Arbeiten wir zuviel?

Eine zusätzliche Urlaubswoche fordert der Sozialminister. Gewerkschafter wollen durch kürzere Arbeitszeiten zusätzliche Jobs schaffen. Wirtschaftsvertreter halten das für Wahnsinn - außer in Verbindung mit einer Flexibilisierung der Arbeitswelt.

Arbeiten wir zuviel?

So fleißig sind die Deutschen gar nicht. Und die Griechen längst nicht so faul, wie wir uns das landläufig oft vorstellen: Laut einer Statistik der OECD verbringen die Griechen 2038 Stunden pro Jahr im Job, während das die Deutschen im Schnitt nur 1406 Stunden lang tun. Die Griechen arbeiten also um 45 Prozent länger als die Deutschen. Ganz anders sieht jedoch der Output aus. In Deutschland wächst das Bruttoinlandsprodukt mit jeder Stunde Arbeit um 55,8 Dollar, mit dem gleichen Aufwand werden in in Griechenland nur 32,6 Dollar erwirtschaftet - das sind um 60 Prozent weniger.

Am Arbeitsplatz verbrachte Zeit ist also nicht gleich am Arbeitsplatz erbrachte Leistung. Und wie der Vergleich zwischen Griechenland und Deutschland zeigt, korreliert die durchschnittliche Arbeitszeit schon gar nicht mit der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Worauf es ankommt, ist die Produktivität.

Auch die Österreicher arbeiten weniger als die Mehrzahl anderer Nationen - und wir haben mehr frei. Nur die Malteser kommen auf gleich viele gesetzliche Urlaubs- und Feiertage wie die Österreicher. Trotzdem läuft die Wirtschaft hierzulande vergleichsweise gut. Denn die Produktivität stimmt. Sie ist seit geraumer Zeit stärker gestiegen als Löhne und Gehälter.

Genau da setzen nun Gewerkschafter und zunehmend sozialdemokratische Politiker an. Weil in Europa und auch in Österreich die Arbeitslosigkeit in die Höhe schnellt, wollen sie durch Maßnahmen zu einer Reduzierung der Arbeitszeiten Abhilfe schaffen. Der ehemalige Gewerkschaftschef und nunmehrige Sozialminister Rudolf Hundstorfer will eine sechste Urlaubswoche. In Deutschland werden Forderungen nach Einführung der 30-Stunden-Woche laut, und auch in Frankreich finden Debatten über die Verkürzung der Wochenarbeitszeit statt.

Die Überlegungen zu einer gerechteren Verteilung von Arbeit haben einen durchaus ernstzunehmenden Hintergrund: In Ländern wie Österreich, deren Wirtschaften auf absehbare Zeit real kaum noch wachsen werden, können zusätzliche Jobs wohl nur noch durch eine neue Form der "Arbeitsteilung” geschaffen werden.

Die Frage ist jedoch: Kann sich die österreichische Wirtschaft kürzere Arbeitszeiten überhaupt leisten, wie Gewerkschaften mit Verweis auf die Produktivität behaupten? Auf den ersten Blick: Ja. Der Leistungsbilanzüberschuss - Österreich exportiert mehr Waren und Dienstleistungen als eingeführt werden - wird 2013 laut Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) auf acht Milliarden Euro wachsen. Das ist an sich ein deutlicher Indikator für die solide Wettbewerbsfähigkeit eines Landes.

Belohnung

Die Rechnung, wie Gewerkschaften, Arbeiterkammer (AK) und auch der Sozialminister sie anstellen, sieht wie folgt aus: Um 35 Prozent habe sich die Produktivität heimischer Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren erhöht, sagt AK-Chef Rudolf Kaske. Nicht mitgezogen haben die Reallöhne. Also bestehe Anspruch auf Belohnung und ausreichend Spielraum, die gestiegene Produktivität an die Werktätigen zurückzugeben. Laut Sozialminister Hundstorfer sollte 1,2 Millionen Menschen das Recht auf eine sechste Urlaubswoche eingeräumt werden. Die angestrebten Effekte: 30.000 neue Arbeitsplätze, weil die Fehlzeiten ausgeglichen werden müssten, sowie eine weitere Verbesserung der Produktivität. Die bessere Gesundheit und mehr Motivation sollen nämlich die Zahl der Krankenstandstage senken. Auch geleistete Überstunden möchten Gewerkschaft und AK abgebaut und die frei werdende Arbeit durch neue Mitarbeiter erledigt wissen.

