Arbeitskrise - Krisenarbeit: In der Not scheint Qualifizierung das einzige Rezept

Die Zahl der Arbeitslosen dürfte heuer noch auf 400.000 explodieren. Das kostet den Staat Steuereinnahmen, belastet die Sozialtöpfe und steigert die Wut der Enttäuschten.

Es ist Krise, Weltwirtschaftskrise. Nicht wie in den 30er-Jahren: Da waren von 1,6 Millionen Erwerbsfähigen fast 600.000 ohne Arbeit – also 37,5 Prozent. Eine Arbeitslosenrate, wie man sie 2009 nicht befürchten muss. Aber: Aktuell trifft ein von vielen befürchtetes Szenario auch den Arbeitsmarkt. Die Immobilienblase brachte die Finanzmärkte ins Strudeln. Dann wackelten die Banken. All das lässt 2009 das Wachstum der Realwirtschaft schrumpfen. Mit verheerenden Auswirkungen auf den österreichischen Arbeitsmarkt: Was im Herbst noch als pessimistisches Szenario galt – 27.000 zusätzliche Arbeitslose im heurigen Jahr –, ist nun eine optimistische Prognose: 35.000 bis 60.000 mehr Menschen auf Jobsuche im Jahresschnitt dürften es wohl werden (siehe auch Grafik ).

Noch mehr Arbeitsplätze gefährdet
Die Sorge um weitere Arbeitsplätze ist in der Wirtschaft wie in der Politik zu spüren. Nach dem alarmierenden Arbeitslosen-Plus von 58.000 im Februar auf nicht ganz 300.000 werden bis 2010 sogar 400.000 Arbeitslose erwartet. Nicht eingerechnet die Kurzarbeit, da kommen schon im April zu den aktuell bereits 37.000 Kurzarbeitern 9.000 hinzu – nicht mehr nur in der Autozulieferindustrie, sondern auch in anderen Branchen, etwa 2.600 Personen allein bei der AUA und weitere 1.400 beim Halbleiterproduzenten Infineon. Trotzdem: Die Politik freut sich über jeden Kurzarbeiter anstelle eines Arbeitslosen mehr. Denn 100.000 arbeitslose Menschen würden den Staat 2,84 Milliarden Euro kosten, die Volkswirtschaft insgesamt sogar 4,64. Und für den Kurzarbeiter muss der Staat im Vergleich zum Arbeitslosen verhältnismäßig geringe 800 Euro ausgeben.

Proaktiver Maßnahmen-Mix
Anders als in den 30ern setzt die heimische Politik heute aber nicht auf Nichtstun: Finanzminister Josef Pröll nennt es „proaktives Handeln, einen Maßnahmen-Mix, um durch die Krise zu steuern“. Kern dieses Mixes sind zwei Konjunkturpakete, die noch ihrer Umsetzung harren, eine eben verabschiedete Steuerreform sowie Maßnahmen zur Familienentlastung. Gegen drohende Arbeitslosigkeit sollen zusätzlich eine längere Kurzarbeitszeit sowie die Verschrottungsprämie zur Unterstützung der besonders notleidenden Autoindustrie dienen.
Sowie Qualifizierung, Qualifizierung, Qualifizierung – bei Kurzarbeitern, niedrig qualifizierten wie jungen Menschen, die als Erste ihren Job verlieren könnten. Aber können die Österreicher tatsächlich der Politik im Kampf um jeden Arbeitsplatz „vertrauen“?

Optimistischer Kurzarbeiter
Beispiel General Motors in Aspern. Herbert Harter ( im Bild ) scheint so ein Fall zu sein. Er ist optimistisch, dass es der Politik und seinem Unternehmen gelingt, seinen Arbeitsplatz zu erhalten. Harter ist seit 23 Jahren Metallarbeiter an der Maschine im Motoren- und Getriebewerk von General Motors in Wien-Aspern und seit 19. Jänner in Kurzarbeit – wie 1.540 der insgesamt 1.850 Kollegen im Werk auch. Von einer Tragödie oder einem Drama will der 45-jährige zweifache Familienvater trotzdem nichts wissen: „Die zehn bis 15 Prozent weniger Lohn wegen der zehn freien Kurzarbeitstage können wir noch verschmerzen.“ Nachsatz: „Ein bisserl hofft man aber schon, dass die Waschmaschine oder das Auto nicht grade jetzt eingeht.“

