Berater-Guru Brock im FORMAT-Interview

Woody Brock, Chef des Beratungsunternehmens Strategic Economic Decisions, über die Lösung von Europas Schuldenkrise und den steigenden Nationalismus.

FORMAT: Wie wird die europäische Schuldenkrise enden?

Brock: Die Krise der europäischen Peripherieländer und des Euro wird Europa noch mindestens zwei Jahre in Bann halten. Es wird darauf hinauslaufen, dass manche Länder einen Schuldenschnitt brauchen. Danach stellt sich die Frage, wie die Regierungen Deutschlands, Frankreichs oder Belgiens ihren Banken unter die Arme greifen, damit die Institute den Ausfall von Griechenland oder Portugal verkraften. Die Rekapitalisierung der betroffenen Banken muss auf jeden Fall gesichert werden.

FORMAT: Wird die Eurozone auseinanderbrechen?

Brock: Die Gefahr dafür ist in den nächsten beiden Jahren hoch. Brüssel hat versucht, mit einer Stimme für 17 Eurostaaten und damit für 17 Völker zu sprechen. Das hat nicht funktioniert. Die Einführung des Euro war ein Fehler.

FORMAT: Wer sind die Schuldigen? Haben sich Europas Ökonomen verschätzt? Welche Rolle spielt die Politik?

Brock: Die wahren Schuldigen an dem Dilemma sind die Politiker. Das gilt nicht nur für Europa oder die USA, sondern für die ganze Welt. Die politischen Vertreter sind die wahren Bernie Madoffs. Im Gegensatz zum Milliardenbetrüger Madoff laufen sie aber noch immer frei herum. Man muss sich damit abfinden, dass die Macht der Ökonomen schon lange Zeit dahingeschmolzen ist, gehen doch die Politiker schon seit mehr als 100 Jahren mit unseriösen Versprechungen auf Stimmenfang. Das belegt alleine schon die Unfinanzierbarkeit der meisten Pensionssysteme.

FORMAT: Halten Sie die Zweiteilung Europas in eine wirtschaftlich starke Kernzone und in einen Raum angeschlagener Peripheriestaaten für möglich?

Brock: Ja. Das löst aber die Probleme nicht, weil einige Länder versuchen könnten, von der schwachen Zone in den gesunden Teil zu wechseln, während andere Staaten wegen wirtschaftlicher Nöte möglicherweise gezwungen wären, in die Allianz der Schwachen überzutreten. Das würde der gesamten europäischen Konstruktion die Stabilität rauben.

FORMAT: Es kursieren mehrere Vorschläge zur Lösung der Eurokrise, von der Ausdehnung der Laufzeiten von Staatsanleihen über Zinsreduktionen bis hin zum Schuldenschnitt notleidender Staaten. Welche Maßnahmen sind sinnvoll?

Brock: Man hat jetzt keine Wahl mehr, Europa muss an allen Schrauben drehen. Die Umsetzung ist sehr dringend. Spanien hat ernsthafte Probleme, die unbedingt in den nächsten eineinhalb Jahren in den Griff zu bekommen sind. Dazu wird oft übersehen, dass die Situation Italiens prekär ist. Die italienische Misere ist in den nächsten fünf Jahren zu lösen. Wenn das nicht gelingt, ist der Euro ein für alle Mal am Ende.

FORMAT: Wird Europas Rettungspaket die gewünschte Wirkung zeigen?

Brock: Kurzfristig ja, langfristig nein. Im Gegensatz zu den USA, wo das Defizit zehn Prozent der Wirtschaftsleistung erreicht, gibt es aber wenigstens einen Euro-Rettungsplan. Wer vor einigen Jahren eine solche Entwicklung in den USA für möglich hielt, wäre gefragt worden, welche Drogen er eingeworfen hat.

FORMAT: Nach den schlimmsten Turbulenzen der Finanzkrise ist die europäische Wirtschaft auf einen Wachstumspfad eingeschwenkt. Wird das Wachstum wegen der aktuellen Nöte versiegen?

Brock: Das Wirtschaftswachstum war sehr langsam und wird weiter langsam bleiben. Das ist im Falle Europas gut und richtig. Solange speziell die deutschen Banken nicht straucheln, sehe ich keine Gefahr, dass ein Rückfall in eine tiefe Rezession naht. Man muss aber damit leben, dass die Erholung in einzelnen Staaten wie Irland vollkommen anders verlaufen wird als etwa in Deutschland.

FORMAT: In Europa ist die Popularität nationalistischer Parteien gestiegen. Wird dieser Trend anhalten?

Brock: Ja. Das steht für mich außer Zweifel. Deutlich mehr Nationalismus wird ein brisantes Dauerthema.

Interview: Robert Winter

Zur Person: Horace „Woody“ Brock, 65, ist fünffacher Akademiker. Brock studierte an den US-Eliteuniversitäten Harvard und Princeton mathematische Ökonomie und politische Philosophie. 1985 gründete der Experte das unabhängige, weltweit tätige Beratungsunternehmen Strategic Economic Decisions, bei dem er bis heute als Chef fungiert.

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Christoph Kotanko, Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN) in Wien

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