Charles E. Ritterband über Kein weites Land:
Nachbar Schweiz – das unbekannte Wesen

Wenn die Schweiz international Schlagzeilen macht, dann in der Regel keine positiven: Minarettverbot in der Bundesverfassung, das Desaster der beiden Flaggschiffe Swissair und UBS, Schweiz als Steueroase, der Fall Polanski. Der Name „Schweiz“ weckt in der Welt völlig gegensätzliche Assoziationen: Sie wird entweder verteufelt oder idealisiert. Kalt lässt sie niemanden.

Kürzlich fand ich mich zufällig in der „Holsteinischen Schweiz“. Diese Gegend in Norddeutschland ist zwar wunderschön, hat jedoch mit einer Schweizer Landschaft eher wenig gemeinsam. Wenn irgendwo auf dem Erdball eine Region als besonders attraktiv empfunden wird, erhält sie umgehend das Etikett „Schweiz“. Die Schweiz als Inbegriff des Paradieses? Andererseits wird der Schweiz ein beträchtliches Sündenregister unterstellt – von der in vieler Hinsicht beschämenden Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg bis hin zum Hort für Fluchtgelder aus mitunter ziemlich dubiosen Quellen. Dennoch – beim Stichwort „Hort“ stoße ich im Duden sogleich auf den Satz „Die Schweiz gilt als Hort der Freiheit und Humanität“. Was also? Hort edler Werte oder Hort schmutziger Gelder? Musterland der Demokratie, Paradies der Berge und Seen – oder Absteige für zwielichtige Gestalten?

Kleine Großmacht
Die Schweiz ist ein kleines, dicht besiedeltes Land. Sie hat 7,39 Millionen Einwohner, die sich auf 41.285 Quadratkilometern drängen – und ein großer Teil dieser Fläche wird von unbewohnbaren Zonen wie Gebirgen und Seen eingenommen. Österreich ist doppelt so groß (83.871 Quadratkilometer) und wird von 8,355 Millionen Menschen bewohnt. Die Schweiz hat demzufolge eine Bevölkerungsdichte von 183 Einwohnern pro Quadratkilometer (Österreich kaum mehr als halb so viele, nämlich 99,5). Dazu kommt in der Schweiz der höchste Ausländeranteil Europas, 22 Prozent; in Österreich liegt dieser deutlich unter 10 Prozent.
„Kleine Schweiz“ – schon diese Wortkombination ist ein Klischee, denn in mancherlei Hinsicht ist die Schweiz durchaus eine Großmacht: So beschäftigen Schweizer Unternehmen im Ausland bereits 1,61 Millionen Arbeitskräfte, und laut ­einer Studie der amerikanischen Zeitschrift „Foreign Policy“ gehört die Schweiz zu den drei am stärksten „globalisierten“ Nationen der Welt. Im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Wirtschaft nimmt die Schweiz weltweit den ersten oder zumindest einen der ersten fünf Ränge ein. Laut „Financial Times“ zählen zwölf Schweizer Firmen zu den mächtigsten 500 Unternehmen der Welt.
Die im Verhältnis zur Größe des Landes weit überproportionale wirtschaftliche Potenz beruht zu einem großen Teil auf der Qualität von Lehre und Forschung: Die Schweiz weist im internationalen Vergleich einen der höchsten Anteile an Forschungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt auf; mehr als zwei Drittel der Forschungstätigkeit wird durch die Privatwirtschaft finanziert. Die Stärke der Schweiz liegt in den Naturwissenschaften, vor allem Physik, Chemie und Medizin. Seit 1975 konnten sieben Schweizer Forscher in diesen Disziplinen Nobelpreise entgegennehmen. Je nach Ranking nimmt denn auch die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH) weltweit den 20. Platz (Times Higher Education Ranking) ein – die ersten zehn Ränge sind von amerikanischen und englischen Spitzenuniversitäten belegt, die Universität Wien als beste österreichische Uni kommt hier auf Platz 132. Auch in Sachen Umweltschutz redet die Schweiz weniger, als sie tatsächlich tut: So werden schon jetzt 65 Prozent des gesamten Gütervolumens per Eisenbahn transportiert, Tendenz: steigend – in Österreich sind es 24 Prozent, Tendenz: sinkend.
Eine Großmacht ist die kleine Schweiz auch, was das Wort betrifft: Deutsch wird nur von 63,7 Prozent der Schweizer gesprochen, und was diese Deutschschweizer sprechen, ist überhaupt nicht Deutsch, sondern das für die meisten Ausländer weitgehend schwer verständliche Schweizerdeutsch. Geschrieben wird dann in der „Fremdsprache“ Hoch- oder „Schriftdeutsch“. Dennoch hat die deutsche Schweiz im Verhältnis zur Größe ihrer Bevölkerung deutlich mehr namhafte Schrift­steller hervorgebracht als Deutschland – und zumindest noch bis vor kurzem hatte die Schweiz in Proportion zu ihrer Bevöl­kerung die größte Zeitungsdichte und zugleich die größte Medien­vielfalt. Folge und zugleich Voraussetzung einer lebendigen, funktionierenden Demokratie.

