Auf dem Weg zur Weltwährung: Der Währungsfonds als G-20-Gipfelgewinner

Der IWF bekommt mehr Macht – und die Lizenz zur Geld-Schaffung: 250 Milliarden Dollar an „Weltwährung“ werden neu ausgegeben. Folge: Der Dollar als Leitwährung gerät unter Druck.

Für Barack Obama war es bei der Abschlusspressekonferenz des G-20-Gipfels in London nicht einmal eine Fußnote. Gordon Brown erwähnte es eher beiläufig. Aber die chinesische Delegation strahlte über das ganze Gesicht wegen ihres Coups. „We won“, jubelte der Vertreter des staatlichen Senders China Central TV im Gang vor dem Verhandlungsraum. Grund für die Freude der Chinesen: Ihre Hauptforderungen an den Gipfel gingen in Erfüllung – die globale Finanzarchitektur sieht heute anders aus, als die Schwellenländer vor einem Jahr noch zu träumen wagten, und der Dollar als Leitwährung steht auf dem Prüfstand. Im Zentrum der neuen wirtschaftspolitischen Weltordnung steht der aufgewertete Internationale Währungs­fonds und sein neues Recht, frisches Geld in einer Weltwährung zu schaffen – vorerst im Umfang von 250 Milliarden Dollar.

Ende der Legitimationskrise
Der IWF steckte vor der Finanzkrise in einer Legitimationskrise: Es fehlte ihm an Geld, Entlassungen im großen Stil schwächten den Apparat, und seine Kunden wollten von ihm nichts mehr wissen. Nach den Krisen in Asien und Lateinamerika hatte der Fonds gemäß dem „Washington Consensus“ von 1990 jenen Ländern, die Geld brauchten, ein enges Korsett angelegt: Privatisierungen, Ansiedlung von Konzernen, Exportorientierung und die Kürzung der Sozialleistungen. Selbst die Schwesterorganisation Weltbank kritisierte, der Fonds treibe die Bevölkerung in den betroffenen Ländern in die Armut. Diese beschlossen, den IWF nicht mehr in Anspruch zu nehmen: China häufte Währungsreserven in der Höhe von mittlerweile zwei Billionen Dollar an, andere Länder verschuldeten sich zu besseren Bedingungen auf dem Finanzmarkt. Die Tage des IWF schienen gezählt. Das ist nun aber völlig anders: Anstatt durch eine globale Finanzbehörde abgelöst zu werden – wie noch im Oktober diskutiert –, gewinnt der IWF an Macht. „Der Währungsfonds ist der institutionelle Gewinner des Gipfels“, sagt Kurt Bayer, Direktor der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.

Budget verdreifacht
Denn mit der Finanzkrise war der IWF als Feuerwehr wieder gefragt: Nicht weniger als 19 Länder sind derzeit drauf und dran, seine Hilfe gegen einen Staatsbankrott in Anspruch zu nehmen. Erstes Ergebnis des G-20-Gipfels ist eine Verdreifachung der Mittel von 250 auf 750 Milliarden Dollar. 40 Milliarden davon schießt China zu – und will damit auch mehr Gewicht im Fonds. Bisher war der IWF von jenen Ländern dominiert, die seine Hilfe nie in Anspruch nahmen: EU und die USA vereinigten fast die Hälfte der Stimmen auf sich. Schon 2008 wurde den Entwicklungsländern ein höheres Stimmgewicht von nunmehr 42 Prozent zugesprochen, jetzt soll ihr Gewicht weiter wachsen. Dazu kommt: Springt der IWF ein, um ein Land vor dem Bankrott zu bewahren, wird er den Finanzministern in Zukunft weniger genau über die Schulter schauen: Die Ausrichtung des IWF auf den „schlanken Staat“ wird aufgeweicht. „Der Washington Consensus ist vorbei“, rief Gordon Brown nach dem Gipfel. Auch institutionell profitiert der IWF: Er soll künftig gemeinsam mit dem neuen „Financial Stability Board“ die internationalen Finanzmärkte überwachen.

Ein Schritt zur Weltwährung
Die wichtigste Neuerung ist aber vielleicht jene, die Barack Obama nicht einmal erwähnte: Der IWF bekommt das Recht, 250 Milliarden Dollar an „Sonderziehungsrechten“ auszugeben. Das ist eine Kunstwährung, die an einen Währungskorb gebunden ist und je nach Stimmanteil im IWF zugeteilt wird; Länder können sie leihen und verleihen, damit Währungsreserven aufbauen oder Schulden zahlen. So eine Weltwährung – den „Bancor“ – sah der Ökonom John Maynard Keynes schon 1944 vor, damals setzte sich allerdings der Kriegsgewinner USA durch und etablierte den Dollar als globale Leitwährung. Vorteil für die USA: Sie können sich ohne Währungsrisiko verschulden und profitieren davon, dass Rohstoffe in Dollar notieren. Damit könnte jedoch in absehbarer Zeit Schluss sein: Die massive Ausgabe von Sonderziehungsrechten – Hauptforderung der Chinesen und auch der Russen an den Gipfel – ist ein Schritt hin zu einer globalen Währung und weg vom Dollar. „Die Chinesen haben zwar kein Interesse daran, dass der Dollar kurzfristig unter Druck gerät – das würde ihre Währungsreserven gefährden. Mittelfristig wünschen sie sich wie andere Schwellenländer aber eine globale Währung“, erklärt Kurt Bayer.

Angst vor der Geldschwemme
Der überraschende Coup – wohl ein Zugeständnis der USA an China – wird allerdings nur in Entwicklungsländern breit bejubelt. Während die USA um die Vorrangstellung des Dollar bangen, herrscht in Europa Angst vor Inflation durch die plötzliche Schwemme an neuem, globalem Geld. Besonders verschnupft reagiert die EZB. „Das ist reine Geldschöpfung. Helikopter-Geld für den Globus“, sagte Jürgen Stark, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB), dem „Handelsblatt“. „Es hat keine Prüfung darüber gegeben, ob es diesen globalen Bedarf an zusätzlicher Liquidität gibt.“ Doch der Protest der Notenbanker kommt zu spät: Der Schritt zur globalen Währung ist getan.

Von Corinna Milborn

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