Einkommen und Kaufkraft sichern
Dass ab kommendem Montag 300 bis 400 Kurzarbeiter im Motorenbau wieder Vollzeit arbeiten, sieht man in Aspern als positives Signal – auch wenn der besorgte Blick auf die internationalen Entwicklungen bei Opel und General Motors bleibt. Harter verlässt sich auf seine Arbeitsleistung: „Wenn sich einer für die Firma engagiert, wird er sicher nicht als Erster gekündigt.“ Und falls der Notfall Arbeitslosigkeit doch eintritt, hat die Familie vorgebaut: Harters Frau würde ihre 20-Stunden-Arbeit bei einem Optiker auf 40 Stunden ausweiten. Denn den meisten Österreichern geht es darum, Einkommen und damit Kaufkraft zu sichern. Mit der Kurzarbeit verteilt sich die Last der Einkommenseinbußen in einem Unternehmen fairerweise auf viele, anders, als wenn einige wenige Mitarbeiter gekündigt und damit arbeitslos werden.

Neue Vorschläge
Reizvoll klang deshalb auch der Vorschlag der Industriellenvereinigung, „Notkollektivverträge“ einzuführen. Demnach sollen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer kurzfristig auf Lohnreduktionen von vier Prozent einigen können, um Kündigungen vorzubeugen. Ein Gedanke, dem WIFO-Arbeitsmarktexperte Ewald Walterskirchen dann eine Absage erteilt, wenn es um viele Unternehmen und das große Ganze gehen soll – nämlich den Arbeitsmarkt an sich: „Das erinnert an die Strategie der 30er-Jahre und ist damals schon schiefgegangen.“ Denn auf Lohnsenkungen folgen niedrigere Preise, nicht zuletzt wegen ebenfalls sinkender Rohstoffpreise. Und damit würde man ein neues Schreckgespenst wachrütteln: die Deflation. Privatpersonen und Unternehmen warten auf den immer noch niedrigeren Preis und verschieben den Autokauf wie andere große Investitionen auf morgen. Die Konsumfreudigkeit sinkt, und Jobs werden – anders als ursprünglich gedacht – noch unsicherer.

Einmal mehr: Ausbildung
Böhler-Chef Claus Raidls Konzept wiederum liefe auf eine radikale Arbeitszeitverkürzung hinaus. Dieser Idee kann Walterskirchen ebenfalls wenig abgewinnen: „Die generelle Arbeitszeitsverkürzung, damals noch ohne Lohnverzicht, hat sich zwar in den 70er- und 80er-Jahren bewährt, weil durch weniger Stunden tatsächlich neue Vollzeitarbeitsplätze geschaffen wurden.“ Heute allerdings habe sich die Einstellungspraxis vieler Unternehmen geändert. Geht es nur um wenige Stunden, wird im niedrig qualifizierten Bereich bestenfalls ein neuer, prekärer Mac-Job geschaffen und im höher qualifizierten Feld ein Studenten-Aushilfsjob. Einmal mehr: Ausbildung. Wenig innovativ klingend, aber sinnvoll ist deshalb das Prinzip Qualifizierung – etwa für Jobeinsteiger der anspruchsvolle Ausbildungsplatz. Das Gießkannenmodell von WKO-Präsident Christoph Leitl, der die Förderung für ausbildende Betriebe von drei auf fünf Lehrlingsentschädigungen aufstocken will, ist damit jedoch nicht gemeint. Vielmehr sollte die Subvention in den zukunftsträchtigen, hochwertigen Job fließen – Stichwort: Lehrstellen in der Technik anstelle jener im schlecht bezahlten Einzelhandel.

Ausgeben statt sparen
„Echte“, das Leben finanzierende Arbeits- und Ausbildungsplätze haben auch für AK-Präsident Herbert Tumpel oberste Priorität, und er hofft, dass Unternehmen dabei nicht sparen: „Das wird stark vom Einstellungsverhalten der Unternehmen abhängen.“
Allgemeines Motto: Derzeit bloß kein kollektives Sparen für noch kommende schlechtere Zeiten, weder bei Unternehmen noch bei Privaten. Denn mit weniger Konsum wackelt bereits der nächste Arbeitsplatz. Vorsicht beim Spargedanken sollte deshalb auch die Politik walten lassen. Weniger Geld für Ermessensausgaben der Ministerien führt zu reduzierter Projektförderung und damit weniger Arbeitsplätzen bei NGOs. Und ein Aufnahmestopp im öffentlichen Dienst drängt zusätzliche junge Menschen in die Privatwirtschaft. Ein schlanker Beamtenstab rechnet sich zwar später, kurzfristig kostet er aber einen Teil des positiven Effekts der aktuellen Arbeitsmarktbemühungen. Der sorgsame Blick aufs vielleicht explodierende Budget sollte lieber auf morgen verschoben werden. Denn heute ist Krise.

Von Martina Madner und Markus Pühringer

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