Die Vertreter der Wirtschaft können dieser Sichtweise nicht folgen. So argumentiert die Industriellenvereinigung (IV), dass Österreichs Vorteil bei den Lohnstückkosten gegenüber dem Durchschnitt der Eurozone 2012 verschwunden sei. Schon 2013 werde man 8,8 Prozentpunkte hinter Deutschland nachhinken - und bald auch hinter Staaten wie Griechenland, das im Zuge der Sanierungsbemühungen seine bislang hohen Lohnstückkosten radikal senken wird.

Schon bald werde sich das zu Lasten der österreichischen Wettbewerbsfähigkeit auswirken, fürchtet die IV. Arbeitszeitverkürzung, mehr Urlaub und vollen Lohnausgleich könne sich das Land keinesfalls leisten.

Auch Christian Keuschnigg vom Institut für Höhere Studien (IHS), erteilt dem Vorschlag von Sozialminister Hundstorfer eine Absage. Die sechste Urlaubswoche, die eine Belastung in Milliardenhöhe bedeutet, sei ebenso mit Vorsicht zu genießen wie eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit: "Das könnte die Wettbewerbsfähigkeit gefährden, findet man keine Maßnahmen, die zusätzlichen Kosten auszugleichen.“

Arbeitskuchen

Zudem ist generell fraglich, ob eine noch kürzere Wochenarbeitszeit, mehr Urlaubstage oder die Einschränkung von Überstunden tatsächlich neue Arbeitsplätze schaffen können. Ein Vertreter der Industrie sagt: "Es gibt in Österreich keinen fixen Arbeitskuchen, der mit der Tortenschaufel über das Land verteilbar ist.“

Das hat mehrere Gründe. Erstens ist Arbeit nicht gleichmäßig verteilt. Es gibt Branchen, wo viele Menschen Arbeit suchen, und andere, in denen es an Facharbeitern fehlt. Würde die Arbeitszeit für alle pauschal reduziert, fehlten gerade in den Branchen, wo es einer hohen Qualifikation bedarf, noch mehr Fachkräfte.

Zweitens ist die Arbeit nicht nur innerhalb von Branchen, sondern auch innerhalb von Unternehmen ungleich verteilt. Eine zusätzliche Urlaubswoche für 52 Arbeitnehmer durch das Einstellen eines neuen Mitarbeiters zu kompensieren, funktioniert nur in Ausnahmefällen. Selbst dann würden die zusätzlichen Lohnkosten auf die Bilanzen drücken und die ohnehin hohen Arbeitskosten weiter steigen.

Und drittens warnen selbst linksgerichtete Ökonomen wie Heiner Flassbeck (siehe Flassbeck-Interview ) davor, dass eine pauschale Arbeitszeitverkürzung zu sinkender Gesamtnachfrage führt. Vor allem, wenn parallel Löhne und Gehälter gesenkt werden, können die Auswirkungen fatal sein.

Auch Frankreich ruderte zurück, nachdem dort im Jahr 2000 die 35-Stunden-Woche eingeführt und 2008 wieder rückgängig gemacht worden war, weil darunter die Wettbewerbsfähigkeit litt.

Suche nach Auswegen

Aber wie schafft man Jobs? Vor allem, wenn die Arbeitslosigkeit in Europa Rekordhöhen erreicht und selbst in Österreich immer mehr Menschen keinen Job finden? Es gibt Wege, bei denen die Wirtschaft gut mitziehen könnte - etwa kürzere Arbeitszeit, verbunden mit einer radikalen Flexibilisierung oder verbunden mit Lohnkürzungen. Arbeitnehmervertreter hören das gar nicht gerne, obwohl es im Prinzip hieße, nicht nur die Arbeit, sondern auch den Wohlstand gerechter zu verteilen.

Das Zauberwort der Unternehmer und Manager, das seit Jahren durch alle Kollektivvertragsverhandlungen geistert, heißt "Arbeitszeitflexibilisierung“. Wirtschaftsvertreter sagen, sie sei Österreichs beste Chance auf mehr Arbeitsplätze. Weil sie die Wettbewerbsfähigkeit des Landes erhöht und Unternehmen automatisch dazu bringt, in zusätzliche Jobs zu investieren.

