Apolitical Foundation: "Politik gehört gelernt"

Es braucht eine neue Generation Politiker, damit die Demokratie nicht zerfällt, sagt Lisa Witter, CEO der Apolitical Foundation. Für ihre Politiker-Ausbildungsprogramme, die ab Herbst auch in Österreich starten, sucht sie nun Verbündete aus der Wirtschaft.

Lisa Witter sorgt als CEO der Apolitical Foundation weltweit für Politikerschulungen.

Lisa Witter sorgt als CEO der Apolitical Foundation weltweit für Politikerschulungen.

Sie hat bei den Vorwahlen in New Hampshire Babys geküsst, sich mit Stahlarbeitern in Pennsylvania unterhalten, stand wochenlang rund um die Uhr vor der Kamera - 2004 trat Lisa Witter als eine von elf Kandidaten der Reality-TV-Show "American Candidate" des US-TV-Netzwerks Showtime an. Was die damalige Politikexpertin, die sich am Ende nur zwei Kontrahenten geschlagen geben musste, aus dieser Erfahrung gelernt hat? "Dass Menschen in einem Amt - oder solche, die sich um ein Amt bewerben - mehr emotionale Unterstützung brauchen", sagt Witter. Nachsatz: "Und das war noch, bevor die Polarisierung über Social Media kam."

Heute ist sie CEO der Apolitical Foundation, die sich nichts Geringeres vorgenommen hat, als das Vertrauen in die Demokratie wiederherzustellen. Gemeinsam mit der Daniel Sachs Stiftung aus Stockholm betreibt diese Stiftung die Apolitical Academy, ein Ausbildungsprogramm für Politiker - und solche, die es noch werden wollen. Und nach Schweden, Südafrika, Portugal, einzelnen Kaukasus-Staaten und Paraguay soll das Angebot nun auch im deutschsprachigen Raum durchstarten - der D-A-CH-Raum soll von Österreich aus gemanagt werden. Loslegen will Österreich-Geschäftsführerin Sonja Jöchtl ab Herbst mit zwei Kursen zu je 35 Teilnehmern.

Die Idee ist ebenso einfach wie bestechend: Was MBAs für die Wirtschaft sind, sollen Abschlüsse der Apolitical Academy für die Politik sein.

Die Teilnehmer sollen sich bei Love Politics - so der Name des Österreich-Ablegers (lovepolitics.net) - das Know-how von Politikern im 21. Jahrhundert aneignen können: wie man sich vor einem Shitstorm wappnet ebenso wie wie Gesetze entstehen, wie man im politischen Sinn unternehmerisch denkt und wie man Koalitionen mit dem politischen Mitbewerb schmiedet. Es geht um Alltagsbewältigung, nicht um Wahlkämpfe. "Wir sind überparteilich", beeilt sich Co-Gründerin Witter hinzuzufügen.

Sonja Jöchtl, Österreich-Geschäftsführerin der Apolitical Foundation

Sonja Jöchtl will mit dem Österreich-Ableger Love Politics "ambitionierte und wirkungsstarke Politiker" stärken.

Denn natürlich gibt es seit Langem Politikerakademien, die in Österreich jedoch in erster Linie Akademien der politischen Parteien sind: die Politische Akademie der ÖVP, das Renner-Institut der SPÖ, die Grüne Bildungswerkstatt, das Freiheitliche Bildungsinstitut und das Neos Lab. Dazu kommen diverse Institute der Sozialpartner.

Doch insbesondere die älteren dieser Ausbildungseinrichtungen "sind einseitig geworden", befindet der frühere EU-Kommissar und ÖVP-Politiker Franz Fischler, der den Beirat von Love Politics leiten wird: "Diese Akademien haben es verabsäumt, grundsätzlich über ein Gesellschaftsmodell der Zukunft nachzudenken." Werte und Programme seien in den Hintergrund getreten, "Politik ist sehr stark mit Politikmarketing verwechselt worden, wie wir insbesondere in Österreich in den letzten Jahren gesehen haben".

Noch sind Hunderte Details in Arbeit, Jöchtl geht aber von 200 Unterrichtsstunden pro Kurs im Hybridmodus aus, dazu kommen jede Menge vor-und nachgelagerte Arbeiten. Das Programm wendet sich an Neueinsteiger ebenso wie an schon praktizierende Politiker, wobei in der Rekrutierung auf Diversität geachtet wird. Fixe Quoten gibt es laut Witter, Tochter einer Fabriksarbeiterin und eines Vietnamkriegsveteranen, zwar nicht. "Aber wir suchen nach Leuten, die die Gesellschaft repräsentieren. Und wenn in einer Gemeinde 50 Prozent Frauen leben, sollten sie auch entsprechend politisch repräsentiert sein."

