"Wir brauchen kein höheres Pensionsantrittsalter"

"Wir brauchen kein höheres Pensionsantrittsalter"

Die Sicherheit der Pensionen wird wieder heiß diskutiert, der Ruf nach längeren Lebens-Arbeitszeiten wird wieder laut. Im trend-Gespräch erklärt AK-Pensionsexperte Josef Wöss, dass weder ein höheres Pensionsantrittsalter noch niedrigere Pensionen notwendig sind.

trend: Neos-Sozialsprecher Gerald Loacker hat eine parlamentarische Anfrage zum Thema Pensionen eingebracht. Schwachpunkt sei die langfristige Finanzierbarkeit der Pensionen. Die jüngsten Zahlen der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) zeigen, dass die Beitragsjahre stagnieren und die Ersatzzeiten-Jahre, etwa für Arbeitslosengeld und Kinderbetreuung, nach oben gehen. Sollte deshalb wie gefordert das Pensionsantrittsalter steigen?
Josef Wöss: Im Schnitt liegen die Beitragsjahre laut PVA derzeit bei 31,4 Jahren. Das ist tatsächlich ein niedriger Wert. Um die Beitragsjahre zu steigern, braucht es aber weder eine Erhöhung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters noch eine Senkung des Pensionsniveaus, vielmehr muss die Situation am Arbeitsmarkt verbessert werden. Für die spätere Höhe der Pension ist nämlich die gesamte Erwerbsbiographie entscheidend, also ob jemand durchgehend oder fast durchgehend beschäftigt war, lange arbeitslos oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen gearbeitet hat. Für die Finanzierbarkeit des Systems spielt das eine entscheidende Rolle.

trend: Was kann der Staat tun?
Wöss: Der Staat sollte dafür sorgen, dass Defizite bei der Ausbildung beseitigt werden, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtert wird, der Schutz der Gesundheit erhöht wird und ausreichend Arbeitsplätze für Menschen im höheren Erwerbsalter geschaffen werden.


Die Ausgaben für Pensionen, im Verhältnis zum BIP, steigen bis 2040 nur minimal.

trend: Laut einer aktuellen Studie von Mercer ist das österreichische Pensionssystem nicht nachhaltig aufgestellt und rangiert in diesem Punkt auf dem vorletzten Platz. Nur Italien schneidet noch schlechter ab. Zu Recht?
Wöss: Seriöse Langzeitrechnungen der EU, nachzulesen im aktuellen Ageing Report, haben ergeben, dass die öffentlichen Ausgaben für die Pensionskosten von derzeit 13,9 Prozent des BIP auf einen Höchstwert von 14,7 Prozent um 2040 steigen werden und danach bis 2070 wieder leicht sinken. Trotz der Änderung der Altersstruktur und der erwarteten weiteren Steigerung der Lebenserwartung, die in diese Berechnungen mit einfließen, kann man angesichts dieser moderaten Steigerung schwerlich von einer bevorstehenden Kostenexplosion sprechen, wie etwa die Neos behaupten.

trend: Was würde passieren, wenn man das Pensionsalter anhebt?
Wöss: Die jungen Leute, die heute zu arbeiten beginnen, müssten in vielen Fällen, je nach Erwerbsbiographie, mit weiteren Pensionskürzungen rechnen. Denn für alle, die nicht bis zum höheren gesetzlichen Pensionsalter erwerbstätig sind, fallen höhere Abschläge an. Zusätzlich zu den bereits beschlossenen Reformen, wie mit Umstellung auf Lebensdurchrechnung, würde das die Pensionen der heute Jüngeren erneut schmälern.

trend: Wie gut ist das Pensionssystem in Österreich für die Zukunft aufgestellt?
Wöss: Wie die Langzeitrechnungen des Ageing Report der EU-Kommission zeigen, ist unser gesetzliches Pensionssystem gut auf den bevorstehenden demografischen Wandel vorbereitet.


