Ausgerechnet die Wirtschaftskrise könnte Irland helfen sich als attraktiver Investitionsstandort neu zu erfinden

Im Boom verschwanden viele Vorteile der irischen Wirtschaft. Ausländische Investoren sehen nun aber neue Chancen auf der Insel. Das gesunkene Lohnniveau, niedrige Immobilienpreise und leistungswillige Iren verbessern die Wettbewerbsfähigkeit des Staates rasant.

Vor fünf Jahren war der Moment, von dem an Sebastian Vogt sich richtig Sorgen machte. Damals kam Vogt mit dem lokalen BMW-Händler ins Gespräch. „Er erzählte, dass er pro Woche drei bis vier BMW-X5-Geländewagen verkauft“, sagt der 35-Jährige. Da sei ihm klar geworden: „Irgendwas läuft in dieser Volkswirtschaft gigantisch schief.“ Ein BMW X5 kostet bis zu 90.000 Euro. Und Vogt lebt nicht in Wien, sondern in Sligo. Die pittoreske Kleinstadt an der Westküste Irlands hat nicht einmal 20.000 Einwohner. Für seinen großen Reichtum war Sligo nie bekannt.

Im Gegenteil: Als der schleswig-holsteinische Automobilzulieferer Bruss 1982 ein Werk für Präzisionsdichtungen in Sligo eröffnete, sprach für die irische Küstenstadt vor allem die besonders hohe Arbeitslosigkeit. „Die Irische Wirtschaftsförderung IDA wollte die Region stärken und bot uns Subventionen für eine Niederlassung in Sligo“, sagt Vogt, der seit 2000 das Irland-Geschäft von Bruss leitet. Neben den Zuschüssen und der niedrigen Körperschaftssteuer war Irland vor allem wegen des niedrigen Lohnniveaus attraktiv. „Dieser Lohnvorteil ist schon lange passé“, sagt Vogt.

Seit den 90er-Jahren galt Irland als Vorzeigeökonomie. Internationale Konzerne wie Siemens, SAP, Google und Intel ließen sich zuhauf nieder. In zwei Jahrzehnten mauserte sich das einstige Armenhaus Europas zum Keltischen Tiger mit Vollbeschäftigung und Wachstumsraten von bis zu elf Prozent.

Was lange übersehen wurde: Mit dem Boom hatte sich Irland über die Jahre ausgepreist. Die Immobilienpreise, die Lebenshaltungskosten und die Löhne machten das Land zusehends unattraktiver für ausländische Investoren. Von 2000 bis 2007 verdoppelten sich die Durchschnittslöhne in Irland. Vor Ausbruch der Krise hatten die Iren nach den Luxemburgern das zweithöchste Pro-Kopf-Einkommen aller 27-EU-Länder. „Irland hat in den vergangenen zehn Jahren enorm an Wettbewerbsfähigkeit verloren“, sagt Vogt. Die Arbeitskosten seien auf deutschem Niveau angekommen. Für Irland wurde es immer schwieriger, neue Investoren anzulocken.

Die irische Wirtschaft erfindet sich neu

Doch ausgerechnet die Wirtschaftskrise könnte dem Land helfen, sich nun als attraktiver Investitionsstandort neu zu erfinden. Seit drei Jahren steckt Irland schon in der Rezession. Die Arbeitslosigkeit befindet sich auf dem höchsten Niveau seit den 80er-Jahren. Der Immobilienmarkt ist ebenso zusammengebrochen wie die Finanzindustrie. Während die Iren an den Folgen der Krise verzweifeln, reiben sich die Investoren die Hände.

„Die Krise war als Korrektur bitter nötig“, sagt Bruss-Manager Vogt. Seit 2000 hatte die Firma in Irland ihre Mitarbeiterzahl von 420 auf 260 reduziert. In den vergangenen zwei Jahren stellte Vogt dagegen immerhin 25 neue Leute ein. Die weltweite Exportnachfrage boome schon wieder. „Uns geht es blendend.“ Dass der irische Markt am Boden liegt, stört Vogt nicht. „Wir produzieren 100 Prozent unserer Dichtungen für den Export nach Deutschland, Nordamerika und Asien.“

Was Vogt sagt, wird von den offiziellen Zahlen bestätigt. Nach zwei Jahren des Exportrückgangs steigen die Ausfuhren heuer wieder leicht. Grund dafür sind die rund 1.000 ausländischen Konzerne, die 80 Prozent der irischen Exporte herstellen. Irlands Wirtschaft dürfte daher 2011 wieder mit gut 1,75 Prozent wachsen.

