Backstage bei Grillo: Der unterschätzte Clown

Backstage bei Grillo: Der unterschätzte Clown

Beppe Grillo hat mit dem "Movimento 5*“ die italienische Politik auf den Kopf gestellt. Hinter dem Erfolg steckt weit mehr als ein chaotischer Wutbürger: die Masse der Jungen.

Das Objekt der Begierde der italienischen Presse ist derzeit eine klassizistische, rosafarbene Villa im Genueser Nobelviertel Nervia. Dutzende Reporter campieren seit Sonntag auf der ruhigen Wohnstraße davor, um ein Statement des Hausherrn zu erhaschen. Denn der heißt Beppe Grillo, ist von Beruf Clown und Wüterich und hat bei der Wahl am Sonntag mit seinem "Movimento 5*“ 25 Prozent der Stimmen eingefahren. Doch die Reporter warten vergeblich: Gerade mal einen erhobenen Daumen zeigt Grillo am Fenster.

Der Systemschreck gibt keine Interviews in Italien. Das gehört zu seiner Außenseiterpose, die er seit langem kultiviert und in der "Tsunami“-Wahlkampftour perfektioniert hat. Seiner Medienpräsenz tut das keinen Abbruch - und das auch international, wo das Bild eines Polit-Hasardeurs gezeichnet wird: Clown, Ultrapopulist, wütend und unberechenbar. Ein Autokrat, der in Österreich mit Stronach oder Haider verglichen wird. Doch das Bild, das da gezeichnet wird, ist zu oberflächlich: Es erklärt das Phänomen Grillo - und vor allem den Erfolg der 5* - nicht einmal im Ansatz.

Für ausländische Medien macht Grillo manchmal eine Ausnahme von seinem Interviewboykott.

Als wir im Mai, kurz nach seinem Überraschungserfolg bei den Kommunalwahlen, an der Tür der Villa läuten, öffnet uns eine Hausdame mit schwarzer Uniform und weißem Spitzenhäubchen die Türe. Der Hausherr empfängt auf der Terrasse. Dort erstreckt sich ein manikürter grüner Rasen bis zur Balustrade, dann nur mehr Blau: Der Ausblick auf das Meer ist überwältigend. Grillo trägt ein akkurat gebügeltes rosa Hemd und plaudert über die Wärmepumpen-Technologie, die das Haus auf ökologische Weise kühl hält. Der Kontrast zu jenem Mann, der mit einem Campingwagen von Stadt zu Stadt fährt und wütende Brandreden gegen "die da oben“ schwingt, könnte größer nicht sein.

Showman und Intellektueller

Doch Grillo ist eben seit Jahrzehnten ein Profi des Showbusiness. Er ist als solcher Millionär geworden, und auch wenn er auf Knopfdruck ein paar Berlusconi-Witze abspulen kann, sitzt uns hier eher ein nachdenklicher, bürgerlicher Intellektueller gegenüber als der Ultrapopulist, den man von der Straße kennt.

Doch als Komiker war er in der Schärfe seiner Satiren immer schon weit über der Grenze dessen, was die italienische Nomenklatura akzeptierte: Schon in den 1990er-Jahren wurde er, damals erfolgreichster Fernsehkomiker Italiens, wegen seiner beißenden Angriffe gegen Bettino Craxi von den Bildschirmen verbannt. Die Tingeljahre danach brachten ihm die Bühnenpräsenz, mit der er beim Wahlkampfabschluss in Rom Tausende zu Begeisterungsstürmen reizte. Aber erst sein Blog schuf das Netzwerk, das zur Grundlage der politischen Bewegung wurde. "Medien, Mafia, Konzerne und Politik: Das ist in Italien alles eines. Wenn du dagegen vorgehen willst, brauchst du deine eigene Plattform. Die hat der Blog gebracht“, sagt Grillo. "Ich liebe die Rolle des Hofnarren. Die kann ich auf dem Blog ausleben - und das ist auch meine Rolle in der Bewegung.“

Die Hausdame serviert dazu ölig schwarzen Espresso und Konfekt.