Kein weites Land
Die Schweiz ist ein enges Land. Das hat zwei diametral entgegengesetzte Konsequenzen. Der Horizont der einen wird von den hohen Bergen begrenzt: daher die Engstirnigkeit. Die anderen jedoch sehen die Notwendigkeit, über diesen Horizont hinauszuschauen: daher der Weitblick. Die Schweiz ist ein polarisiertes Land. Weniger zwischen „links“ und „rechts“, wie sich dies in Österreich in den viel zitierten „beiden Reichshälften“ niederschlägt – sondern in der Weltsicht: Die einen schauen nach innen, die anderen nach außen, die einen sind geradezu militante Isolationisten, die anderen haben, wie ihre Väter und Großväter, längst erkannt, dass die Schweiz keine Insel ist. Diese Spezies der Schweizer Weltbürger ist genauso weltoffen wie einst die niederländischen oder hanseatischen Kaufleute.
Im 19. Jahrhundert wurde vielen das karge Land mit seinen knappen Ressourcen zu eng: Zwischen 1850 und 1914 ver­ließen über 400.000 Schweizer ihre Heimat. So wanderten zahlreiche Einwohner des damals bettelarmen Tessin nach London aus, wo sie zu Eisverkäufern wurden und an der Themse die erste „Gelateria“ gründeten, nach Mailand verdingte man die schmächtigen Tessiner Knaben als Kaminfeger, in Paris suchten Tessiner ihr Glück als Kastanienbrater und „Chocolatiers“, ins zaristische St. Petersburg kamen sie als Stuckateure und Architekten. In Nord- und Südamerika wurden Schweizer Kolonien gegründet, im US-Bundesstaat Wisconsin stößt man auf New Glarus, 1845 von 150 Auswanderern aus ­Glarus gegründet – und allein den Namen „Lucerne“ tragen in den USA 16 Städte und Dörfer.

