Arbeitsmarkt Neu: Das Comeback der Generation 55 plus

Generation 55 plus: Die einst am Arbeitsmarkt Verschmähten werden zu einer gefragten Gruppe. Denn bald gibt es zu wenig Junge, die nachkommen.

Christa Koenne, im Bild rechts, ist 67. Eigentlich ist die ehemalige Schuldirektorin im Ruhestand; trotzdem kann sie nach wie vor von einem ausgefüllten Arbeitsalltag berichten. Da sind die Lehrerfortbildungsseminare, die sie regelmäßig gibt. Da ist ein Postgraduiertenlehrgang an der Universität Krems, den sie erfunden hat und moderiert. Da sind Universitätsprojekte. Und da ist die Schulentwicklung, von der sie nicht lassen möchte: „Die Idee, am Schulsystem nochmals etwas ändern zu können, sorgt dafür, dass ich weitermache.“

Auch 2011 widmet sich die Bildungsexpertin wieder einer neuen „großen Herausforderung“ und arbeitet in der Vorbereitungsgruppe des Unterrichtsministeriums für das Gesetz zur neuen Lehrerausbildung mit: „Das ist sicher keine gmahte Wiesen, es macht mich aber sehr optimistisch, dass hier zwei Ministerinnen an einem Strang ziehen wollen.“ Christa Koenne arbeitet also weiter. Sie ist damit in ihrem Alter zwar nicht alleine, aber durchaus eine von wenigen: Schon bei den Jüngeren, den 60- bis 64-Jährigen, sind nur noch 21 Prozent erwerbstätig. Der Großteil, mehr als zwei Drittel, befindet sich bereits im Ruhestand.

Die Probleme mit den Älteren

Die Generation 55 plus sorgt für Diskussionen. Laufend werden ihnen von Experten und Medien neue Vorwürfe an den Kopf geknallt: Sie gehen zu früh in Pension, sie sind häufiger arbeitslos, sie sind zu oft im Krankenstand. Beinahe erscheinen die Älteren als eine Gruppe, die sich frühpensionieren lässt oder krankfeiert, um sich auf Kos­ten anderer einen gemütlichen Lebensabend zu machen. Dabei braucht die Wirtschaft zunehmend ihre Arbeitskraft: Schon in knapp drei Jahren ist die Gruppe der Pensionsanwärter größer als jene der 15- bis 24-Jährigen, die neu auf den Arbeitsmarkt drängen (siehe Grafik). Und sofern die Regierung nicht die Notbremse zieht und es den Älteren schmackhaft macht, im Arbeitsleben zu bleiben, drohen darüber hinaus auch noch die Pensionskosten den Generatio­nenvertrag zu sprengen.

FORMAT sprach deshalb mit Experten genauso wie mit Vertretern der älteren Generation, und es zeigt sich: Es braucht bessere Anreize für den Einzelnen und Jobs, in denen sie länger bei guter Gesundheit arbeiten können, auf der einen Seite sowie die Unternehmen als Partner, die die Qualitäten von älteren Mitarbeitern erkennen und zu nutzen wissen, auf der anderen.

Überfällige Pensionsreformen

In Österreich gibt es die Korridorpensionierung, die „Hacklerpension“ für Langzeitversicherte, die Schwerarbeiterregelung und die Invaliditätspension – älteren Mitarbeitern wird also gleich ein ganzer Strauß an verschiedenen Möglichkeiten geboten, sich vor dem regulären Pensionsalter – Frauen mit 60 und Männer mit 65 – frühzeitig in den Ruhestand zu verabschieden.
Trotzdem ist der Vorwurf nicht dem Einzelnen zu machen, schon gar nicht jenen, die krankheitsbedingt nicht mehr arbeiten können – schließlich ermöglicht der Staat die Frühpensionierungen per Gesetz. Anreize fürs Längerarbeiten gibt es dagegen kaum. Ein von der Pensionsversicherungsanstalt berechnetes Fallbeispiel zeigt: Selbst bei einem Mann mit einem Brutto-Monatseinkommen von 4.200 Euro, der Ende des heurigen Jahres in die Hacklerpension gehen könnte, bringt der reguläre Pensionsantritt mit 65 nur 300 Euro mehr Netto-Pension. Bei der Kassiererin im Supermarkt oder dem Lagerarbeiter mit weit geringeren Einkommen erhöht sich die Pension bestenfalls im zweistelligen Bereich: Der Wert der Freizeit in der Pension überwiegt deshalb bei der individuellen Entscheidung meistens.

