Jede Stimme zählte: Alexander Van der Bellen wird mit 0,6% Vorsprung Bundespräsident

Bundespräsident Alexander Van der Bellen
Bundespräsident Alexander Van der Bellen

Alexander Van der Bellen hat in der Bundespräsidenten-Stichwahl Norbert Hofer überholt und wird neuer Bundespräsident.

Die Briefwahlstimmen sind ausgezählt, die Bundespräsidentenwahl 2016 ist entschieden: Alexander Van der Bellen hat Norbert Hofer um 31.026 Stimmen überholt und wird Bundespräsident der Republik Österreich. Das Ergebnis 50,3% zu 49,7% wurde von Innenminister Wolfgang Sobotka offiziell bestätigt. Van der Bellen konnte in allen Landeshauptstädten gewinnen. In Wien hat Van der Bellen in allen Bezirken mit der Ausnahme von Simmering gewonnen.

Innenminister Wolfgang Sobotka hat die Entscheidung der Stichwahl der Bundespräsidentenwal offiziell bekanntgegeben: Der von den Grünen unterstützte Kandidat Alexander Van der Bellen wird der neue Bundespräsident der Republik Österreich und am 8. Juli angelobt.

Der Wahlkrimi dauerte bis zur letzten Sekunde. Nach Auszählen der letzten Wahlkarten kam der grüne Kandidat auf schließlich 51,32 Prozent, sein von der FPÖ unterstützter Konkurrent Nobert Hofer erzielte 48,68 Prozent. Alexander Van der Bellen konnte 2,254.484 Stimmen auf sich vereinen, Norbert Hofer 2,223.458. In Prozenten heißt das 50,3 gegen 49,7. Am Sonntagabend vor der Auszählung der Wahlkarten war noch Hofer mit rund 144.000 Stimmen in Front gelegen.

Weil rund 740.000 Briefwahlkarten noch nicht ausgezählt werden konnten hatte der Wahlsonntag mit einem Cliffhanger geendet. Die Entscheidung in der Bundespräsidentschaftswahl war auf Montag vertagt worden. Dem vorläufigen amtlichen Endergebnis von Sonntagabend zufolge war FPÖ-Kandidat Norbert Hofer noch mit 51,9 Prozent knapp vor Alexander Van der Bellen mit 48,1 Prozent gelegen. Ihm hätten damit 40 Prozent der Briefwahlstimmen gereicht. Doch das war nicht der Fall. Seit neun Uhr Früh wurden in 117 Gemeinden die Briefwahlstimmen ausgezählt und die Ergebnisse an das Innenministerium übermittelt.

31.036 Stimmen hat Alexander Van der Bellen mehr erzielen können als Norbert Hofer.

Norbert Hofer hatte seine Niederlage schon vor der offiziellen Bekanntgabe des Ergebnisses durch den Inneneminister per Facebook eingestanden.

Die Auszählung der Briefwahlstimmen hat das vorläufige Endergebnis noch gedreht. Schlussendlich überholte Alexander Van der Bellen Norbert Hofer. So knapp entschied noch kein österreichischer Bundespräsident die Wahl für sich, bisheriger Rekordhalter war Theodor Körner (SPÖ) mit 52,06 Prozent gegen Heinrich Gleißner (ÖVP) im Jahre 1951.

Der 1944 geborene Alexander Van der Bellen bezeichnet sich selbst gern als „Flüchtlingskind“. Sein ursprünglich holländischen Vorfahren lebten seit etwa 1700 in Russland, bis der Vater vor den Bolschewiki floh, nach Estland. Dort heiratete er Van der Bellens Mutter, eine Estin, und beide entkamen der heranrückenden Roten Armee nach Österreich. Geboren wurde Alexander „Sascha“ Van der Bellen in der Tiroler Gemeinde Kaunertal, die nebenbei fast gestaffelt hinter ihrem berühmtesten Sprössling stand – stolze 85,1 Prozent wählten gestern Van der Bellen, sein bestes Gemeinde - Ergebnis österreichweit.

Van der Bellen maturierte und studierte in Innsbruck. Als Doktor der Volkswirtschaft unterrichtete er zuerst außerordentlich in Innsbruck, dann ab 1980 ordentlich an der Uni Wien, wo man ihn 1990 zum Dekan ernannte. Seine politische Karriere begann 1970 bei der SPÖ, nach zehn Jahren wechselte der umweltbewusste Volkswirt zu den Grünen, wurde 1997 Bundessprecher und 1999 Obmann. Beide Positionen gab er 2008 an die damalige dritte Nationalratspräsidentin Eva Glawischnig-Piesczek ab. Seit 2012 bis zum heutigen Tag saß Van der Bellen im Wiener Landtag und Gemeinderat – bis heute.

