Ausweitung der Lernzone

Ausweitung der Lernzone

Das Mammutprojekt Ganztagsschule steckt im Sand, sorgt für ewigen Streit und kommt ein Jahrzehnt zu spät. Aber jetzt werden die raren Betreuungsplätze endlich aufgestockt.

Johann Brandl ist Pionier in Bildungsbelangen. Der Direktor des Diefenbachgymnasiums im 15. Wiener Gemeindebezirk hat bereits 2010 "mit einer Handvoll Freiwilliger“ eine erste Klasse zur echten Ganztagsgruppe ausgebaut. Der Unterricht wird dort über den ganzen Tag verteilt und nachmittags mit Freizeitangeboten "verschränkt“, der Schultag endet um 17 Uhr. Mittlerweile sind zwei Klassen solcherart verschränkt, daneben gibt es Gruppen mit reiner Freizeitbetreuung.

Der organisatorische Grundriss des Diefenbachgymnasiums gilt als Maßstab für ganz Österreich: Nachmittagsbetreuung mit eingestreuten Unterrichtsstunden oder reine Freizeitbetreuung bis zum 9. Schuljahr - das sind die beiden Grundvarianten der Ganztagsschule, die Bildungsministerin Claudia Schmied im Programm hat. 80 Millionen Euro jährlich stellt der Bund bis 2014 für den Ausbau zur Verfügung. Geht es nach Schmied, sollen die Mittel von 2014 bis 2018 verdoppelt werden. Ihr Ziel: die Aufstockung von derzeit 119.000 auf 200.000 ganztägige Betreuungsplätze (exklusive 50.000 bereits vorhandener Hortplätze) bis 2018. Der Fahrplan hätte bereits beim Ministerrat vergangenen Dienstag fixiert werden sollen, scheiterte aber an neuen Sonderwünschen der ÖVP.

Die Inangriffnahme der Ausbaustufen wird sich freilich nur geringfügig verzögern. Denn eine Einigung wird sich kaum noch verhindern lassen, zu groß ist die Nachfrage. Eile scheint, spitz formuliert, auch keine mehr geboten, denn im europäischen Vergleich kommt man ohnehin ein Jahrzehnt zu spät.

Betrachtet man die Europakarte, ist Österreich von Ganztagsschulen umzingelt. Praktisch alle Länder bieten seit Jahren mehr oder weniger flächendeckend Nachmittagsbetreuung an. Schweden hat sein Schulsystem bereits in den 1970ern umgestellt, PISA-Musterknabe Finnland hat die flächendeckende Betreuung 2004 beschlossen, in Deutschland wurde die Notwendigkeit der ganztägigen Betreuung in Volks- und Mittelschulen ein Jahr früher erkannt. Seit 2003 fördert die Bundesrepublik entsprechende Schulformen mit bislang vier Milliarden Euro. 8.200 Schulen haben mittlerweile auch nachmittags geöffnet, die Betreuungsquote liegt bei 51 Prozent, in Österreich sind es gerade einmal 17,5. Frankreich hat einen Sonderstatus. Hier haben die Schulen mittwochs geschlossen, den Rest der Woche wird ganztägig gebüffelt. Dort wird derzeit eine Änderung des Schulsystems diskutiert, Politiker sprechen vom "deutschen Modell“.

Und selbiges liefert auch anschauliche Daten. Unlängst publizierte das Deutsche Jugendinstitut eine Studie zur Entwicklung der Ganztagsschule. 50.000 Schüler, Eltern und Lehrer wurden über einen Zeitraum von drei Jahren befragt. Die Ergebnisse: Kinder und Jugendliche in schulischer Nachmittagsbetreuung zeigten weniger Verhaltensauffälligkeiten im Unterricht. Die Beziehung zu den Eltern blieb gleich oder verbesserte sich. Und in verpflichtenden Ganztagsschulen war die Rate der Klassenwiederholungen (1,4 Prozent) im Vergleich zu Schülern ohne Nachmittagsbetreuung (8,4 Prozent) deutlich niedriger.

Auch der gesellschaftsrelevante Hauptgrund für die Umstrukturierung geht aus der Studie hervor. Rund 80 Prozent der Mütter von Ganztagsschülern stehen im Erwerbsleben.

