Angst vor der Geldschwemme: Die EZB soll die Gelddruckmaschine anwerfen

Die EU-Schuldenstaaten und die USA fordern von der Europäischen Zentralbank, zur Krisenabwehr Geld zu drucken. Ob es zur großen Inflation kommt – eine FORMAT-Analyse.

Es war eine seiner letzten Wortmeldungen als Spaniens Ministerpräsident, und sie war deutlich. „Jetzt bedarf es einer Europäischen Zentralbank, die ihrem Namen gerecht wird und die gemeinsame Währung verteidigt“, sagte José Zapatero wenige Tage, bevor seine Partei vergangenen Sonntag die Wahlen verlor.

Seine Forderung: Die EZB sollte sich mit noch mehr spanischen Staatsanleihen eindecken. Rückendeckung kam vor allem von angloamerikanischen Ökonomen. „Am Ende wird die EZB in den Abgrund blicken und sagen: Vergessen wir alle Regeln, wir müssen die Anleihen kaufen“, rief etwa der US-Ökonom Paul Krugman zum Ungehorsam auf. Nur so könne Europa den Märkten signalisieren, dass es bereit sei, den Euro zu retten, komme, was wolle.

Im Klartext hieß das: Die EZB soll die Gelddruckmaschine anwerfen. Und spätestens da schrillten in Kerneuropa, vor allem in Deutschland, die Alarmglocken. Erstens, so argumentierten die Gegner des Vorschlags, würde die EZB dadurch ihre Rolle als glaubwürdige unabhängige Währungshüterin in Gefahr bringen. Dass sie die Mitglieder der Eurostaaten zu jedem Preis erhält, war bisher nicht ausgemacht, und die EZB lehnt das nach wie vor entschieden ab. Zweitens aber hatte mit der Ankündigung, mehr Euroscheine zu drucken, sofort ein alteingesessener Reflex eingesetzt: die Angst vor Inflation. Die Angst, dass das Geld immer weniger wert wird.

Tatsächlich: In den vergangenen Monaten ist die Inflationsrate der Eurostaaten beständig nach oben geklettert; schon jetzt stöhnen viele Österreicher bei jedem Einkauf. Und das soll noch schlimmer werden? Weil wir die Griechen, Italiener und Spanien retten müssen?

Der Horror der 20er-Jahre

Der gängige Einwand gegen das Anwerfen der Notenpresse lautet nämlich, dass dadurch die Geldmenge ausgedehnt wird, also mehr Geld zur Verfügung steht und die Bereitschaft zunimmt, mehr zu bezahlen – wodurch die Preise steigen. Ein ökonomisch richtiger Zusammenhang, der gerade in Deutschland und Österreich tief ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben ist. Die Schicksalsgeschichten von Menschen, deren Geld durch die Hyperinflationen der 1920er-Jahre oft über Nacht vernichtet wurde, gibt es in fast jeder Familie.

Damals hatten die schwer mit Kriegsschulden beladenen Staaten die Notenpressen angeworfen, und irgendwann kamen sie mit dem Gelddrucken gar nicht mehr nach. „Von solchen Szenarien ist man momentan aber meilenweit entfernt“, versichert Wolfgang Schwarzbauer, Wirtschaftsforscher am Institut für Höhere Studien (IHS). Heute gibt es keine kriegszerstörte Wirtschaft, die der Staat mit frischem Geld ankurbeln muss, und die Notenbanken agieren unabhängig. Der Euro ist vergleichsweise fest, und die Volkswirtschaften sind mittlerweile so eng miteinander verflochten, dass die Nachfrage das Angebot kaum je so stark übertreffen kann, dass dadurch Hyperinflation entsteht.