"Ambitionierte und wirkungsstarke Politiker gibt es überall im Land", strotzt Österreich-Chefin Jöchtl, bis vor Kurzem Geschäftsführerin der Alpbach-Stiftung, kurz vor dem Start vor Optimismus. Doch oft genug müssten sie das schlechte Image der anderen mit ausbaden. Damit die Hoffnungsträger nicht unter die Räder kommen, müsse man sie "in unserem eigenen Interesse stärken".

Obwohl es die Academy erst seit 2017 gibt, gibt es bereits eine Reihe von Absolventen, die in Stadträten oder in Regierungsbüros quer über den Globus gelandet sind. "Jobgarantie gibt es aber keine", scherzt der frühere Forum-Alpbach-Präsident Fischler.

Erosionsprozess

Das Angebot wird mit hoher Wahrscheinlichkeit deshalb Nachfrage finden, weil es eine grundlegende Sehnsucht bedient: jene nach vertrauenswürdigen Politikern. Nach zwei Jahren Pandemie ist das Vertrauen in das politische Führungspersonal am Tiefpunkt angelangt, der Frust ist enorm. Widersprüchliche Corona-Politik, Chat- Leaks, Korruptionsvorwürfe, föderales Hickhack: Nur noch 41 Prozent der Österreicher sagen in einer aktuellen Sora-Umfrage, das politische System funktioniere "sehr gut" oder "ziemlich gut".

Immer öfter, berichtet die in Berlin lebende Witter, kämen auf sie deshalb auch Unternehmer und Manager zu, die um Rechts-und Planungssicherheit für ihr Geschäft fürchten. Die Business-Community will sie deshalb gezielt für die Umsetzung ihrer Idee gewinnen: Denn nur eine neue Generation von Politikern, die nicht in eingefahrenen Bahnen denke, könne den Erosionsprozess aufhalten. Mit Sponsorships können auch Ausbildungsplätze finanziert werden. Rund 10.000 Euro pro Teilnehmer soll ein Apolitical-Training kosten.

Und damit Wirtschaftsleute in die Haut von Politikern schlüpfen können, bietet die Foundation auch ein Bootcamp mit dem Titel "Politiker für einen Tag". Durch die Alpbach-Nähe des Österreich-Teams liegt eine Adaption dieses Rollenspiels auf hohem Niveau beim diesjährigen Forum Allpbach nahe.

Bei einem politisch interessierten Manager wie Ricardo-José Vybiral, Chef des Kreditschutzverbandes 1870, rennen Witter und Jöchtl mit dieser Zielsetzung offene Türen ein. Er würde "insbesondere junge Politiker, die offen und diskursfähig sind", unterstützen, solange daraus kein parteipolitischer Anspruch abzuleiten sei. Denn es sei evident, "dass Politiker, die zu lange im Geschäft sind, nicht mehr sehr veränderungswillig" seien.

Vybiral ortet nach zwei Jahren Pandemie, in denen zunehmend "rein populistische und keine evidenzbasierten Entscheidungen getroffen worden" seien, höchste Zeit für Gegeninitiativen zu dem, was offenkundig in die falsche Richtung läuft. In immer größeren Teilen der Wirtschaft registriert er diese Stimmung, doch nur wenige wollen das auch in der Öffentlichkeit artikulieren.

Letzten Endes geht es um Orientierung in einer unüberschaubar gewordenen Welt. Lisa Witter redet ungern über politische Vorbilder, sie hat aber der Inauguration der chilenischen Präsidentin Michelle Bachelet beigewohnt. Mary Robinson, die frühere irische Präsidentin und viele Jahre vor Bachelet UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, zollt sie ebenso Respekt wie Helen Clark, der früheren neuseeländischen Premierministerin. "Am meisten Respekt habe ich vor jenen Frauen, von denen man oft noch nie gehört hat. Sie sitzen in Stadträten, sind Kommissarinnen für Landwirtschaft, dienen dem Amt."

Step-by-Step

Apolitical ist mehr ein Versuch gegenzulenken, als eine Revolution. Dass 70 Love-Politics-Absolventen pro Jahr einen großen politischen Kulturwandel einleiten können, glauben nicht einmal die Unterstützer. "Die jetzigen Probleme der Politik sind nicht mit einem einzigen Tool lösbar", sagt Fischler, "aber eine Erneuerung anzustoßen, das kann gelingen." In dieses Horn stößt auch KSV-Mann Vybiral: "Es ist ein sehr idealistischer Ansatz und wird wohl ein paar Jahre brauchen."