Tatsächlich ist das, was von außen wie eine One-Man-Show eines durchgeknallten Machtmenschen aussieht, in Wahrheit eine Massenbewegung, die unbemerkt gewachsen ist - und in der Grillo weniger zu sagen hat, als es den Anschein hat. Er steht zwar auf der Bühne und liefert die Tiraden. Doch bei der Wahl trat er nicht einmal an: offiziell wegen einer Vorstrafe, in Wahrheit liegt Grillo die Rolle des Aufpeitschers einfach mehr als die des politischen Arbeiters. Im Schatten des Frontmanns aber versammeln sich Zehntausende täglich im Internet, um Lösungen auszuarbeiten.

Entstanden ist die Bewegung aus den "Leck-mich-am-Arsch-Tagen“, die Grillo Ende der Nullerjahre organisierte - und zu denen im politfrustrierten Italien Hunderttausende Menschen strömten. "Nach so einem Vaffanculo-Day haben sich plötzlich Dutzende Gruppen von jungen Leuten gebildet, die gesagt haben: Was machen wir jetzt damit?“

Entstanden ist eine Basisbewegung, die jeden nimmt, der mit den Grundsätzen mitkann. Am Wirtschaftsprogramm schrieben Nobelpreisträger ebenso mit wie Studentinnen. Wahrgenommen wurde das, was sich da aus Wut entwickelte, erst bei den Kommunalwahlen im Mai: Seither stellt der "Movimento 5*“ sogar den Bürgermeister von Parma. Und nun zieht er ins Parlament ein - und was da nun auf den Abgeordnetensesseln Platz nehmen wird, kommt im gerontokratischen Italien einer Revolution gleich.

Intelligent, empört, jung

Erstmals sind da, im ältesten und bestbezahlten Parlament Europas, junge Frauen zu sehen: Anwältinnen, Kämpferinnen gegen die Mafia, Studentinnen. Erstmals sind da Politiker, die nicht durch Seilschaften und Packelei belastet ins Parlament einziehen. Und denen das politische Geschäft so fremd ist, dass sie gar nicht erst richtig damit anfangen wollen: Koalitionen, Regierungsmacht - kommt für Grillos Bewegung alles nicht infrage.

Den politischen Mitbewerbern ist das gar nicht unrecht: Zu schwierig einzuschätzen sind diese jungen, empörten Menschen, denen sie sich plötzlich ausgesetzt sehen. "Wir sind nicht links oder rechts, das ist alte Politik. Wir sind gegen dieses System und für das Neue“, sagt Grillo. Was er damit meint, ist in Tausenden Seiten an Positionspapieren festgehalten: Ökologie, Menschenrechte, solidarische Ökonomie, partizipatorische Budgets.

Grillo selbst vertritt hauptsächlich linke Positionen - mit allen blinden Flecken der italienischen Linken: Verschwörungstheorien, Zweifel an 9/11, wütende USA-Kritik. Sein scharfer Antizionismus löst auf seinem Blog immer wieder antisemitische Tiraden in Kommentaren aus, die erst nach Stunden gelöscht werden. Die jüdische Gemeinde Roms zeigte schon "Angst“ vor Grillo, dem sie zwar keinen Antisemitismus vorwirft - der mit seiner überzogenen Israel-Kritik aber durchaus den Boden dafür bereitet.

Selbst mit Faschisten ließ Grillo sich sehen (und distanzierte sich schnell). Und die Finanzmärkte sehen Grillos Erfolg erst recht mit Unbehagen. "Es muss erlaubt sein, über den Ausstieg aus dem Euro nachzudenken“, sagt er. "Es ist nicht einzusehen, warum wir alle ausbluten und in Armut stürzen, um Banken und korrupte Politiker zu retten.“ Das, was man sich von Italien erhofft - rigoroses Sparen und pünktliche Bedienung der Gläubiger -, sieht anders aus.

Der Komiker selbst nimmt die Vorwürfe gelassen. Für ihn sind sie das letzte Zucken eines politischen Systems, das am Boden liegt - und bei dem mitzumachen sich nicht einmal lohnt. Die verzweifelten Koalitionsverhandlungen zwischen Bersani und Berlusconi wird er sich zurückgelehnt ansehen.

"Wir wollen keine Macht. Wir wollen ein gutes Leben für alle“, sagt Grillo und deutet lachend auf die Villa und den Ausblick. Dann geht er runter zum Meer schwimmen - wie jeden Tag, auch im Winter, im Neoprenanzug. Er braucht die Fitness. Der Wahlkampf ist beendet - die Aufgabe des Hofnarren nicht.

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