Sieg in allen Landeshauptstädten

Nach Bundesländern gerechnet hatte Hofer am Sonntag den Sieg errungen. Er hatte in sieben Bundesländern (Ausnahmen: Vorarlberg und Wien) die Stimmenmehrheit errungen. Van der Bellen verdankt seinen Sieg vor allem den Wählern in den Städten und im Umland der großen Städte. Schon ohne Briefwahl lag er am Wahlsonntag in acht Landeshauptstädten vorne - nur in Eisenstadt nicht. Dort war Hofers Vorsprung aber so knapp, dass sich das am Montag noch änderte. Van der Bellen hat also in allen Landeshauptstädten gewonnen.

Graz und Wien hatten schon im ersten Wahlgang mehrheitlich Van der Bellen gewählt - aber er legte dort jeweils besonders stark zu. In beiden Städten verdoppelte sich der Stimmenanteil auf fast 62 Prozent. In Wien hat Van der Bellen in allen Bezirken mit Ausnahme Simmerings gewonnen. Vier Landeshauptstädte konnte Van der Bellen gegenüber dem 24. April "drehen": Salzburg, St. Pölten,Klagenfurt und Eisenstadt wählten diesmal mehrheitlich ihn.

Das Endergebnis der Bundespräsidenten-Stichwahl: Van der Bellen gewinnt im Westen, in Wien und in allen Landeshauptstädten.

Erstprognosen lagen daneben

Nach den ersten Hochrechnungen vom Nachmittag schien ein Wahlsieg des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer bereits fast sicher. Der ARGE Wahlen zufolge lag Hofer um 14:00 Uhr bei 52 Prozent der Stimmen. Um 15:40 Uhr lag Hofer mit 50,9 Prozent der Stimmen immer noch klar vor Alexander Van der Bellen (49,1%). Bei einem Auszählungsgrad von 41 Prozent war es für ARGE Wahlen schon etwas unwahrscheinlich, dass sich das Ergebnis noch dreht. Den folgenden Hochrechnungen geschah aber genau das. In einer Hochrechnung von SORA/ORF um 17:35 lag Alexander Van der Bellen erstmals in einer Hochrechnung hauchdünn vor Norbert Hofer. In dieser Hochrechnung waren bereits erste Wiener Wahlsprengel berücksichtigt. Der ehemalige Grünen-Chef wäre demnach auf 50,1 Prozent gekommen.

Kurz vor Wahlschluss hatte sich auch in der Hochrechnung der ARGE Wahlen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Hofer und Van der Bellen abgezeichnet. Erste Ergebnisse deuteten auf ein besonders gutes Abschneiden Van der Bellens in Graz hin. Dementsprechend wäre auch Wien für den Grünen höher zu bewerten. In der SORA/ORF-Hochrechnung von 17.00 Uhr lag Norbert Hofer mit 50,2 Prozent nur noch hauchdünn vor Alexander Van der Bellen. Die Hochrechner erklärten den Wahlausgang darauf für offen. Um 18:00 erklärte die ARGE Wahlen, dass eine endgültige Entscheidung erst am Montag, nach der Auszählung aller Briefwahlstimmen, fallen kann.

Hofer hat in der Stichwahl vor allem bei Arbeitern (86 Prozent) und Menschen mit Lehrabschluss punkten können. Wie schon im ersten Wahlgang zeigte sich ein starker Unterschied im Wahlverhalten von Frauen und Männern. Männer stimmten vor allem für Norbert Hofer (60 Prozent), bei Frauen lag es genau umgekehrt: Sie wählten öfter Van der Bellen (60 Prozent). Van der Bellen konnte vor allem junge Wähler ansprechen. In der Altersgruppe der unter 29-Jährigen wählten ihn 54 Prozent. Großen Einfluss auf das Wahlverhalten hatte das Bildungsniveau: Mit zunehmender Bildung schwindet die Zustimmung zu Hofer: Personen mit Matura oder Uni-Abschluss wählten zu 76 Prozent Van der Bellen. Menschen ohne Matura wählten mehrheitlich Hofer (62 Prozent). Bei Personen, die maximal einen Lehrabschluss haben, liegt Hofer mit 67 Prozent deutlich vor Van der Bellen.