Doch Witter, die sich ihren Idealismus hörbar nicht nehmen hat lassen, meint, dass auch bei erfolgreichen Betriebssystemen gut Ding immer Weile gebraucht habe: "Und Demokratie ist das Betriebssystem, mit dem die Menschen entscheiden, wie sie leben wollen."


INTERVIEW

„Kurz hat das Vertrauen in Politik erschwert“

Lisa Witter: "Die Wirtschaft will Politiker haben, die die Probleme des 21. Jahrhunderts lösen können."

Apolitical Foundation CEO Lisa Witter will auch die österreichische Business-Community ins Boot der Politikerneuerung holen.

Apolitical-Foundation-CEO LISA WITTER erklärt, warum auch in Österreich jetzt die Zeit reif für eine neue Politikerausbildung ist - und warum sie ein großer Fan von Wien ist.

trend: Mit Ihren Programmen bilden Sie künftige und gegenwärtige Politiker aus. Warum braucht es dieses Angebot?
Lisa Witter: Der Punkt ist: Es braucht keine Lizenz, um Politiker zu werden, dabei ist es eine enorme Verantwortung. Sehr wenige Politiker bekommen überhaupt eine fundierte Ausbildung. Einige haben einen Rhetorikkurs besucht, andere eine Leadership-Ausbildung. Unsere Programme sollen künftige Politiker dafür vorbereiten, in die Politik zu gehen, genauso wie MBAs Wirtschaftsleute ausbilden, in die Wirtschaft zu gehen.
Die Kosten für ein ApoliticalTraining betragen 10.000 Euro pro Teilnehmer, damit erhalten sie nicht nur ein starkes Netzwerk, sondern auch ein solides mentales Training für eine der herausforderndsten Aufgaben überhaupt. Diese Stärkung ist enorm wichtig, denn Politiker entscheiden über rund 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Der Return-on-Investment für die Wirtschaft und für die Gesellschaft ist deshalb unglaublich hoch. So wie man sich in der Wirtschaft oft fragt, was der Business Case ist, so müssen wir uns in der Politik fragen: Was ist der Democracy Case? Wichtig ist mir, zu betonen, dass wir überparteilich sind. Um die Demokratie zu beschützen, muss man mit dem gesamten politischen Spektrum arbeiten

Warum werden Sie auch in Österreich tätig? Wie ist Ihr Bild von Österreichs Politik?
Die Good News zuerst: Ich liebe Wien. Ihre Hauptstadt könnte nicht so gut dastehen, wenn es nicht auch eine entsprechende politische Führung gäbe. Es gab in der Vergangenheit fantastische Bürgermeister und Vizebürgermeister verschiedenster Parteien. Auf der Bundesebene war es zuletzt nicht ganz einfach: Ihr Ex-Kanzler Kurz hat das Vertrauen in Politik erschwert. Das ist für jeden, der oder die in die Politik geht, keine gute Nachricht.

Wer ist die Zielgruppe? Öffentlicher Dienst, Minister, Parlamentarier?
Auf jeden Fall nicht Beamte. Es geht um gewählte Positionen, in Gemeinderäten, im Parlament, in Regierungen. Wir sind komplementär zu bestehenden Akademien der politischen Parteien und sehen uns nicht als Konkurrenz. Wir können vorpolitisch etwas leisten, das dann schwieriger wird: alle über Parteigrenzen hinweg gemeinsam ausbilden, das Gemeinsame trainieren. Inhaltlich geht es um Kompromisse mit dem politischen Gegenüber lernen, Netzwerke knüpfen, aber auch gesund bleiben und auf sich selbst achten. Was wir nicht machen: Kampagnen zu planen oder gar durchzuführen. Es geht darum, Leute zu unterstützen, die ins politische System wollen.

Welche Rolle spielt die Wirtschaft bei Apolitical?
Wir brauchen Leute mit unternehmerischen Fähigkeiten, die ins politische System gehen - diese Leute müssen aber auch die Unterschiede zwischen dem Führen von Unternehmen und von Regierungen kennenlernen. Wir veranstalten etwa ein Bootcamp für Wirtschaftslenker, um dieser Zielgruppe zu erklären, wie Regieren funktioniert.

Haben Wirtschaftsleute überhaupt Interesse an Politik?
Ich bekomme jedenfalls immer mehr Anrufe von Businessleuten, die sich riesige Sorgen über den Zustand der Politik und der Demokratie machen. Da geht es um die Berechenbarkeit der Märkte, die Verlässlichkeit der Regulierung, Vertrauen in die Währung etc. Die Wirtschaft will Politiker haben, die die Probleme des 21. Jahrhunderts lösen können. Sie können dafür auch Teilnahmen an unseren Programmen sponsern.

Der Artikel ist der trend. PREMIUM Ausgabe vom 25. Februar 2022 entnommen.

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