Auf Stimmenfang im WWW

Faymanns Social-Media-Desaster ist typisch für die Bemühungen heimischer Politiker, auf Facebook und Twitter nach Stimmen zu angeln.

Vielleicht wird ja aus Werner Faymann doch noch ein Social-Media-Kanzler – setzt er sich nach der Kritik der vergangenen Wochen inzwischen doch ab und zu selbst an die Tastatur. So erhielt einer seiner Facebook-Fans Anfang Dezember eine Posting-Antwort direkt vom Regierungschef: „Der Bundeskanzler ließt (sic!) sich die Kommentare sehr wohl persönlich durch und postet auch selber“, schrieb Faymann. Weil es jedoch seltsam anmutet, dass der Kanzler von sich in der dritten Person spricht und auch die Orthografie hinterfragenswert ist, darf man vermuten, dass die vermeintlich originale Antwort doch aus einer Ghostwriter-Feder stammen könnte.

Das würde passen. Denn wie in den vergangenen Wochen genüsslich in den Medien ausgewalzt wurde, hat sich Faymanns Polit-Ausflug ins World Wide Web rasch zum Rundumdesaster entwickelt. Und ist symptomatisch dafür, dass sich Österreichs Politiker mit den gar nicht mehr so neuen Möglichkeiten, die das sogenannte Web 2.0 bietet, immer noch ausgesprochen schwer tun.

Während internationale Politstars wie US-Präsident Barack Obama (über 24 Millionen Facebook-Fans) oder Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy (knapp 490.000 Fans) zum Teil virtuos auf der Kommunikations-Klaviatur von Facebook und Twitter spielen, bringen die heimischen Volksvertreter bestenfalls Misstöne zustande. Selbst Angela Merkel, in der medialen Außenwirkung nach wie vor keine Überfliegerin, kann Facebook besser als Faymann und Co. Immerhin folgen der deutschen Kanzlerin mehr als 117.000 Fans. Faymann-Jünger: nicht einmal 5.000 – sogar SPÖ-Geschäftsführerin Laura Rudas hängt ihren Chef bei der Fanzahl ab.

Erfolgreichster österreichischer Politiker im Netz ist ein Legionär: Arnold Schwarzenegger. Dem früheren Gouverneur Kaliforniens folgen auf Facebook eine knappe Million Fans – ein Wert, von dem im Inland agierende Volksvertreter nicht einmal träumen dürfen.

Verspätete Österreicher

Musterbeispiel für die unbeholfenen Social-Media-Auftritte heimischer Politiker ist ÖVP-Chef Michael Spindelegger. Zu einer eigenen Facebook-Seite hat er es bis jetzt nicht gebracht. „Das ist in Planung, aber der Parteiobmann möchte das selbst befüllen und hat dazu keine Zeit“, erklärt ÖVP-Pressesprecherin Michaela Berger die virtuelle Verspätung des Vizekanzlers. Zwar gibt es zwei – mit bescheidener Fanzahl ausgestattete – Spindelegger-Seiten auf Facebook. Wer sie betreibt und warum, weiß jedoch in der ÖVP niemand: „Das Web ist so undurchsichtig“, meint Berger lapidar.

Immerhin – über sein Außenministerium ist Spindelegger zumindest auf Twitter präsent. „Der Herr Minister gibt uns immer Input, und ich bringe das online“, erzählt Spindeleggers Kabinettsmitarbeiterin Isabella Pöschl, die den ministeriellen Twitter-Account „ minoritenplatz8 “ managt. „Für eine Facebook-Seite haben wir derzeit nicht die Ressourcen“, bedauert des Außenministers Twitterin.

Dabei scheinen Politiker und ihre Kommunikationsleute beim Thema Kosten einer grundlegenden Fehleinschätzung aufzusitzen. „Social Media ist an sich kostengünstig“, weiß Expertin Judith Denkmayr von der Agentur „ Digital Affairs“ .