Fondue und Verklärung in den Tropen
Die „Fünfte Schweiz“ – zusätzlich zu den vier Sprachgruppen, die in der Schweiz leben, der deutschen, französischen, italienischen und rätoromanischen – besteht aus dem Heer der „Auslandsschweizer“. Immerhin ein Zehntel aller Schweizer Staatsbürger – rund 670.000, davon 14.000 in Österreich – lebt außerhalb der Landesgrenzen. Auslandsschweizer sind, je nachdem, deutlich weltoffener oder merklich engstirniger als ihre zuhause wohnenden Landsleute. In dem von Schweizer Auswanderern gegründeten Dorf San Gottardo in der argentinischen Tropenprovinz Misiones betrat ich das Versammlungshaus, in dessen Fußboden ein riesiges Schweizerkreuz eingelassen war. Schon von weitem hörte man sie fluchen („Gopferteckel“), sah sie dann im Unterleibchen am Tisch sitzen, beim „Jass“, dem nationalen Kartenspiel: wie irgendwo im Tessin, in den Sommerferien. Am 1. August, dem Nationalfeiertag – hier mitten im Winter –, werden Lampions getragen, Fahnen geschwenkt, Feuerwerke abgelassen, und es wird sogar, trotz Hitze, ein Fondue improvisiert. Nur auf die traditionelle Festansprache wird verzichtet, die kann man sich heute ja übers Internet herunterladen. Viele dieser nostalgischen Ultrapatrioten, deren Groß- oder gar Urgroßväter nach Argentinien ausgewandert waren, verfügen nicht einmal mehr über einen gültigen Schweizer Pass. Bei einem Schweizer Diplomaten im benachbarten Paraguay waren die zum Lunch servierten Butterstücke von der indianischen Hausangestellten mit akribischer Sorgfalt in die Form von kleinen Schweizerkreuzen gebracht worden. Die Liebe zur Heimat, so scheint es, wächst bisweilen überproportional zur geografischen Dis­tanz. Ferne verklärt.

Das Kreuz mit dem Kreuz
Ja, überhaupt die Sache mit dem Kreuz. Wer durch die Schweiz reist, dem fällt auf, dass vor jeder Alphütte, vor vielen Einfamilienhäusern und überhaupt überall die rote Flagge mit dem weißen Kreuz im Wind flattert. Das ist zunächst einmal sehr attraktiv, passt zu den roten und weißen, liebevoll gepflegten Geranien auf den Balkonen der sonnengebräunten Bergchalets – ist aber gleichzeitig ein Statement, ein Ausdruck der Identifikation. Die Fahne, das ist die Schweiz, das sind wir. Wenn weitgereiste Schweizer sich vor noch nicht allzu langer Zeit dem Flughafen einer fernen Hauptstadt irgendwo in Asien oder Afrika näherten, erblickten sie schon von weitem die Schwanzflosse der Swissair-Maschine, die sie sicher und komfortabel in die Heimat bringen würde: Was in New York die Freiheitsstatue mit der Fackel der Freiheit, war für den Schweizer draußen in der weiten Welt das weiße Kreuz auf dem roten Dreieck, das dem Reisenden einen wohligen Schauer von Geborgenheit den Rücken hinabrieseln ließ. Selbstsicher ging man dann durch die Passkontrolle und hielt dem misstrauischen, dem grimmigen und jedenfalls bedrohlich fremden Grenzbeamten den roten Pass mit dem weißen Kreuz gleich einem zauberkräftigen Amulett vor die Nase – wie der Teufelsaustreiber dem Gottseibeiuns das Christenkreuz.
Offiziell wurde die Flagge der Schweiz erst bei der Gründung des Schweizerischen Bundesstaates im Jahr 1848 zur Nationalflagge erhoben, doch wie so vieles in der Schweiz weist ihre Entstehung zurück ins Mittelalter, in die Epoche der legendären Schlachten und Mythen. Natürlich hat das Schweizerkreuz etwas mit dem Kampf gegen die bösen Habsburger zu tun – es war das Erkennungszeichen in der Schlacht von Laupen (1339), wo Berner und Innerschweizer auf beiden Seiten der Front kämpften und sich dank Kreuz nicht gegenseitig die Köpfe einschlugen. Auch die Bezeichnung „Schweiz“ geht auf eine historische Schlacht zurück: jene von Sempach (1386; selbstverständlich auch gegen die Habsburger), als der Name „Swiz“ oder „Sweiz“ aufkam – schriftlich niedergelegt in einem Rechtsdokument des Königs Sigismund aus dem Jahr 1415. Und klarerweise sind die Proportionen der Schweizer Flagge präzis festgelegt – nämlich im „Bundesbeschluss betreffend eidgenössische Wappen“ vom 12. Dezember 1889: Die Arme des weißen Kreuzes auf der Schweizer Fahne haben je ein Sechstel länger als breit zu sein.