Das Mütter-Argument

Hier spannt sich der Bogen wieder nach Österreich. 64,7 Prozent der Mütter mit Kindern unter 15 Jahren waren 2010 hierzulande berufstätig (1994: 52,4 %). Rund 15 Prozent der Mütter sind alleinerziehend, Tendenz jeweils steigend. Den wachsenden Erwerbszahlen stehen derzeit landesweit 169.000 Ganztagsschul- und Hortplätze gegenüber - nur knapp jeder vierte AHS-Unterstufen- und Pflichtschüler wird nachmittags betreut. Das ist zu wenig, meint auch Gemeindebund-Chef und ÖVP-Bürgermeister Helmut Mödlhammer: "Die klassische Versorgung der Schüler in den Familien wird auch bei uns am Land weniger. Wir brauchen mehr Betreuungsplätze.“

Mödlhammer ist einer jener schwarzen Landespolitiker, denen die Blockadehaltung der Bundes-ÖVP auf die Nerven geht. Ein anderer ist der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter, derzeit Vorsitzender der Landeshauptleute-Konferenz. "Unsere Gesellschaft ändert sich, und wir müssen auch in der Bildungspolitik aufholen“, sagt Platter. Er bricht eine Lanze für den Ausbau der Ganztagsbetreuung: "Wir müssen dringend ein Angebot legen.“

Die Bundes-VP hat unlängst einen ganzen Wunschkatalog als Bedingung für die Zustimmung zum Ausbau deponiert. Gesetzlich verankert werden sollen etwa der Ethik-Unterricht als Religionsersatz, der Deutschunterricht für Nicht-Muttersprachler und der verpflichtende Besuch des zweiten Kindergartenjahres. Das ärgert nicht nur die Bildungsministerin. "Wir sollten den Bildungsbereich isoliert betrachten und Ergebnisse nicht durch unnötige Hürden erschweren“, meint Platter. Nachsatz: Dazu gehöre auch der Vorschlag von Kanzler Faymann, Ganztagsschulen über Einnahmen aus einer Erbschaftssteuer zu finanzieren.

Das Finnland-Argument

Ohne Not hat Schmied unlängst beim Thema Ganztagsschule eine zweite Front eröffnet. Es geht dabei um den verschränkten Unterricht, Schmieds bevorzugtes Modell. Bislang müssen jeweils zwei Drittel der Eltern und Lehrer einer Klasse der Umwandlung zur echten Ganztagsgruppe zustimmen. Schmied wollte die Lehrer aus dem Mitspracherecht ausklammern. Im FORMAT-Interview rudert sie jetzt zurück.

Die verschränkte Variante birgt noch eine weitere Tücke. Im Gegensatz zur unterrichtsfreien Nachmittagsbetreuung, die ab einem Bedarf von 15 Teilnehmern pro Schule angeboten wird und nur jene betrifft, die ein solches Angebot auch brauchen, verpflichtet die Entscheidung zur verschränkten Variante alle Schüler eines Standorts respektive Schulklasse zum Unterricht bis 16 Uhr.

"Wenn etwa ein Jugendlicher zweimal pro Woche zum externen Fußballtraining geht, dann hat er ein Problem“, sagt Direktor Brandl vom Wiener Diefenbachgymnasium: "Die Nachfrage nach unseren Ganztagsklassen hält sich deshalb in Grenzen. Die reine Tagesbetreuung wird viel besser angenommen.“ Die Idee von der Verteilung des Unterrichts über den ganzen Tag hält Brandl zwar für unbestritten. "Hausübungen und Testvorbereitungen werden bereits in der Schule erledigt, die Schüler haben abends frei und sind stärker im Klassenverband integriert.“ Aber flächendeckend sei das Konzept schlicht nicht durchführbar.

Darüber hinaus zeigt sich am Beispiel Finnland, dass hervorragende Schülerergebnisse bei PISA-Tests nicht mit der Verteilung von Unterrichtseinheiten auf Vor- und Nachmittage zusammenhängen. Dort gibt es nachmittags reine Freizeitbeschäftigung. Die finnischen PISA-Erfolge machen Experten an topausgebildeten Lehrern fest, am höheren Betreuungsschlüssel, flexiblen Unterrichtseinheiten und einem Schulsystem, das die Schwächsten gezielt fördert und keine starren Lehrpläne kennt. Aber das ist wieder eine andere Bildungsbaustelle.

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