FORMAT-Chefredakteur Andreas Weber: Das neue Biedermeier

FORMAT-Chefredakteur Andreas Weber: Das neue Biedermeier

Der Umbruch in der Politik kommt, anders als gedacht, nicht mehr von rechts außen. Der grüne Durchmarsch zwingt SPÖ und ÖVP zur Öffnung.

Im Kasperltheater ist Eva Glawischnig dort angekommen, wo sie seit Langem hin will: In der Bundesregierung. Ja mehr noch, sie regiert mit ihrer grünen Partei das Land absolut. Die Rede ist von der seit vergangener Woche runderneuerten Haderer-Maschek-Puppenshow "Bye-Bye, Österreich".

Die schlichte Handlung: Die gesamte Politelite außer eben den Grünen - bricht zu einer Reise auf. Frank Stronach bringt über Franz-Josef-Land das Flugzeug zum Absturz. Alle überleben. Im Nordpolarmeer geht der Kampf jeder gegen jeden wie gehabt weiter.

Mit den Archetypen der Innenpolitik als Hauptdarstellern : Michael Häupl und Erwin Pröll als wahre Mächtige in weinseliger Stimmung - sie leeren sogar den Benzintank des Fliegers blitzo-blitzo; mit Werner Faymann, der endlich mit sich im Reinen ist, weil er nichts mehr tun muss, schon gar nicht regieren, mit dem Volk reden oder Reformen angehen; mit Sex-Hexe Johanna Mikl-Leitner, die "Django" Reinhold Mittlerlehner in "Old Shatterhand" verzaubert. Der muss fortan für die Versöhnung der "roten und schwarzen Brüder" und die Gründung des "Stammes der Mitte mit garantierten 50 Prozent" werben.

In Österreich hat Kanzlerin Eva ihre Ökodiktatur umgesetzt: Fleischverbot, Rauchverbot, Autoverbot. Innenminister Peter Pilz kerkert demonstrierende Massen ein.

So weit, so schräg, Kasperltheater halt, mit Schmähs auch tief unter der Gürtellinie. "Is eh wie in echt", mag der Politikverdrossene anfügen. Die Mascheks sind nicht nur begnadete Gagschreiber und Stimmenimitatoren, sie recherchieren auch in der Szene.

Eine reformunfähige rot-schwarze Elite, die sich nur um Machterhaltung und Pfründe kümmert, wobei die anderen auch nicht viel besser sind - was als Kernbotschaft in Kommentaren Gähnen auslöst, wird in der Ulkvariante zum Kassenschlager.

Diesen Freitag werden wir bei einer Klausur in Schladming Zeugen des xten Neustartversuchs der ewigen Koalition - neue Harmonie, neue Pläne und wie schon so oft mit einem neuen ÖVP-Chef.

Immerhin: Mit Reinhold Mittlerlehner an der Spitze und Hans Jörg Schelling im Finanzministerium ist neue Dynamik, wirtschaftlicher Sachverstand und endlich so etwas wie prozessorientiertes Arbeiten in die Regierung eingezogen. Das Potenzial für einen Ausbruch aus der Regierungstristesse ist jedenfalls erstmals seit vielen Jahren vorhanden.

Die langfristigen Umbrüche in der Politik spielen sich derzeit aber gerade anderswo ab: Nach Wien, Oberösterreich, Kärnten, Tirol und Salzburg winkt den grünen Wahlsiegern in Vorarlberg Regierungsbeteiligung Nummer sechs. Nur Jörg Haider zu seiner besten Zeit hatte so einen Lauf. 28 Jahre nach Einzug in den Nationalrat sind die Grünen in den Zentren der Macht angekommen. Nur der Bund fehlt noch. Die Erfolge haben natürlich regionale Gründe - im skandalgeplagten Salzburg erzielten sie 2013 die Rekordmarke von 20 Prozent.

Doch ein Muster lässt sich über die Siegesserie stülpen: Die Grünen haben sich allerorten ihrer scharfen ideologischen Kanten entledigt. Wo früher ein Johannes Voggenhuber hochbelesen und mit scharfer Zunge Thesen zur Weltenrettung verbreitete, Peter Pilz rund um den Globus Gauner jagte, ist heute die Rettung einer Kuh auf der Alm Programm.

Die Entintellektualisierung samt Pragmatismus, für die pars pro toto die Parteichefin selbst steht, hat die Grünen zu einer Wohlfühlpartei gemacht. "Servus in Stadt &Land", sozusagen. Das zieht. Das neue Biedermeier, das die Grünen derzeit am besten repräsentieren, ist auch Folge der Krise.

Das Regionale, Lokale als Schutz vor der globalen Bedrohung boomt. Zurück zum Ursprung, ja natürlich, Biohenderl statt Chlorhuhn, gute Luft, heile Umwelt. In diesen Bereichen sind die Grünen stark. Überspitzt formuliert: Die radelnde Landesrätin erntet mehr Vertrauen als graue Anzugträger in blickdicht geschützten Limousinen. Das wird sich sogar in Wien zeigen, wenn die Fuzo auf der Mariahilfer Straße fertig ist und die grantelnden Wiener ihre ergrünte Einkaufsmeile lieben lernen. Noch gibt es auf Bundesebene keine Mehrheiten mit den Grünen, wenn es so weitergeht, könnte sich das ändern. Und auf beide "Altparteien" steigt der Druck, sich neuen Schichten zu öffnen und Abschied von der reinen Pensionistenpolitik zu nehmen. Die ÖVP hat Teile dieses Prozesses schon hinter sich. Nicht zuletzt haben jene Landeshauptleute, die in bunten Koalitionen regieren, Mitterlehners verzopften Vorgänger gestürzt. Die in Vorarlberg zur Zwergenpartei reduzierte SPÖ hat das noch vor sich. Insgesamt könnte die Entwicklung bedeuten, dass es nach der nächsten Wahl vernünftige Alternativen zu Rot-Schwarz gibt.

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