Angriff auf die Telekom

Der Wiener Investor Ronny Pecik bereitet gemeinsam mit Partnern aus Ägypten den Einstieg beim angeschlagenen österreichischen Telekom-Konzern vor.

Am 9. September 2011 tauchten in Nachrichtenagenturen erste vage Meldungen auf, dass sich eine Investorengruppe für den Einstieg in die Telekom-Austria-Gruppe aufrüstet. FORMAT, das bereits intensiv an der Story recherchiert hatte, lüftete daraufhin in seiner Online-Ausgabe das Geheimnis, wonach der Wiener Investor Ronny Pecik hinter den Aktivitäten steckt.

Mitten in den aufreibenden und heiklen Verhandlungen um sein Engagement bei der Telekom Austria (TA) wurde der 49-Jährige danach von zahlreichen Medien bombardiert, die sich neugierig nach den Details zu dem spektakulären Deal erkundigten. Pecik ging auf Tauchstation und jagte ein knappes Dementi („Die Meldung stimmt nicht“) hinaus. Zu früh kamen die vielen lästigen Fragen, denn er wollte nicht vor Ende September mit der Sache an die Öffentlichkeit gehen. Dann, wenn endgültig alles unter Dach und Fach ist.

Dabei sind die Pläne des Finanzjongleurs weit gediehen und dürften auch kaum mehr zu durchkreuzen sein, auch wenn – etwa vonseiten des TA-Betriebsrates – der Widerstand gegen „Spekulanten“ als neue Großaktionäre wächst. Wie FORMAT in Erfahrung brachte, hat sich der kroatisch-stämmige Investor bereits rund 15 Prozent – über Optionen – an der Telekom Austria gesichert. Ziel von Pecik und seinen Partnern, darunter der ägyptische Milliardär und Ex-Orascom-Chef Naguib Sawiris, sind mindestens 20 Prozent des durch Kursmanipulationen und dubiose Beraterhonorare in Verruf geratenen österreichischen Konzerns.

Kauf in Etappen

Schon seit Mai verhandelt Pecik für sich und drei weitere Investoren mit Kapitalanlagegesellschaften und Versicherungen um Aktienpakete der Telekom. Mindestens ein großes Paket hat er sich bereits gesichert: das des amerikanischen Investmentfonds „Capital Research and Management Company“, der seinen Anteil seit dem 21. Juni 2011 in zwei Schritten von 15,13 Prozent auf nunmehr 4,99 Prozent reduziert hat. Dem Vernehmen nach wollen sich die Kalifornier von ihren verbliebenen TA-Aktien ebenfalls trennen und sie an Pecik und seine Gruppe abtreten. Im Schnitt hat Pecik bei einem Preis von 8,50 Euro je Aktie zugeschlagen – bislang wurde demnach ein Volumen von etwa 565 Millionen Euro bewegt.

Doch den Investoren steht bedeutend mehr Geld für den Telekom-Deal zur Verfügung. Bei einer Schweizer Bank haben sie eine Kreditlinie in Höhe von rund einer Milliarde Euro laufen, gut die Hälfte davon wurde an Eigenkapital eingebracht. Der Großteil des Geldes stamme, berichten gut informierte Kreise, aus Ägypten, allen voran vom Unternehmer Naguib Sawiris.

Pecik ist jetzt der Frontman. Doch wenn die potenten Geldgeber aus Ägypten ihr Ziel erreichen, so wird gemunkelt, könnte er sich bald wieder aus dem Geschäft zurückziehen. Ähnlich ging der gelernte Starkstromtechniker und spätere Investmentbanker auch 2003 vor, als er sich gemeinsam mit Mirko Kovats am Anlagebaukonzern VA Tech beteiligte und 20 Prozent der Aktien übernahm. Ihre Anteile am halbstaatlichen Konzern verkauften sie rasch und mit 40 Millionen Euro Gewinn pro Mann an Siemens weiter. Auch bei seinen Einstiegen in die Schweizer Industriekonzerne Oerlikon und Sulzer „überrumpelte“ der Geschäftsmann geschickt andere Eigentümer und das Management.

Bei der Telekom werden mindestens 20 Prozent angestrebt. Wenn die Sache glatt läuft, will man weiter aufstocken. Dabei gehen Pecik und Co clever vor: Sie haben durch Optionen bei Schweizer Banken ihre Hand auf den Aktienpaketen. Auf diese Weise gewinnen sie Zeit, denn nach österreichischem Gesetz sind Aktionäre verpflichtet, der Wiener Börse, der Finanzmarktaufsicht (FMA) sowie dem betroffenen Unternehmen innerhalb von zwei Handelstagen zu melden, wenn der Aktienanteil die Fünfprozentmarke übersteigt. Daher weiß auch die Telekom offiziell noch nichts von den Aktivitäten des Konsortiums.

Intern bestätigt man aber auch in der TA bereits die Richtigkeit der FORMAT-Recherchen und bereitet sich auf alle Eventualitäten vor. Es machen sogar schon Verschwörungstheorien die Runde, wonach die Angriffe gegen das Unternehmen im Zuge der Telekom-Affäre womöglich schon das Ziel hatten, das Unternehmen zu schwächen – und so eine Übernahme zu erleichtern.

Der TA-Haupteigentümer ÖIAG (hält 28,42 Prozent) spielt ebenfalls bereits die möglichen Szenarien durch, je nachdem, ob es sich um einen reinen Finanzinvestor handelt oder ob auch strategische Investoren an Bord sind, die in der TA mitreden wollen. In jedem Fall betont die Staatsholding, Kernaktionär der Telekom zu bleiben (siehe Substory ).