Das vorläufige Endergebnis der Bundespräsidenten-Stichwahl ohne Wahlkarten in Zahlen.

Hoffen und bangen

Bei seiner Stimmabgabe in der Neuen Mittelschule in Pinkafeld hatte Norbert Hofer ein Ziel 52 Prozent genannt. Er sei immer ein Optimist und bleibe dies auch. Allerdings werde er heute "nicht so gut schlafen, wie sonst", meinte Hofer mit Verweis darauf, dass das Endergebnis nicht schon am Sonntagabend feststehen dürfte. Hofer wollte, sollte er gewinnen, ein Präsident für alle sein, nicht nur für jene rund 50 Prozent, die ihn laut den Hochrechnungen gewählt haben. "Die Person, die gewinnt, wird die Aufgabe haben, Österreich zu vereinen."

Norbert Hofer FPÖ-Kandidat als Bundespräsident bei der Stimmabgabe.

Norbert Hofer bei der Stimmabgabe

Alexander Van der Bellen hat Sonntagvormittag im Amerling-Gymnasium in Wien-Mariahilf seine Stimme abgegeben. Er war "vorsichtig optimistisch", die Stichwahl für sich entscheiden zu können, sagte er danach. "Die Wenigsten haben geglaubt, dass das aufholbar ist", sagte er am Sonntagabend mit Blick auf Norbert Hofers großen Vorsprung im ersten Wahldurchgang. Die Unterstützung sei quer durch alle Generationen und Schichten gekommen. Van der Bellen will dazu beitragen, dass die "viel zu hohe" Arbeitslosigkeit zurückgeht. Es brauche "Konzepte für Wachstumsdynamik". Neuen Schwung" erwartet er in diesem Punkt vom frisch gekürten Bundeskanzler Christian Kern.

Alexander Van der Bellen Bundespräsidentenwahl 2016 Stichwahl Stimmabgabe

Alexander Van der Bellen bei der Stimmabgabe

Gespaltene Wähler

Den jeweiligen Gegenkandidaten verhindern war laut Peter Hajek eines der stärkste Wahlmotive dieser Präsidentschaftsstichwahl. 40 Prozent der Wähler von Alexander Van der Bellen gaben an, "gegen Rechts" gewählt zu haben, um Norbert Hofer zu verhindern. Für 23 Prozent der Hofer-Wähler wiederum war dieser der besserer Kandidat beziehungsweise "Van der Bellen nicht wählbar"

Auffallend ist, wie stark das Wahlmotiv "Gegenkandidat verhindern" gewirkt hat, erklärte Hajek, der die Wahlmotive für den Privatsender ATV erforschte. "Alle anderen Motive sind da deutlich in den Hintergrund getreten." Hofer habe aber im Gegensatz zu Van der Bellen auch mit Sympathie punkten können. Für 27 Prozent hatte Hofer ein gutes Auftreten bzw. war sympathisch. Weitere 20 Prozent hielten ihn für jung und dynamisch.

Das Flüchtlingsthema spielte bei Hofer-Wählern zwar eine wichtige Rolle, war schlussendlich aber nicht so dominant, so Hajek. 12 Prozent wählten deshalb Hofer. Van der Bellen hingegen punktete bei 15 Prozent mit den Attributen erfahren, kompetent, intelligent und seriös. Bei dem von den Grünen unterstützten Kandidaten kam auch das Thema Österreichs Bild im Ausland zu tragen. "Anhand der Motive lässt sich sagen, dass die Kampagnen beider Kandidaten gewirkt haben", erklärte Hajek.

Für 18 Prozent der Hofer-Wähler hat der Blaue die richtigen politischen Ansätze. Bei Van der Bellen sagten 11 Prozent, dass er ihre politische Einstellung vertrete. Für 37 Prozent der Nichtwähler waren beide Kandidaten nicht wählbar.