Das Pensionssystem auch für heute Jüngere bietet viel bessere Leistungen als behauptet wird.

trend: Werden die Leistungen, also die Pensionshöhe, seit der Pensionsreform 2004 aufgrund der Änderungen bei der Pensionsberechnung in Zukunft drastisch sinken? (Anm.) Die Durchrechnungszeiten für die Berechnung der Pensionshöhe wird seither Jahr für Jahr angehoben. Dazu wird die Bemessungsgrundlage bis zum Jahr 2028 schrittweise auf 40 Jahre ausgedehnt. Für jene, die heuer in Pension gehen, werden beispielsweise 30 Bemessungsjahre herangezogen.
Wöss: Durch die Pensionsreform müssen heute Jüngeren im Durchschnitt deutlich länger im Erwerbsleben bleiben, um Einkommensersatzraten zu erreichen, die früher bereits bei Pensionsantritt mit 60, oder bei Frauen sogar mit 55, erreicht wurden. Die Herausforderung ist, das durchschnittliche Pensionsantrittsalter Schritt für Schritt näher an das gesetzliche Alter 65 heranzuführen ohne die Menschen in die Altersarbeitslosigkeit abzudrängen. Laut OECD-Berechnungen, lässt das Pensionssystem auch für heute Jüngere viel bessere Leistungen erwarten als oft behauptet wird und besser ist als die Systeme der meisten anderen Länder.

trend: Mit wie viel Pension können heute junge Menschen rechnen?
Wöss: Bei einem idealtypischen Erwerbsverlauf, also Berufseintritt mit 20 und Pensionsantritt mit 65, bei durchgehender Erwerbstätigkeit mit einem Durchschnittseinkommen, können heutige Berufseinsteiger nach OECD-Berechnungen mit einer Einkommensersatzrate von fast 80 Prozent rechnen. Entscheidend ist die Erwerbskarriere. Ist diese schlecht, kann es – wie das auch heute der Fall ist - zu viel niedrigeren Einkommensersatzraten kommen. Bei etlichen betroffen Gruppen, wie etwa bei vielen Frauen, braucht es da dringend Verbesserungen. Niedrigere Einkommensersatzraten gibt es natürlich auch, wenn jemand ein Einkommen über der Höchstbeitragsgrundlage hat. Für übersteigende Teile werden keine Pensionsbeiträge bezahlt und in Folge gibt es dafür auch keine Pension.


Zu behaupten, dass nur Staaten mit geringen staatlichen Pensionsleistungen nachhaltig sind, ist ein starkes Stück.

trend: Laut der Mercer-Studie ist ein Pensionssystem dann nachhaltig, wenn die betriebliche Säule der Finanzierung besonders stark ausgeprägt ist. Wie sehen sie das?
Wöss: Zu behaupten, dass nur Staaten mit geringen staatlichen Pensionsleistungen nachhaltig sind, ist schon ein starkes Stück. Die Bewertung von Mercer erfolgte ausschließlich auf der Basis wie stark die kapitalbasierten Teile des Pensionssystems im Vergleich zum umlagefinanzierten staatlichen Pensionssystem sind. Je stärker ein System auf das Ansparen von Pensionskapital und damit auf die Veranlagung auf den Kapitalmärkten setzt, umso besser liegt der jeweilige Staat im Mercer-Ranking. Je stärker die Säule der staatlichen Pension, umso schlechter das Ergebnis. Wie abwegig die Konzeption des Mercer-Index ist zeigt auch, dass das deutsche System als das adäquateste eingestuft wird. Die Durchschnittspension der Frauen liegt dort bei nur bei 750 Euro brutto im Monat. Das spottet jeder Beschreibung.

trend: Ist ein hoher Anteil der Finanzierung durch betriebliche Altersvorsorge also riskant?
Wöss: Wenn Arbeitgeber bereit sind, eine betriebliche Zusatzpension zu finanzieren, ist das natürlich für die Arbeitnehmer von Vorteil. Nur sollte man keine übertriebenen Erwartungen haben. In jedem Pensionssystem gibt es Risiken. Viele glauben, dass diese Risiken durch das Ansparen von Pensionskapital reduziert werden können. Übersehen wird dabei, dass durch die Veranlagung auf den Kapitalmärkten neue Risiken entstehen. Das Platzen der Dotcom Blase im Jahr 2000 und der Börsencrash 2008 haben das mehr als deutlich gemacht. Nur weil weniger in das staatliche System eingezahlt wird und dafür mehr in betriebliche Altersvorsorge fließt, bedeutet das noch lange nicht, dass es besser funktioniert oder es günstiger wird.