Schwachstellen im Pensionssystem

In Einzelfällen wie zum Beispiel bei Stefan Böck, Direktor am Gymnasium Parhamerplatz, kann Längerarbeiten hierzulande sogar zu einer niedrigeren Pension führen: „Ich habe mir ausrechnen lassen, dass ich mit jedem Monat länger arbeiten auch eine geringere Pension erhalten würde. Anreiz ist das keiner“, wundert sich Böck noch heute. Der Zuständige für den öffentlichen Dienst im Bundeskanzleramt, Andreas Buchta-Kadanka, bestätigt: „Man muss zwar einen sehr ungünstigen Zeitpunkt für die Pensionierung wählen, in Einzelfällen ist das wegen der Verlängerung des Durchrechnungszeitraums aber möglich.“

In Schweden ist das anders: Dort bringt nach Berechnungen des Europäischen Zentrums schon ein Monat länger arbeiten um acht bis neun Prozent mehr Pension. Hierzulande will sich Arbeits- und Sozialminister Rudolf Hundstorfer zwar in den kommenden Wochen dem Pensionsthema und dabei auch internationalen Beispielen widmen (siehe Interview). Es geht aber weniger um Anreize oder Abschläge für den Einzelnen – da verweist der Minister auf „Rehabilitation vor Invaliditätspension“ oder Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz. In den Gesprächen mit den Sozialpartnern geht es vielmehr um Anreize für Unternehmen, damit Ältere länger im Erwerbsleben belassen werden.

Gesund arbeiten. Denn der Minister braucht die Unternehmen als Partner, und zwar in zweierlei Hinsicht: Erstens finden Arbeitslose in fortgeschrittenem Alter weit schwerer wieder einen Job als Jüngere, und zweitens können nur gesunde Mitarbeiter länger arbeiten.
Der WIFO-Fehlzeitenreport zeigt: Ältere Mitarbeiter sind zwar weniger oft krank als Jobeinsteiger. Ist es aber mal passiert, bleiben Ältere im Schnitt 21 Tage im Krankenstand, also dreimal so lange wie unter 25-Jährige. Das Problem mit den Krankenständen lässt sich nur mit Prävention lösen. Denn die Gesundheit ist durch den Job vor allem bei körperlich schwer Arbeitenden durchaus gefährdet, so wie zum Beispiel an den Maschinen des Papierherstellers UPM-Kymmene Austria GmbH in Steyrermühl. Die Arbeiter an der Papiermaschine sind immer wieder Temperaturen von
70 Grad Celsius ausgesetzt. Sie haben darüber hinaus schwer zu tragen. Trotz Gesundheitspräventionsprogramm und der Möglichkeit für Ältere, im Unternehmen auf eine andere Arbeitsstelle zu wechseln, geht der Großteil der Belegschaft von den Papiermaschinen zum frühestmöglichen Zeitpunkt in Pension. Denn der Jobwechsel ist eine Frage der notwendigen Qualifikation und nicht für alle möglich. Der Arbeiterbetriebsratsvorsitzende Bruno Aschauer ärgert sich deshalb über eine Pauschalverurteilung von Frühpensionierungen: „Es ist ein Hohn für unsere Papierarbeiter, wenn sie mit Beamten, die in die Hacklerpension gehen, in einen Topf geworfen werden.“

Länger arbeiten können allerdings auch nur jene, denen Unternehmen Jobs bieten. Die Arbeitssuche ist mit höherem Alter schwerer, die Statistik des AMS zeigt: Die durchschnittliche Arbeitslosigkeit von Arbeitnehmern mit 50 plus ist mit 120 Tagen fast doppelt so hoch wie jene von Jugendlichen bis 25 mit 66 Tagen. Da muss ein Umdenken stattfinden: Die Wirtschaftskammer Österreich forciert das, indem sie die älteren Arbeitnehmer zum „Herzstück im Unternehmen“ erklärt und mit Vorurteilen aufräumt.

Das machen auch Josef Siess, selbst 55, und seine Kollegen. Der vom AMS geförderte Verein „Euspug“ unterstützt gut Qualifizierte und ehemalige Führungskräfte dabei, wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Siess erklärt, dass es oft daran scheitert, dass die Unternehmen, aber auch die Suchenden selbst die Qualitäten von älteren Mitarbeitern nicht erkennen: „Personalisten haben meistens die Vorgabe, Jüngere einzustellen. Die klassische Bewerbung führt selten zum Ziel, man hat aber mehr Kontakte als Jüngere, einen großen Erfahrungsschatz und Spezialwissen, kann aufzeigen, was konkret das Unternehmen sich mit einer Investition in mich erwirtschaften kann.“ Die Erfolgsquote gibt Siess Recht, über 50 Prozent der „Euspug“-Klienten sind wieder erwerbstätig. Dazu braucht es aber mindestens 350 Firmenkontakte, die Jobsuche verlangt Älteren mehr Kreativität ab als Jüngeren. Das Beispiel zeigt aber auch: Ältere können und wollen arbeiten. Es braucht nur das System und die Unternehmen, die sie lassen.

– Martina madner, Mitarbeit: Markus Pühringer

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