas Matthä den Chefsessel zu überlassen. Er selbst wird ab nun den Staat managen.


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