Pecik und seine Partner wollen weitere Pakete erwerben und gehen dabei pragmatisch vor: Sie rufen die größten TA-Aktionäre ganz einfach durch. Auf Peciks Liste stehen laut FORMAT-Informationen die Zürcher UBS AG, die rund vier Prozent hält, sowie die beiden US-Finanzinvestoren Franklin Resources Inc. und Dodge & Cox, die 2,46 Prozent bzw. 2,1 Prozent am börsennotierten Unternehmen halten.

Der Zeitpunkt für einen Einstieg ist günstig. Im Moment kosten TA-Aktien an manchen Tagen nicht einmal mehr sieben Euro. So billig waren sie seit zehn Jahren nicht mehr. Selbst eine im Verhältnis zum Kurs großzügige Dividende von mindestens 76 Cent für die Jahre 2011 und 2012 lockt nur mehr wenige Anleger. Der Börsenwert ist auf rund drei Milliarden Euro gefallen.

Was macht Boris Nemsic?

Für Spekulationen sorgt auch Ex-TA-Chef Boris Nemsic. Er dementiert zwar, bei dem Deal unmittelbar irgendeine Rolle zu spielen. Dass ihn die Investoren fragen, ihre Interessen bei der Telekom zu vertreten, ist aber durchaus denkbar. Pecik und Nemsic wurden erst in der Vorwoche gemeinsam bei der Wiener Alizee-Bank gesehen.

Die Treffen zwischen Naguib Sawiris und Pecik sollen hingegen nicht auf österreichischem Boden stattgefunden haben. Der Ägypter will im Hintergrund bleiben. Erst im Vorjahr hat der zweitreichste Mann Afrikas (der reichste ist sein Vater) einen 6,5-Milliarden-Dollar-Deal mit der russischen Vimpelcom durchgezogen, der auf russischer Seite von Boris Nemsic verhandelt wurde. Vimpelcom übernahm 51 Prozent der Orascom Telecom von Sawiris, dieser erhielt im Gegenzug 20 Prozent am russischen Betreiber und 1,5 Mrd. Dollar in Cash. Dem Kunstsammler blieben zudem Anteile am ägyptischen Mobilfunkanbieter Mobinil, einem nordkoreanischen GSM-Anbieter und diversen Festnetz-Companys. Er selbst stieg aus dem Management aus und gründete die radikal wirtschaftsliberale „Partei der Freien Ägypter“.

Manche trauen Sawiris sogar zu, dass er als Christ der neue Präsident im vorwiegend muslimischen Pharaonen-Land werden kann. „Klar liebe ich es, Geld zu machen“, sagte der Telekom-Tycoon in einem Interview mit „Time“-Magazine. „Aber ich mag, dass mein Geld und mein Erfolg mit meiner harten Arbeit, meinem Ruf, meiner Erziehung und meiner Familie verbunden werden.“ Eine Anfrage von FORMAT zu dem Deal wurde von Sawiris nicht beantwortet.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sawiris Interesse an der Telekom Austria zeigt: Schon 2008 machten Pläne von einem Einstieg des Ägypters die Runde. Inoffizielle Gespräche mit Vertretern der Regierung und der Staatsholding ÖIAG habe es damals bereits gegeben, hieß es. Die durchgesickerten Pläne wirkten sehr konkret: In Wien hätte die Zentrale einer fusionierten Gesellschaft aus TA und Orascom sein sollen, auch die Börsennotierung sollte beibehalten werden. Der damalige TA-Chef Nemsic war als Vorstandschef der Gruppe im Gespräch, Sawiris hätte der Vorsitzende des Aufsichtsrates werden sollen. Aber vor allem vonseiten der SPÖ kam heftiger Widerstand, die Sache verlief im Sand.

Aber das Interesse ist offenbar weiter vorhanden: An der österreichischen Gesellschaft gefällt dem 57-jährigen Sawiris, der fließend Deutsch spricht, vor allem das Osteuropa-Netz. Zudem gilt die Telekom Austria international auf Dauer als zu klein. Mit einem Partner könnte man in eine andere Liga aufsteigen. Denn derzeit liegt nicht nur der Aktienkurs am Boden. Auch wirtschaftlich ist die TA angeschlagen: Das Unternehmen mit 16.500 Mitarbeitern, das in acht Ländern aktiv ist, verbrennt vor allem in Weißrussland Geld. Im Halbjahr wurde ein Verlust von knapp 60 Millionen Euro bekannt. Wachstum durch Übernahmen ist wegen der leeren Kassen schwierig.

Und das Image ist seit dem Auffliegen des Skandals um Aktienoptionen und möglicher Korruptionstatbestände sowieso im Keller. Betriebsrat Walter Hotz macht sich große Sorgen, dass die Schwäche seines Unternehmens von Spekulanten wie Ronny Pecik ausgenutzt wird. Im Unternehmen und auch in Kreisen der Politik wird außerdem schon vorsorglich davor gewarnt, dass gerade Telekomunternehmen über eine Fülle sensibler Daten verfügen, die keinesfalls in die falschen Hände geraten dürfen.

Ronny Pecik schweigt zu alledem. Noch will er sich zum Deal nicht äußern und geht lieber auf Tauchstation.

– Silvia Jelincic, Miriam Koch

Kommentar
Peter Pelinka

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