Barack Obama als Erlöser? Peter Pelinkas Lokalaugenschein in New York

Barack Obama begeistert die Massen – in Europa wie in den USA. Noch ist aber nicht klar, ob er nächsten Dienstag wirklich zum 44. Präsidenten der USA gewählt wird. Ein Lokal­augenschein in der Welthauptstadt der Finanzkrise.

Die Krise hat viele Gesichter. In New York, mit seiner Wall Street noch immer Finanzzentrum der Welt, freuen sich wenigstens die Psychotherapeuten. Im Big Apple gehen ihre Ge­schäfte stets gut, derzeit noch besser als sonst. Nada Stotland, Präsidentin der APA (American Psychological Association), ­diagnostiziert: „Die Banker sind gewohnt, zu den Schlauen und Erfolgreichen zu gehören. Jetzt sind sie abgestürzt.“ Die ­Party ist für sie vorbei – viele von ihnen suchen nun therapeutischen Rat und zahlen dafür bis zu tausend Dollar pro Stunde.

300.000 arbeitslose Banker erwartet
Die Verunsicherung ist dieser Tage in der Stadt auf ganz verschie­de­nen Ebenen zu spüren. Ein an­onym bleiben wollender Broker aus Österreich rechnet damit, dass an der Wall Street an die 50.000 Arbeitsplätze verloren gehen werden, mehr als dreimal so viele in anderen Bereichen der Stadt. In der ­ge­samten US-Finanzbranche sollen es werden. Nouriel ­Roubini von der Stern School of Business prophezeit schon den nächsten Krisenherd: Nach den Investmentbanken werde es Hunderte Hedgefonds erwischen. Die Finanzkrise merken auch die Museen: Sie fürchten den Ausfall der privaten Sponsoren. Allein die pleite gegangene Investmentbank Lehman Brothers hat 2007 mit 39 Millionen Dollar kulturelle Programme gefördert.

Verständliche Zukunftsängste
„Die USA befinden sich in einer historisch beispiellosen Finanzkrise, deren Auswirkungen den ­Realsektor an den Rand einer Rezession manövrieren“, so Christian Kesberg, Österreichs Handels­delegierter in New York. Die Konjunkturspirale dreht sich kontinuierlich nach unten, seit durch das Platzen der Spekulationsblase am ­Immobilienmarkt ein unüberschaubarer Überhang an Fremdwährungskrediten schlagend wurde und zu einer Vertrauenskrise an den Finanzmärkten führte. Die Economist Intelligence Unit (EIU) erwartet für Ende 2008 in den USA ein Wachstum von 1,8 Prozent, für 2009 nur mehr eins von 0,5 Prozent. Auch 2010 soll es nur 1,7 Prozent betragen. Fazit Kesbergs: „Der konjunkturelle Schwächeanfall dauert noch längere Zeit. Und trifft schon jetzt die Konsumenten voll.“

Hoffnung Obama
Für viele Amerikaner trägt die Hoffnung auf Besserung einen Namen: Barack Obama, der 47-jährige ­Senator aus Illinois, hat gute Chancen, am 4. November zum 44. Präsidenten der USA gewählt zu werden. Der Demokrat führt in Umfragen klar vor seinem re­publikanischen Gegenkandidaten, dem 72-jährigen Senator aus Arizona John ­McCain. Eigentlich spricht alles für ihn: seine Jugendlichkeit, sein Charisma, seine Rhetorik – vor allem seine Distanz zu George Bush und damit zu der dem ­Texaner zugeordneten Wirtschaftskrise. Dazu kommt noch der außenpolitisch erfahrene Vizekandidat Joe Biden als ­Antipode zu McCains „running mate“, der erzkonservativen Sarah Palin, Gouverneurin von Alaska, von der man schon hörte, sie werde mit Putin gut verhandeln, weil sie „Russland direkt sehen“ könne. Für McCain sprechen eigentlich nur zwei Faktoren: sein Status als Kriegsheld (er verbrachte als abgeschossener Kampfflieger Jahre in vietnamesischer Gefangenschaft) – und Obamas Hautfarbe (siehe Interview mit Frederic Morton ).

Außenpolitische Unterschiede
Die vermutlich größten Unterschiede betreffen die Entwicklung der internationalen Beziehungen: McCain wird im ­Wesentlichen in der Tradition der Bush-Politik an der einsamen Führungsrolle der USA festhalten, Obama steht für ein partnerschaftlicheres Verhältnis zu Verbündeten, die er aber stärker in die gemeinsame Pflicht nehmen wird (siehe Interview mit US-Experten Heinz Gärtner ).
Weniger Unterschiede zwischen den Kandidaten gibt es punkto Finanzkrise: McCain unterstützte auch das staatliche 700-Milliarden-Paket für die Banken, nachdem er jahrelang wie Bush für Deregulierung und ungebremsten Freihandel getrommelt und vor drei Monaten die US-Wirtschaft noch als „völlig gesund“ bezeichnet hatte. Obama gibt sich nur etwas strenger: Er will einen Plan, wonach die Verwendung der staatlichen Gelder streng kontrolliert, die Managerlöhne gekürzt (insbesondere die obszön hohen Abfertigungen in Pleite­fällen) und ein Solidarfonds für betroffene Anleger geschaffen werden sollte – aber die Zeit des „big government“ ist auch für ihn vorbei.

Der Verteiler
Die „New York Times“ nennt ihn einen „freie Wirtschaft lieben­den, finanzpolitisch eher konservativen, aber Staatsausgaben-freundlichen Um­verteiler“. Auf letzteren Punkt stützt sich McCains letzter Rettungsanker: Obama wolle „den Wohlstand verteilen“ – in den traditionell Staats-feindlichen USA bis vor kurzem alles andere als eine freundliche Bezeichnung. Russ Limbaugh, der erfolgreichste Radio-Hassprediger, baut darauf seine stundenlangen Attacken auf den „Sozialisten“, die auf Dutzenden regionalen Kanälen gesendet werden, auf. Der Ökonom Mark S. LeClair von der Fairfield-Uni hält das für einen „Unsinn“ und sieht eine ganz andere Problematik: „Beide Kandidaten werden angesichts der hohen Verschuldung und speziell nach dem Staatspaket für die Banken kaum mehr Geld zum Verteilen haben. Da ist es fast egal, wer gewinnt.“

Von Peter Pelinka, New York

Dieser Artikel ist eine gekürzte Version des Berichts, den Sie in der FORMAT-Ausgabe 44/2008 finden.

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