Allerdings sollte man sich nicht nur aus Kostengründen selbst um die Befüllung seiner Accounts auf Twitter und Facebook kümmern. Denn Authentizität ist ein wesentlicher Vorteil, den Politiker in der digitalen Kommunikation mit ihren Wählern für sich nützen können. Das sei, analysiert Denkmayr, eines der Erfolgsgeheimnisse von FPÖ-Facebooker Heinz-Christian Strache: „Der schafft einen Mehrwert für seine Fans, indem er selbst postet, so lernen sie seinen Tagesablauf und das Politikerleben abseits von Zeitungsartikeln und Presseaussendungen kennen.“ Ergebnis der Anstrengungen: über 100.000 Fans – und immer wieder Postings mit zum Teil höchst xenophoben Inhalten.

Cooler Strache

„Strache ist in diesem Metier cool“, weiß Axel Maireder vom Wiener Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft – was man vom Bundeskanzler so nicht sagen könne. Für Faymann hätte der Medienwissenschaftler, würde er gefragt, einen Tipp: „Der könnte mit seinem Team eine Art Stimme der Regierung sein und sich auf diesem Weg in die laufenden Diskussionen einbringen.“ Stattdessen herrscht im Kanzler-Web oft Funkstille: Auf dem mit großem Getöse erst vergangenen Oktober präsentierten Twitter-Account „ @teamkanzler “ fand das bis Redaktionsschluss letzte Gezwitscher am 22. November statt – für das schnelle Medium Internet vor einer halben Ewigkeit.

„Wer im Social Web präsent ist, muss Nutzen bieten, bei Faymann kam das bisher zu kurz“, kritisiert Denkmayr das halbherzige Agieren des Kanzlers und vieler seiner Politikerkollegen im Web 2.0.

Besser machen ihre Sache die Grünen, bei denen von der Parteispitze bis zu den Funktionären viele facebooken und twittern. Vor allem beim Interagieren im Web sind grüne Politiker unerreicht, sie pflegen explizit den Meinungsaustausch mit Wählern. Das kommt an. Lediglich Eva Glawischnig ist Twitter-abstinent. „Ist einfach nicht ihr Medium“, sagt Martin Radjaby, Internet-Experte der Grünen.

Dass die Grünen bevorzugt eine höchst aktive Twitter-Community mit Inhalten versorgen, ist gewollte Strategie und für Kommunikationswissenschaftler Maireder naheliegend: „Twitter wird im Normalfall von höher Gebildeten genutzt.“ Politologe Peter Filzmaier unterstreicht: „Mit Twitter erreicht man qualifizierte Zielgruppen.“ Also kaum typische FPÖ-Wählerschichten, wiewohl auch Strache fleißig zwitschert.

Anders bei Facebook. „Mit 2,5 Millionen österreichischen Accounts geht Facebook in die Breite, man erreicht die 14- bis 49-Jährigen auf eine Weise, die über klassische Medien nicht möglich ist“, weiß Filzmaier. Auf Facebook kommt Strache gut an, ist ein Sieger und besitzt mehr Fans als jeder andere heimische Politiker.

Einen Verlierer gibt es auch: BZÖ-Chef Josef Bucher, der mit seiner Partei im Jahr 2013 wohl hart um den Wiedereinzug ins Parlament zu kämpfen haben wird. Er bringt es auf einer – nicht von ihm betriebenen – Facebook-Seite auf gerade 13 Anhänger und ist Schlusslicht unter den heimischen Spitzenpolitikern.

Ob die Zahl der Fans auf Facebook und Twitter ein ernst zu nehmender Indikator für politischen Erfolg ist, bleibt ohnehin fraglich. Immerhin fährt ein Politiker besondere Facebook-Erfolge ein, der gar nicht mehr am Leben ist: Mit 10.000 Fans ist Jörg Haider in Österreich, zumindest auf Facebook, immer noch voll dabei.

– Klaus Puchleitner
Mitarbeit: Jelena Gucanin

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