Schwache Inflationsindikatoren

„Ich wundere mich, woher die Angst kommt, denn ökonomisch ist sie nicht zu begründen“, beruhigt Peter Mooslechner, Chefökonom der Oesterreichischen Nationalbank. Das zeigt schon allein die Geldmenge. „Entgegen der allgemeinen Meinung sehen wir derzeit die schwächste Geldmengen-Entwicklung der letzten Jahre“, so Mooslechner. Trotz der Anleihenkäufe der EZB. Denn immer wenn die Zentralbank Staatsanleihen am Sekundärmarkt, also bei den Banken, kauft, entzieht sie ihnen über andere Geschäfte Liquidität – in genau derselben Höhe. Dadurch werden die Ausgaben „neutralisiert“, und es kommt nicht mehr Geld in Umlauf, als es ohnehin schon gibt.

Selbst wenn die Zentralbank Staatsanleihen kaufen sollte, ohne sie zu neutralisieren, würde sich die Geldmenge nur langsam erhöhen. „Bisher hat die EZB Krisenpapiere für 187 Milliarden Euro angehäuft, die Geldmenge liegt bei knapp 10.000 Milliarden Euro“, sagt Stefan Bruckbauer, Ökonom bei der UniCredit. „Um hier eine Wirkung zu haben, müsste sie mindestens 2.000 bis 3.000 Milliarden Euro für weitere Anleihen ausgeben.“ Und das gilt selbst in der aktuellen Krisenlage als unwahrscheinlich.

Dabei wäre laut Bruckbauer, der momentan die Wahrscheinlichkeit einer Deflation für wesentlich höher einschätzt, ein wenig Inflation gar nicht schlecht. Durch bessere Lohnerwartungen würde sie den Konsum antreiben. Auch den Lenkern von Schuldenstaaten wird nachgesagt, dass sie steigende Preise eher begrüßen: So wie die Inflation das Ersparte schmelzen lässt, kann sie das auch mit den Schulden tun – nur ist diese Rechnung etwas kurzsichtig. Erstens müssen sich Staaten heute in relativ kurzen Abständen refinanzieren, wodurch die höheren Zinssätze, zu denen die Inflation führt, schnell zum Tragen kommen. Zweitens macht die Inflation auch vor Budgetposten des Staates nicht Halt, denn Löhne und Pensionen werden nach oben angepasst. Aber: Momentan sieht es ohnehin nicht danach aus.

Eben erst hat die EU-Kommission die Konjunkturaussichten für das kommende Jahr zurückgenommen. Mit größerer Konsumnachfrage und steigenden Löhnen ist also nicht zu rechnen. Wenn die Wirtschaft langsamer wächst, braucht sie außerdem weniger Rohstoffe. Die Preise für Öl- und andere Energieprodukte werden – wenn auch etwas zeitversetzt – sinken. Die Erhöhung von Parkgebühren und anderen Abgaben fallen da, obwohl es sich im Alltag anders anfühlt, wenig ins Gewicht. „Sie können ein bis zwei Zehntelpunkte zur Inflation beitragen“, prognostiziert OeNB-Ökonom Peter Mooslechner. Aufgrund dieser Entwicklungen liegen die Inflationsprognosen für die Eurozone 2012 bei rund zwei Prozent, jenem Wert, den auch die EZB als Ziel der Geldwertstabilität verfolgt.

Versteckte Gefahren

Auch wenn die Gefahr nicht akut ist – längerfristig kann sich das Krisenprogramm der EZB dennoch als Inflationstreiber auswirken. Momentan unterstützt sie mit ihren Programmen die Banken, um die kurzfristige Finanzierung sicherzustellen, die sich die Institute nicht über andere Banken holen können. Vereinfacht gesagt zirkuliert dieses Geld unter den klammen Banken, die es nicht als Kredite an die Wirtschaft oder an Haushalte weitergeben.

„Die EZB muss schnell erkennen, wenn die Liquidität wieder zu den Haushalten fließt“, warnt Mooslechner. Und das könnte der Fall sein, sobald sich die Wirtschaft wieder erholt und die Kreditnachfrage steigt. Die EZB würde dann sofort Liquidität aus den Banken abziehen. Eine Maßnahme, die momentan kaum denkbar ist.

– Martina Bachler

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