Pensionssysteme mit einer starken betrieblichen Altersvorsorge verursachen hohe Kosten.

trend: Laut der umstrittenen Mercer-Studie hat Holland, mit dem Pensionssystem mit dem höchsten Anteil an betrieblicher Vorsorge das beste Pensionssystem. Machen die Niederländer vielleicht doch etwas besser
Wöss: Holland hatte lange Zeit ein gutes Pensionssystem mit einem hohen Anteil an Betriebspensionen, für deren Leistungszusagen die Arbeitgeber gehaftet haben. Das ist so lange gut gegangen, wie an der Börse hohe Erträge erzielt wurden. Seit der Finanzmarktkrise 2008 ist das anders und es mussten innerhalb weniger Jahre etliche Reformen durchgeführt werden, um einen Zusammenbruch der riesigen Pensionsfonds zu vermeiden. Ein weiteres Problem: Pensionssysteme mit einer starken betrieblichen Altersvorsorge verursachen hohe Kosten. So zahlen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Holland in Summe einen Pensionsbeitrag von rund 25 Prozent, in Österreich liegt dieser bei 22,8 Prozent. Die Probleme mit der Finanzierung der Pensionsfonds und die Tatsache, dass auch in Holland die atypischen – nicht von Betriebspensionen erfassten - Arbeitsformen immer mehr werden, haben dazu geführt, dass das Pensionssystem mittlerweile in den Niederlanden in den Medien ein Dauerthema ist.

trend: Das deutsche Pensionssystem wird von Mercer ebenfalls als vorbildlich eingestuft.
Wöss: Zusammen mit Wissenschaftlern aus Deutschland haben wir vor kurzem die Pensionssysteme in Österreich und Deutschland verglichen. Der Befund ist eindeutig: Wir haben in Österreich eine wesentlich bessere Altersversorgung und das nicht nur jetzt, sondern auch für die heute Jüngeren.
Am besten vergleichbar sind die Pensionen der Männer, weil dort die durchschnittlichen Erwerbsverläufe ähnlich sind. Demnach lagen 2016 die neu zuerkannten Pensionen in Österreich bei im Schnitt 2.000 Euro brutto, in Deutschland bei nur knapp über 1.100 Euro brutto. Bei den Jüngeren sind die Unterschiede noch größer. Das österreichische System bietet bei idealtypischem Erwerbsverlauf 78 Prozent Einkommensersatz, das deutsche hingegen nur 38 Prozent! Zwar erhalten in Deutschland deutlich mehr Menschen eine Betriebspension wie in Österreich, die durchschnittliche Gesamtpension ist aber trotzdem noch immer deutlich niedriger als die staatliche Pension, die man hierzulande erhält. So kommt zur staatlichen Rente in Deutschland im Schnitt eine Betriebsrente von 12 Prozent, macht insgesamt gerade einmal 50 Prozent.

trend: Viele Pensionisten müssen aber auch in Österreich mit einer sehr kleinen Rente auskommen. Wie steht es um die Gerechtigkeit bei Pensionen?
Wöss: Es stimmt, dass auch bei uns bei weitem nicht alles rosig ist. Trotz der hohen Pensionsausgaben ist die Zahl der kleinen Pensionen nach wie vor hoch. Das betrifft vor allem Frauen. Es hat zwar einige Verbesserungen gegeben, etwa was die Bewertung von Kindererziehungszeiten betrifft, aber die Gender-Pensions-Lücke ist noch immer ein großes Problem. Auch hier geht es um die Erwerbskarrieren. Die Beseitigung der Benachteiligungen der Frauen bei der Verteilung und Bewertung von Arbeit ist eine zentrale Aufgabe auch im Sinne einer fairen Pensionspolitik.


Zur Person

AK-Sozialpolitik-Experte Josef Wöss

AK-Sozialpolitik-Experte Josef Wöss

Josef Wöss ist Leiter der Abteilung Sozialpolitik in der Arbeiterkammer. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Allgemeine Sozialpolitik, Sozialstaatsfinanzierung, Lohnnebenkosten, Alterssicherung (gesetzlich / betrieblich), Abfertigung neu, Demographie und Sozialstaat.


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