Brexit - „Die EU will eine teure und schnelle Scheidung“

Brexit - „Die EU will eine teure und schnelle Scheidung“

Lee Hosuk-Makiyama - Leiter vom European Centre for International Political Exonomy in Brüssel.

Die Briten werden den Brexit möglichst weit hinauszögern, um die ökonomischen Folgen zu minimieren, sagt Ökonom Hosuk Lee-Makiyama. Denn die EU wird ihnen nicht entgegenkommen.

trend: Die Briten haben sich für den Brexit entschieden. Was passiert jetzt?
Lee Hosuk-Makiyama: Die Regierung wird die Anwendung von Artikel 50 und damit den Beginn des Ausstiegsprozesses hinauszögern, um so lange wie möglich in der EU zu bleiben. Nicht nur aus ökonomischen Gründen – um den Schock abzufedern – sondern auch aus politischem Kalkül. Es wird zumindest drei Jahre dauern, bis die Scheidung durch ist. Ratspräsident Donald Tusk hat sogar von bis zu sieben Jahren gesprochen.

trend: Die Union hat damit keine Freude. Mehrere Spitzenpolitiker haben bereits einen umgehenden Ausstiegsantrag gefordert.
Hosuk-Makiyama: Ja, die EU will eine schnelle und teure Scheidung. Zumindest eine sehr, sehr teure Trennung wird sie auch bekommen. Denn Brüssel – also Deutschland und Frankreich – bestimmt die Kosten. Den Zeitplan bestimmt aber London. Das ist das Machtverhältnis. Abgesehen davon hat Großbritannien aber keine besonders guten Karten. Deutsche und französische Politiker in Brüssel haben bereits angedeutet, dass es kein Entgegenkommen geben wird.


Es wird sehr wahrscheinlich eine völlige Trennung sein, mit einem nicht sehr beeindruckenden Freihandelsabkommen.

trend: Man befürchtet, ein zu guter Deal könnte weitere EU-Länder zu einem Ausstieg motivieren.
Hosuk-Makiyama: Genau. Der Kontinent hätte dadurch auch nichts zu gewinnen. Es wird keinen guten Deal für Großbritannien geben. Darum ist zum Beispiel eine so enge wirtschaftliche Verflechtung wie mit Norwegen gar nicht am Verhandlungstisch.

trend: Würde ein schlechter Deal nicht auch Europa schaden?
Hosuk-Makiyama: Nein. Kontinentaleuropa hat weder politische noch ökonomische Gründe, Großbritannien einen guten Deal zu geben. Es gibt ein paar einzelne Länder wie Irland, die ein Interesse daran hätten. Aber die mächtigen Staaten, vor allem Deutschland und Frankreich, würden von einem schlechten Deal mehr profitieren.


Die Führung auf der Brexit-Seite hat keine Vision.

trend: Wie wird der Deal also aussehen?
Hosuk-Makiyama: Es wird sehr wahrscheinlich eine völlige Trennung sein, mit einem nicht sehr beeindruckenden Freihandelsabkommen.

trend: Was bedeutet das für Großbritannien?
Hosuk-Makiyama: Da ist entscheidend, welche Wirtschaftspolitik nach dem Brexit umgesetzt wird. Ich sehe die einzige Möglichkeit in einer unilateralen Liberalisierung. Statt Konzessionen von Europa zu erwarten, sollte Großbritannien selbst so weit wie möglich aufmachen. So könnte es zu einem Singapur für Europa werden und seine Rolle in einer globalen Wirtschaft erhalten. Aber das wird sehr, sehr schwer. Die Führung auf der Brexit-Seite hat keine Vision, die meisten Anhänger der Leave-Kampagne wollen das Land in den Zustand von 1970 zurückversetzen.

trend: Das Ende des Finanzplatzes London?
Hosuk-Makiyama: Großbritannien kämpft mit einem Messer am Hals. Es muss Argumente liefern, warum die ausländischen Investments bleiben sollten. Ein Finanz-Hub außerhalb der Eurozone war möglich, er würde auch außerhalb der EU funktionieren. Aber es ist eine schwierige Aufgabe und ich sehe das politische Personal nicht, das sie lösen könnte.

trend: Wird sich das Machtverhältnis in der EU ohne Großbritannien verschieben?
Hosuk-Makiyama: Absolut. Die Achse Berlin-Paris ist relativ neu. Früher war Großbritannien auf der einen und Frankreich und Italien auf der anderen Seite. Deutschland war in der Mitte. In den letzten Jahren ist Deutschland näher an Frankreich herangerückt, an eine staatszentrierte, weniger liberale Position. Damit hinterlässt Großbritannien ein Vakuum.

trend: Sie sehen niemand, der diese Rolle übernehmen könnte?
Hosuk-Makiyama: Auf der liberalen, freihandelsorientierten Seite stehen sonst nur Schweden, Dänemark, Finnland und vielleicht die baltischen Länder. Die waren aber abhängig von Großbritannien. Fast wie Kinder. Die sich bald sehr einsam fühlen werden.


Zur Person

Der Ökonom Hosuk Lee-Makiyama leitet das European Centre for International Political Economy in Brüssel.


Kommentar
Christoph Kotanko, Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN) in Wien

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