Causa Strache: HC's Karriere soff am Mittelmeer ab

Causa Strache: HC's Karriere soff am Mittelmeer ab

Heinz-Christian Strache, gefallener FPÖ-Parteichef

14 Jahre lang führte Heinz-Christian Strache die FPÖ. Nun mussten er und Klubobman Johann Gudenus nach einem von deutschen Medien veröffentlichten Video zurücktreten. Ihr politisches Ende haben die beiden selbst verschuldet.

Fast eineinhalb Jahrzehnte brauchte Heinz-Christian Strache, bis sein Anlauf in die Regierung das Ziel fand, und nun ist es nach eineinhalb Jahren schon wieder vorbei. Selbst verschuldet muss der FPÖ-Chef und Vizekanzler aus der Spitzenpolitik ausscheiden, nachdem er auf einen Agent Provocateur hereingefallen ist und unter anderem Staatsaufträge gegen russisches Geld in Aussicht gestellt hat.

Mit Strache ist auch Klubobmann Johann Gudenus zurückgetreten, der in dem Video ebenfalls zu sehen ist. Den Weg vor die Kameras hat Gudenus gescheut. Er gab seinen Rücktritt - Gudenus legt auch sein Nationalratsmandat zurück - schriftlich bekannt.

Strache stellte sich 18 Stunden nachdem die brisanten Videoaufnahmen im Internet veröffentlicht wurden vor die Kameras und gab eine Rücktrittserklärung ab. Fragen waren nicht zugelassen.

In seiner Rücktrittsrede stellte sich der nunmehr Ex-Vizekanzler als Opfer eines geheimdienstlichen Anschlags dar, der gezielt vor der EU-Wahl verübt worden sei, "um die Regierung zu sprengen". Was allerdings unglaubwürdig ist, da das Video aus dem Jahr 2017 stammt. "Man hat in der Vergangenheit schon öfter versucht, mich zu Fall zubringen. Ich hatte viele Verleumdungen zu ertragen", so Strache in seinem Statement vor der Presse. Das Video aus Ibiza sei aber besonders "niederträchtig" und "in Silberstein-Manier", machte Strache, der die FPÖ 14 Jahre lang anführte, Andeutungen auf die angeblichen Urheber der Inszenierung.

Er redete sich zudem auf den Alkoholeinfluss aus. "Ja, es war eine besoffene Geschichte. Meine Äußerungen waren nüchtern betrachtet eine Katastrophe und ausgesprochen ungeschickt", so Strache, der sich bei allen entschuldigte, die er gekränkt habe. Die Parteiführung der FPÖ soll nun Norbert Hofer übernehmen.

Bundespräsident: "Beschämend, unerhörte Respektlosigkeit"

Bundespräsident Alexander Van der Bellen will nach den Rücktritten in der FPÖ und der Ankündigung einer Neuwahl einen "Neuaufbau des Vertrauens". Er sprach von einem verstörenden Sittenbild, das unserem Land nicht gerecht wird. "Es sind beschämende Bilder und niemand soll sich für Österreich schämen müssen", sagte Van der Bellen. "So sind wir nicht." Straches Verhalten sei eine "unerhörte Respektlosigkeit" allen Bürgern und Bürgerinnen gegenüber, die nicht zu tolerieren sei.

Die Rücktritte in der FPÖ seien nur ein erster Schritt, meinte Van der Bellen. Es bedürfe nun einer klaren, schonungslosen und vollständigen Aufklärung. Der Bundespräsident lobte auch die zentrale Rolle, die lebendiger Journalismus in der Causa gespielt habe. Die Medien hätten ihre Aufgabe voll wahrgenommen. "Die Österreicher haben ein Recht, ihrer Regierung vertrauen zu können", sagte der Bundespräsident.

Für Sonntag ist ein Treffen mit Bundeskanzler Kurz in der Hofburg anberaumt. Es wird Neuwahlen geben. Ein Termin dafür steht noch nicht fest. Dem gesetzlich vorgeschriebenen Prozedere zufolge und um Wahlen während der Sommerferien zu vermeiden wäre der frühest mögliche Termin Mitte September 2019.


DAS SKANDAL-VIDEO

Die wichtigsten Szenen aus dem Ibiza-Video.

Frederik Obermaier von der SZ analysiert die wichtigsten Szenen aus dem auf Ibiza gedrehten Video.


Strache war immer wieder auch unbeherrscht und unvorsichtig. Letzteres wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Wie er in dem Video über "Krone"-Übernahme, "Strabag"-Boykott und Umwegs-Parteifinanzierung mit der vermeintlichen lettischen Oligarchin fabulierte, zeichnet ein Bild, das für keinen Politiker, und schon gar nicht für ein Regierungsmitglied oder einen Parteichef zumutbar ist. Selbst Strache fand sich im Nachhinein "peinlich".