„Sonderfall Schweiz“
Die Schweizer Flagge unterscheidet sich, wie könnte es auch anders sein, von der jeder anderen Nation – sie ist nämlich, im Gegensatz zu allen anderen, nicht rechteckig, sondern quadratisch. Steht man beispielsweise vor dem Hauptgebäude der Vereinten Nationen am New Yorker East River, so blickt man auf ein Meer von bunten, recht­eckigen Fahnen, das die Welt verkörpert – und aus dem die quadratische, rote Schweizer Flagge fröhlich hervorsticht.
Die Schweiz ist das Land der Klischees. Das sind andere auch, doch wenn mich nicht alles täuscht, ist es die Schweiz in vermehrtem Maße. Und die Schweiz wäre nicht die Schweiz, würden diese Klischees und Symbole nicht umgehend in klingende Münze verwandelt. Die Schweizer Flagge ist längst zum Modeaccessoire avanciert. Die schwere, graue Militärdecke mit dem aufgeprägten weißen Kreuz, das in der Rekrutenschule unter Androhung drakonischer Strafen beim Bettenmachen stets mit äußerster militärischer Präzision genau in der Mitte der Pritsche zu installieren war, wird heute zu trendigen Modeartikeln verarbeitet. Das berühmte Schweizer Militär-Klappmesser (Marke Victorinox) mit seinen zahlreichen Klingen ist inzwischen in den Duty-Free-Shops des Zürcher Airport als Replika aus Schweizer Schokolade erhältlich. Wilhelm Tell mit seiner Armbrust – einst das Logo für solide Schweizer Qualität auf den weltberühmten Produkten Schweizer Provenienz – wird mittlerweile selbstironisch als Che Guevara auf T-Shirts verfremdet. „Swiss Army“ ist längst eine eingeführte Marke für Uhren und sogar Deosprays oder Eaux de Toilette – als ob die Kameraden in der „Swiss Army“ je nach anderem ge­rochen hätten als nach gutem, ehrlichem Körperschweiß.

„Wir sind eben anders“
Der „Sonderfall Schweiz“ ist die Formel, welche die Isolationisten – nicht mit den schlechtesten Argumenten, übrigens – vorzubringen pflegen, wenn die Schweiz wieder einmal ihr Sonderzüglein fährt. Die quadratische Flagge mit dem weißen Kreuz flattert, noch nicht sehr lange, vor dem UNO-Hauptquartier in New York. Das weltoffene Genf beherbergt allerdings seit langem den zweiten Sitz der Vereinten Nationen – neben 24 anderen internationalen Organisationen. Die Schweiz trat erst im Jahr 2002, als einer der letzten Staaten, den Vereinten Nationen bei – war aber der einzige, dessen Bevölkerung über den UNO-Beitritt abstimmen konnte. Die Schweiz ist nicht EU-Mitglied, und sie lässt sich ihre Außenseiter­position einiges kosten – in Form von komplexen, aufwendig verhandelten bilateralen Verträgen, aber auch mit der aus ­Steuermilliarden finanzierten Dienstleistung der beiden Basis­tunnels (Lötschberg: 34,6 Kilometer Länge, Gotthard: 57 Kilo­meter) durch die Schweizer Alpen, welche Nord- und Südeuropa verbinden.
Sonderfall Schweiz – das ist nicht einfach sturer Isolationismus, sondern die Sorge um ihre Identität, die auf bewährten demokratischen Errungenschaften beruht: Die regelmäßigen Volksabstimmungen ihrer direkten Demokratie, auf den drei Ebenen Bund, Kantone und Gemeinde. Der ausgeprägte Föderalismus, in dem die zweite Kammer (Ständerat) gleichwertig neben dem Nationalrat steht. Das Prinzip der Subsidiarität: Nur Angelegenheiten, welche die Kantone nicht selber erledigen können, werden dem Bund, der Zentralgewalt, übertragen. Und schließlich die Neutralität, bei Umfragen stets an erster Stelle der Dinge, die den Schweizern lieb und teuer sind. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich ein sehr ­eigentümliches, auch eigenwilliges Staats­wesen und eine eigene innen- und außen­politische Denkart herausgebildet. So ist der jedes Jahr turnusgemäß wechselnde Bundespräsident nicht selbst das Staatsoberhaupt – er „verkörpert“ dieses lediglich. De jure hat die Schweiz keine Hauptstadt – Bern ist dies nur de facto. Und bis vor kurzem wurde die Schweiz mit der 1959 geschaffenen „Zauberformel“ 2-2-2-1 regiert – eine permanente große Koalition, in der die wichtigsten Parteien nach Maßgabe ihrer Stärke im siebenköpfigen Bundesrat, der Regierung, vertreten waren.
Auf den Autos steht als Landesbezeichnung CH – Confoederatio Helvetica, die lateinische Bezeichnung für Schweizerische Eidgenossenschaft –, um keine der vier Landessprachen zu bevorzugen.
Als eines der letzten Länder Europas gewährte die Schweiz den Frauen das Stimmrecht: im Jahr 1971 – der Kanton Appen­zell Innerrhoden erst 1990 und auch dann nur auf Druck des Bundesgerichts. Zögerlich trat das Land vor erst sieben Jahren der UNO bei. Und als Muammar al-Gaddafi, in dessen Händen sich zwei Schweizer Geschäftsleute als Geiseln befinden, jüngst turnusgemäß den UNO-Vorsitz innehatte, bereuten wohl nicht wenige Schweizer, dass man der Weltorganisation überhaupt beigetreten war. Der EU-Beitritt, der doch noch bis vor kurzem die Schweiz gespalten hatte, ist längst kein Thema mehr. Doch in der Volksabstimmung zur Personenfreizügigkeit zeigten die Schweizer Stimmbürger Vernunft und nahmen die Vorlage mit 60 Prozent der Stimmen deutlich an.

