CERN: Der politische Urknall liegt auf Eis, die Diskussion um Forschungsgelder geht weiter

Österreich bleibt CERN-Mitglied. Ein Blick in die Zukunft, was der Teilchenbeschleuniger Österreich bringt und der Forschung dennoch fehlt.

Geknallt hat es zwar nicht hörbar, trotzdem klang es nach politischer Ohrfeige, als Bundeskanzler Werner Faymann neben Wissenschaftsminister Johannes Hahn vor Journalisten verkündete: Österreich bleibt Mitglied der internationalen Forschungskooperation rund um den Teilchenbeschleuniger des CERN. Klar und ungewohnt deutlich vernehmbar der Kanzler in seiner Begründung: „Ich kann mir einen Austritt nicht vorstellen, ich bin dagegen. Ich habe auf das Ansehen und die Verlässlichkeit Österreichs zu achten.“ Leise und ohne das sonst so strahlende Lachen kam auch Hahns Antwort angesichts seiner politischen Niederlage: „Die Diskussion ist beendet. Sachlich stehe ich aber nach wie vor zu meiner Meinung.“

Polit-Urknall verschoben
Der politische Urknall auf internationalem Parkett, der mit dem Ausstieg verbunden gewesen wäre, ist demnach auf unbestimmte Zeit verschoben – 14 Nobelpreisträger, ein erzürnter Landeshauptmann, zahlreiche Teilchenphysiker und über 32.000 Petitionsunterzeichner, die mit „SOS – Save our Science“ gegen den Ausstieg kämpften, sind wieder friedlich. Die stillgelegte Diskussion brandet nun allerdings an anderer Stelle auf. Denn eine Frage bleibt offen: Wo soll das Geld für neue Forschungsprojekte und internationale Kooperationen, die Hahn mit dem CERN-Ausstieg für diese freischaufeln wollte, nun herkommen?

Neue Forderungen
Für Hahns Ausstiegsmission zwar zu spät, aber doch bringen sich nun auch andere aus dem wissenschaftlichen Bereich ins Spiel. Die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb sieht drängendere zu erforschende Probleme, der Staatswissenschaftler Emmerich Tálos plädiert für mehr Personal für die Lehre, damit Professoren der von Studierenden überlaufenen Sozialwissenschaften mehr Zeit für Forschung bleibt. Und der Industrielle und Forschungsmäzen Hannes Androsch ortet in den zu geringen Forschungsmitteln als einer unter vielen von FORMAT Befragten überhaupt eine „konjunktur­politisch falsche Entscheidung“ und hofft auf ein Konjunkturpaket III mit dem Titel F&E. Also noch mehr Geld für Forschung und Entwicklung.

Mehr Geld für die Wissenschaft
Trotzdem: Für Finanzminister Josef Pröll steht fest, dass kein Budgetposten aufgeschnürt wird. Das Geld für neue Projekte sei demzufolge wo­anders „aufzustellen“. Tatsächlich wurde das Wissenschaftsministerium mit einem Plus von 1,2 Milliarden Euro bis 2010 ausgestattet, 374 Millionen davon fließen in die Forschung. Bis 2010 gibt es um 53 Prozent mehr Geld für Wissenschaft als in den Jahren zuvor. Einen üppigen Geld­regen kann Hahn aber nicht erkennen, denn ein Großteil der Gelder sei gebunden.

Gebundene Mittel
So erhält allein der Wissenschaftsfonds FWF pro Jahr 160 Millionen und die Akademie der Wissenschaften weitere 85 Millionen Euro – Geld, das von Hahn nach zähen Verhandlungen und heftiger Kritik, unter anderem von Biomediziner Josef Penninger, zugesichert wurde. Geld, das aber auch in des Ministers Augen dort verbleiben soll, um den „begrüßenswerten Boom an wissenschaftlichen Projekten zu finanzieren und die Ernte der aufgehenden Saat der vergangenen Jahre einzufahren“. Für inter­nationale Beteiligungen blieben deshalb nur etwas mehr als 20 Millionen Euro pro Jahr. Und 70 Prozent bzw. 16 Millionen davon fließen jährlich nach Genf zum CERN – deshalb gab es ja die Diskussion.

CERN-Kosten versus -Nutzen
Hahn stellt den „Pros von CERN“, wie wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen (siehe auch die Reportage ) , nach wie vor seine „Cons“ gegenüber: CERN sei teuer. Man habe bereits mehr als 550 Mil­lionen Euro „als Zeichen der Solidarität investiert“. Er ist zwar auf der Suche nach der „anderen Art von schwarzen Löchern“, in denen Beiträge Österreichs beim CERN verschwinden. Aber: Der Vorschlag des Kanzlers, weniger zu zahlen, werde am inter­nationalen Vertragswerk scheitern.

Biobanken sollen nach Österreich
Deshalb ist man mangels Ausstiegs nun innerministeriell auf der Suche nach neuen Geldern. Denn den Standort für Biobanken mit dem sperrigen Namen BBMRI würde man nach wie vor gern nach Österreich holen. ÖAW-Aufsichtsratsvorsitzender Erich W. Streissler gibt sich weiter streitbar: Der Nichtausstieg sei die falsche Entscheidung eines „erzkonservativen Kanzlers. Man muss Altes streichen, sonst kann man nicht Zukunftsträchtiges machen.“ Ungeachtet dessen, was sich Landeshauptleute und viele Forscher wünschen.

Von Martina Madner

Kommentar
Christoph Kotanko, Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN) in Wien

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