Fest steht: Flexibilität ist die Stärke jener Länder, die bei weniger Arbeitszeit produktiver sind als andere. Norweger und Finnen etwa arbeiten hauptsächlich dann, wenn Arbeit anfällt - und nicht nach gewerkschaftlich vordefinierten Zeiten. Das schafft hohen Output und senkt als Folgewirkung die Gesamtarbeitszeit. Die Menschen arbeiten weniger, sind dabei aber effizienter.

Vor allem das finnische Erfolgsmodell basiert darauf. 80 Prozent der Unternehmen boten dort im Jahr 2012 flexible Zeitmodelle an, häufig findet man "Arbeitszeitkonten“: Gibt es viel Arbeit, werden Guthaben erwirtschaftet, die in Zeiten mit wenig Arbeit als Freizeit abgebucht werden. Unproduktives Herumsitzen kommt nur selten vor. In anderen europäischen Ländern können Leerläufe hingegen, schätzen verschiedene Studien, schon einmal bis zu 30 oder sogar 40 Prozent der Arbeitszeit betragen.

Positiver Nebeneffekt der Flexibilisierung nach skandinavischem Muster: Die Zufriedenheit der Finnen mit ihrer Arbeit ist hoch.

Neuverteilung von Arbeit

Aber auch die von den Gewerkschaften oftmals geforderte Verkürzung der Wochenarbeitszeit wäre in Österreich ein Weg, den man sich auf Arbeitgeberseite im Prinzip vorstellen kann. Allerdings: ohne Lohnausgleich.

Das liegt nicht weit entfernt von gesellschaftlichen Trends, die sich abzeichnen. Weil das Wirtschaftswachstum in Europa längst nicht mehr unbegrenzt steigerbar ist (siehe " Wohlstand ohne Wachstum "), werden neue Modelle zur Work-Life-Balance notwendig. Vor allem unter Jungen und höher Qualifizierten lässt sich die zunehmende Bereitschaft ausmachen, weniger zu arbeiten - und auch weniger zu verdienen. Das macht eine Diskussion um die Neuverteilung vorhandener Arbeit sinnvoll.

Das Wifo errechnete, dass eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden bis zu 130.000 neue Arbeitsplätze schaffen könnte. Würde gar die 34-Stunden-Woche eingeführt, gäbe es in Österreich überhaupt Vollbeschäftigung. Wermutstropfen: Ein Sinken der Löhne um vier Prozent ist dabei jeweils einkalkuliert.

Trend zur freiwilligen Verkürzung

"Entscheidend ist, ob Einbußen beim Einkommen bei einem gleichzeitigen Gewinn an Freizeit als Verbesserung der Lebensqualität empfunden werden“, sagt Herbert Walther, Vorstand des Instituts für Arbeitsmarkttheorie und -politik an der Wiener Wirtschaftsuni. Seiner Meinung nach könnten auf einzelne Gruppen zugeschnittene Arbeitszeitverkürzungsmodelle den Jobmarkt entlasten, indem die Arbeit auf mehr Köpfe verteilt wird. Auch der deutsche Ökonom Karl Brenke sagt: "Es gibt einen Trend zur freiwilligen Arbeitszeitverkürzung.“

Laut AK liegt die Zahl der Überstunden inzwischen bei 300 Millionen pro Jahr, ein Drittel davon unbezahlt. Das entspricht laut Wifo 60.000 Vollzeit-Jobs, zumindest theoretisch. Weil vor allem höher Qualifizierte oft zu Überstunden bereit sind und sich gleichzeitig auch mit weniger Arbeit und mehr Freizeit anfreunden könnten, schlummert hier ein Potenzial für neue Jobs durch die Umverteilung.

Weil der Gedanke "Freizeit statt Geld“ für immer mehr Menschen sexy wird, könnten jedenfalls Konzepte zur freiwilligen Arbeitszeitverkürzung erstmals eine Chance haben. Dann täte sich auch die Gewerkschaft leichter, ihr bedingungsloses Festhalten am vollen Lohnausgleich etwas zu lockern.

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