Inseldasein
In zwei Weltkriegen hat die Schweiz als Insel des Friedens überlebt. Die Kriegshandlungen tangierten die Schweiz nur einmal unmittelbar, und zwar in Form eines Versehens – als sich nämlich am 1. April 1944 drei Staffeln amerikanischer Liberator-Jagdbomber nach der Überfliegung deutschen Hoheitsgebietes nach Schaffhausen verirrten und über der Schweizer Stadt 400 Brand- und Sprengbomben abwarfen. Man beklagte 40 Tote und 100 Verletzte. Präsident Franklin D. Roosevelt entschuldigte sich höchstpersönlich beim Stadtrat und der Bevölkerung und ließ 40 Millionen Franken als Kompensation an die Geschädigten überweisen.
Ob die Schweiz tatsächlich aus eigener Kraft, durch ihre Wehrbereitschaft und die Festungsbauten, eine Besetzung durch Nazideutschland verhinderte, ob nicht vielmehr eine unabhängige Schweiz mehr im Interesse des Reiches lag, ist noch heute unter Historikern umstritten. Jedenfalls hielt sich noch lange, bis zum Ende des Kalten Krieges, die Maxime des Tell: „Der Starke ist am mächtigsten allein.“ Der urwüchsige, sture, aber charaktervolle Bergler, der die habsburgische Übermacht eigenhändig herausfordert und das Fanal für Widerstand und Befreiung setzt, ist nach wie vor die Identifikationsfigur des Schweizers – zumal der älteren Generation. Schiller, wie man weiß, war Deutscher, kannte die Schweiz nur aus Schilderungen seines Freundes Goethe und von den Landkarten, die er sich in seiner Schreibstube an die Wand hängte. Und die berühmte Sage vom Apfelschuss sei, so heißt es, gar nicht in der Urschweiz, sondern im fernen Dänemark entstanden – und der Held der Handlung hieß Toko, nicht Tell. Dieser wurde zur Personifizierung der heroischen, eigensinnigen Schweiz – jener hat Toko immerhin als Marke für Skiwachs, das auch auf Schweizer Langlaufpisten zum Einsatz kommt. Überlebt hat der Tell-Mythos nicht nur als touristischer Magnet, sondern auch als Geisteshaltung. Das Zögern, der UNO beizutreten, war teils in der Vernunft, teils in jenem Mythos begründet. Ebenso das Abseitsstehen vor der EU. Die Schweiz ist stolz darauf, eine Insel zu sein – in Krieg und Frieden.
Vom „Sonderfall Schweiz“ – einer objektiven Analyse des Andersseins in Verfassung und politischen Prozessen – ist es allerdings nur ein kleiner Schritt zum Bewusstsein, „etwas Besseres“ zu sein. Der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel stellte in seinem Bändchen „Des Schweizers Schweiz“ 1969 fest: „Für uns hat das Wort Ausland immer noch den Klang von Elend.“ Und er fährt fort: „Wenn ich dort sage ‚Ich bin Schweizer‘, erwarte ich etwas, einen Ausruf des Erstaunens, Überraschung, Hochachtung oder wenigstens Freundlichkeit.“
Das Wort „Elend“ ließe sich auch durch „Gefahr“ ersetzen: Obwohl die Schweizer gerne und bis in die entferntesten ­Gegenden des Erdballs reisen, obwohl sich so viele außerhalb der Grenzen niedergelassen haben, ist der Gedanke ans Ausland immer ein bisschen mit Gefährlichkeit verbunden. Das metaphorische Meer, das die Insel Schweiz umgibt, ist voller Unabwägbarkeiten und Gefahren. Bei der Minarett-Abstimmung vom 29. November 2009 ging es nicht wirklich um die rund 400.000 Muslime in der Schweiz. Es ging um ein Signal – und um die unbestimmten Ängs­te vor der als expansive Bedrohung empfundenen Macht der islamischen Welt, insbesondere nach der Libyen-Krise. Es war die Angst, dass die Schweiz aus ihrem sorgsam ge­hüteten Gleichgewicht geraten könnte.