Erste Reaktion: Durchtauchen

Dabei hat Strache, wie Reaktionen aus der FPÖ Freitagabend zeigten, anfangs noch mit durchtauchen spekuliert. Funktioniert hatte das ja schon das ein oder andere Mal, etwa als bekannt wurde, dass Strache als junger Mann an wehrsportübungsähnlichen Waldspielen teilgenommen hatte. Damals war der von seiner Mutter allein groß gezogene Jüngling tief in der rechtsextremen Szene verwurzelt, was wohl auch damit zusammenhing, dass er mit der Tochter des NDP-Gründers Norbert Burger liiert war. Erst vor wenigen Tagen drohte der Neonazi Gottfried Küssel mit Enthüllungen aus dieser Zeit.

Früh startete auch Straches steile Karriere in der FPÖ, für die er mit 21 Jahren jüngster Bezirksrat in Wien-Landstraße wurde. Nebenbei wurde Strache zum Zahntechniker ausgebildet und auch relativ früh Vater von zwei Kindern mit seiner damaligen Ehefrau, die einer prominenten Wiener Gastronomen-Familie entstammt.

Politisch ging es flott nach oben. Lange vor seinem 30. Geburtstag angelte er sich ein Mandat im Wiener Landtag und galt rasch als Hoffnungsträger der traditionell starken Landesgruppe, deren Chef er seit eineinhalb Jahrzehnten ist. Anfangs noch Fan Jörg Haiders und eine der Hauptfiguren des Knittelfelder Delegiertentreffens, wandelte er sich während Schwarz-Blau zu dessen stärksten parteiinternen Kontrahenten. Seine steigende Popularität war wohl Anlass für Haider, sich mit dem BZÖ aus der FPÖ zu verabschieden.

Straches Stunde

Damit war wohl früher und unter anderen Umständen als von ihm gewünscht die Stunde Straches an der Spitze der Freiheitlichen gekommen, denen er seit 2005, also rund 14 Jahre unumstritten vorsteht. Umgeben von einem treuen Stab um Herbert Kickl, Harald Vilimsky und Norbert Hofer konsolidierte er die Partei sowohl finanziell als auch beim Wähler. Auch immer wiederkehrende Vorwürfe aus der Vergangenheit - etwa sein "Drei Bier"-Gruß - und eine selten faktentreue inhaltliche Ausrichtung stoppten Straches Weg nach oben nicht. Anti-EU- und -Islampolitik erwiesen sich als beständige Wahlkampfschlager ob im Bund oder in Wien.

Der Niedergang der Koalition schwappte ihn in Umfragen zeitweise sogar klar an die Spitze, erst Sebastian Kurz' Kür zum ÖVP-Obmann ließ die Freiheitlichen ein wenig nach unten sacken. Das hatte für Strache, inzwischen mit einer ehemaligen SPÖ-Assistentin verheiratet, mit der er zu Neujahr zum dritten Mal Vater wurde, aber auch seinen Vorteil. Denn der neue ÖVP-Chef scheute sich nicht, Strache und seine Getreuen in die Regierung zu holen.

Kurz in der Regierung

Dass Kurz sich das traute, hatte der FPÖ-Chef aber auch einem eigenen Image-Wandel zu verdanken. Vertrieb Strache früher potenzielle Partner mit rüden Wahlkämpfen und wenig geschmacksicheren Auftritten, etwa mit einem Burschenschafter-Käppchen am Kopf bei der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, gab er sich über die Jahre immer staatsmännischer, sodass 2017 sogar der damalige SPÖ-Chef Christian Kern eine Zusammenarbeit auslotete. Eigentümliche musikalische Darbietungen, die früher jede seine Kampagnen begleiteten, hatte er da schon längst aufgegeben.

In Regierungsfunktion angekommen machte Strache selbst inhaltlich nicht viel, was auch mit seinen schmalen Ressorts öffentlicher Dienst und Sport zusammenhing. Mehr inszenierte er sich als romantischer Ehemann, Papa-Monat-Vater und Hundefreund. Wichtig war ihm zu allererst, dass das türkis-blaue Projekt insgesamt auf Schiene blieb. Kurz, den er früher oft wenig schmeichelhaft behandelt hatte, war plötzlich fast schon sein Freund, man traf sich mitunter sogar privat.

Doch politische Freundschaften haben mit jenen im echten Leben nicht allzu viel gemein. Schon zuletzt, als es in den EU-Wahlkampf ging, kühlte das Verhältnis ab, und nun wurde Sebastian Kurz die ganze Sache doch zu heiß. Strache wird sich eine neue Beschäftigung suchen müssen. Der Babymonat könnte durchaus zu einer längeren Sache werden.

Zur Person:

Heinz-Christian Strache , geboren am 12. Juni 1969 in Wien, zwei Kinder aus erster Ehe, ein weiteres aus der jetzigen, verheiratet. Gelernter Zahntechniker. Ab 1991 Mitglied der Bezirksvertretung (Bezirksrat) von Wien-Landstraße, ab 1993 Bezirksparteiobmann der FPÖ Wien-Landstraße, 1996-2006: Wr. Landtags-Abgeordneter, seit 2004 Landesparteiobmann der FPÖ Wien, seit 2005 FPÖ-Bundesparteiobmann, seit 2006 Klubobmann des FPÖ-Parlamentsklubs, ab Dezember 2017 Vizekanzler.

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