Für den Großteil der Wähler stand die Entscheidung, wem sie ihre Stimme geben schon länger fest: Mehr als 80 Prozent wussten schon vor oder gleich nach dem ersten Wahlgang, ob sie Hofer oder Van der Bellen ankreuzen. Das ergab die Wahltagsbefragung von ISA/SORA für den ORF. Nur die üblichen zehn Prozent legten sich kurz vor der Wahl fest. Für die Wähler Hofers war der Hauptgrund - von 68 Prozent genannt -, dass ihr erwählter Hofburg-Kandidat "die Sorgen von Menschen wie mir versteht". Fast ebenso viele, nämlich 67 Prozent, wählten den Burgenländer, weil er ihnen sympathisch ist, für 62 Prozent war seine Glaubwürdigkeit ein Kriterium. Für Alexander Van der Bellen sprach aus Sicht seiner Wähler am stärksten - zu 66 Prozent -, dass er die Interessen Österreichs im Ausland am besten vertritt. 62 Prozent wollen ihn in der Hofburg, weil er "das richtige Amtsverständnis hat". Die Glaubwürdigkeit war auch für Van der Bellen-Wähler das dritt-wichtigste Wahlmotiv, genannt von 61 Prozent.

Sicht von außen

"Sollte Hofer als Sieger aus dem Rennen gehen, würde in einem EU-Mitgliedsland erstmals ein Rechtspopulist das höchste Staatsamt übernehmen", schrieb die Nachrichtenagentur Reuters (Deutschland) vor der Wahl. Die FPÖ war seit Jahren im Aufwind und profitierte zuletzt vor allem von der Flüchtlingskrise. Hofer wird von Reuters so beschrieben: "Der 45-jährige gelernte Flugzeugtechniker punktete im Wahlkampf mit seinem Anti-EU-Kurs und seiner Forderung nach einer strengeren Asylpolitik. Auf seiner Internet-Seite wirbt Hofer damit, dass das wichtigste politische Projekt der Schutz der Grenzen sei. Das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei bezeichnete er als fatal. "

Deutschlands Politiker zeigten sich angesichts des Abschneidens von Norbert Hofer durchwegs besorgt - auch wenn dieser am Ende doch nicht Bundespräsident geworden ist. SPD-Vizechef Ralf Stegner warnte seine Partei vor Zugeständnissen an Rechtspopulisten. "Sozialdemokraten in Europa müssen die klare Linie halten, dass es mit uns keine Intoleranz und Ausländerfeindlichkeit gibt." Stegner kritisierte den wechselhaften Kurs der SPÖ, auch im Vergleich zur deutschen SPD. "Wir haben keine Wende in der Flüchtlingspolitik gemacht, die uns auf die Füße fällt."

Der CDU-Außenpolitiker und Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Bernd Fabritius (CSU), erklärte: "Ich finde es äußerst befremdlich, dass ein Rechtspopulist in einer Stichwahl 50 Prozent erhält. Das ist leichtsinniges Wahlverhalten." Er lobte aber SPÖ und ÖVP für ihren harten Kurs in der Flüchtlingspolitik. "Ohne die Schließung der Balkanroute hätte Hofer klar gesiegt."

Der Präsident der sozialdemokratischen Fraktion im EU-Parlament, der Italiener Gianni Pittella, erklärte sich wegen des starken Stimmenzuwachses der FPÖ besorgt, den er als "Erdbeben" bezeichnete: "Unabhängig vom Endergebnis ist der Damm gebrochen. Erstmals seit 1945 hat eine rechtsextreme Partei, die direkt vom Nationalsozialismus stammt, den Durchbruch geschafft. Die konservativen und sozialdemokratischen Kräfte Europas verlieren an Stimmen zugunsten extremer Bewegungen",

Ergebnis des ersten Wahlgangs am 24. April:
Kandidat Partei Stimmen Prozent
Irmgard Griss Unabhängig 810.641 18,94
Norbert Hofer FPÖ 1.499.971 35,05
Rudolf Hundstorfer SPÖ 482.790 11,28
Andreas Khol ÖVP 475.767 11,12
Richard Lugner Unabhängig 96.783 2,26
Alexander Van der Bellen Grüne 913.218 21,34
Quelle: BMI

Wahlbeteiligung

Die Wahlbeteiligung bei der Bundespräsidenten-Stichwahl lag bei 60,7 Prozent und wird laut Hochrechnern mit den Wahlkarten auf rund 72 Prozent steigen. Gegenüber der letzten Präsidentschaftswahl vom Jahr 2010 gab es einen deutlichen Anstieg: Damals nahmen nur 53,6 Prozent ihr Wahlrecht in Anspruch. Beim ersten Wahlgang im April gaben 68,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimmen ab.

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