Ein ständiger Balanceakt
Was ist es, das die vielfältige, widerspruchsreiche Schweiz in ihrem Innersten zusammenhält? Es lässt sich auf ein einziges Wort reduzieren: Balanceakt. Ein ständiges Austarieren, eine immer währende Suche nach Gleichgewicht, gegen innen und außen, ein stetiger Machtausgleich. Balance zwischen widerstrebenden Interessen und Auffassungen, zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Stadt und Land, zwischen der Souveränität der Kantone und den Staatsaufgaben des Bundes. Die rasch zunehmende muslimische Wohnbevölkerung wird als Bedrohung dieses Gleichgewichts empfunden.
Wenn in der Schweiz einer zu mächtig wird, schaut man dem eine Weile zu – und dann wird er abgesägt. So ging es im Mittelalter dem skrupellosen, machtbesessenen Zürcher Bürgermeister Hans Waldmann: Er wurde am 6. April 1489 geköpft – unter großer Anteilnahme der Stadtbevölkerung. Ebenso erging es dem Volkstribun Christoph Blocher, der 500 Jahre später, im Dezember 2007 – wenn auch nur symbolisch –, enthauptet wurde: Er wurde gestürzt, weil sein selbstherrlicher Personenkult als unerträglich empfunden wurde. Tell ist die positive Leitfigur, der Landvogt Gessler die negative. Dessen Macht wird so lange respektiert, als er sie nicht missbraucht. Das Schweizervolk unterwirft sich nicht der ­Obrigkeit, es misstraut ihr grundsätzlich, es rebelliert wie im Tell – wenn auch heutzutage nicht mit Armbrust, Hellebarde und Morgenstern, sondern mit dem Stimmzettel. Die Minarett-Abstimmung war wieder einmal so eine Gelegenheit, wo das Volk – „der Souverän“ – der Regierung widersprach. In der Schweiz regiert eben nicht die Regierung das Volk, sondern das Volk die Regierung.

Nach der Wahl: Angela Merkel wird deutsche Bundeskanzlerin bleiben, der Einzug der AfD in den Bundestag bereitet allgemein Sorgen.

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