„Das Interesse von Investoren am Standort Irland ist deutlich gestiegen“, sagt Dermot Clohessy, Chef der irischen Wirtschaftsförderung IDA. Stolz zählt er auf, wie viel günstiger Irland geworden ist: Industriestrom kostet 24 Prozent weniger, Gas sogar 26 Prozent. Die Durchschnittslöhne bei Neueinstellungen seien je nach Branche zwischen fünf und 20 Prozent abgesackt. Auch wenn die Gehaltseinbußen die Iren schwer treffen würden, langfristig sei die Preiskorrektur ein Segen. „Die Exportwirtschaft wird uns aus der Krise bringen und unser Land wieder auf eine solide Basis stellen.“

Auch Liam Ryan hat einen leichteren Job, seit Irland in die Knie ging. Seit zehn Jahren leitet der 45-Jährige das Geschäft des deutschen DAX-Konzerns SAP auf der Insel. 730 Mitarbeiter in Dublin und 300 in Galway betreuen online europäische und amerikanische Kunden bei Softwareproblemen. In den Jahren vor der Krise war der Druck der Mitarbeiter immer penetranter geworden. „Ständig hatte ich Leute hier sitzen, die mir vorgerechnet habe, wie teuer ihr neues Haus wird und dass sie mehr Geld brauchen“, sagt Ryan. Aber der Technologiekonzern hatte global scharfe Vorgaben. Mehr als drei bis fünf Prozent Lohnsteigerungen durfte Ryan nicht gewähren.

Solche Ansprüche stellt heute niemand mehr. „Bei 13,5 Prozent Arbeitslosigkeit ist doch jeder froh, seine Stelle zu behalten.“ Die Krise verhalf SAP zu einem regelrechten Jobwunder auf der Grünen Insel. Ryan konnte das SAP-Management überzeugen, einen neuen Geschäftszweig für den Telefonverkauf der Software in Irland anzusiedeln. Auch ein neues Forschungs- und Entwicklungszentrum eröffnete der Softwarekonzern in Galway. Insgesamt 280 neue Mitarbeiter stellte Ryan seit 2008 ein. Das, obwohl SAP 2009 zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte Stellen abbaute.

Dass das Land jemals wieder ein Billiglohnland wird, glaubt Ryan nicht. Seine Heimat habe andere Vorteile, die sie auch langfristig interessant für ausländische Konzerne mache. Etwa den niedrigen Unternehmenssteuersatz von 12,5 Prozent. Genau der stand vor wenigen Wochen auf der Kippe, als die EU eine Steuererhöhung im Gegenzug für das Rettungspaket forderte. „Es war weise, dass die EU nicht auf diese Forderung bestanden hat“, so der SAP-Manager. Ohne die niedrige Steuer hätte Ryan im Wettbewerb mit den anderen SAP-Landesmanagern deutlich schlechtere Karten.

Flexible Iren

Neben den niedrigen Steuern spricht für Irland vor allem die große Zahl gut ausgebildeter, englischsprachiger Talente. „Wenn in den USA Feiertag ist, wie zuletzt an Thanksgiving, übernehmen wir in Irland den gesamten Service für die US-Kunden.“ Als der Standort Irland vor ein paar Jahren anfing, auch für amerikanische SAP-Kunden zu arbeiten, musste Ryan einen Schichtdienst einführen. „Obwohl unsere Leute laut Arbeitsvertrag nicht dazu verpflichtet sind, machen 95 Prozent freiwillig mit.“ Das Arbeitsethos, das er in die Firmenzentrale nach Walldorf vermitteln wolle, laute: „Wir Iren sagen nicht nein.“

Aber ist es nicht auch zynisch, sich als Arbeitgeber über die schlechteren Arbeitsbedingungen in Irland zu freuen? Ryan wird nachdenklich. Die Zeiten seien nun einmal hart. Viele seiner Mitarbeiter hatten sich zu Boomzeiten ein Haus mit einer hohen Hypothekenbelastung gekauft. Nach dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes sind diese Häuser heute weniger wert als die Hypothek, die die Angestellten noch abzahlen müssen. „In anderen Ländern hätte es Massenproteste gegen die Sparpolitik der Regierung gegeben“, sagt Ryan. Die Iren dagegen hätten gelernt, dass nicht Streiks, sondern nur Stabilität Investoren anlocken könne. „Unser Pragmatismus macht uns nicht zu Helden, aber er wird unser Land retten.“

– Tina Kaiser, Dublin

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