Ärzte ohne Grenzen: Einsatz zwischen den Fronten

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen unterstützt das medizinische Personal in der Ukraine bei der Versorgung der zahllosen Menschen mit Kriegsverletzungen.

Thema: trend.med
Ärzte ohne Grenzen: Einsatz zwischen den Fronten

Mariupol. Die bombardierte Enbindungsklinik der Stadt am Asowschen Meer wurde zum Symbol für den russischen Angriffskrieg. Ärzte ohne Grenzen versucht, Verletzte aus den Kriegsgbieten in Spitäler der West­ukraine zu verteilen.

Eben ist wieder ein Fliegeralarm in Lwiw vorbei, und Maarten Bullens hat nach dem Aufenthalt im Luftschutzkeller ein paar Minuten Zeit für ein Interview. Dem Flamen ist der pure Stress dieser Tage ins Gesicht geschrieben. Seit 3. März koordiniert der ausgebildete Notfallkrankenpfleger die medizinische Hilfe von Ärzte ohne Grenzen in der Ukraine. Das bedeutet, 80 Leute in seinem Team quer durchs Land zu steuern, je nach Frontverlauf und Verletztenlage.

Und obwohl Bullens schon an zahlreichen Kriegsschauplätzen dieser Welt im Einsatz war, im Osten des Kongo, in der Zentralafrikanischen Republik, in Pakistan, im Jemen, im Gaza, in Afghanistan – gewöhnen könne man sich an solche ­Situationen nie, sagt er. Die Angst ist immer mit dabei, etwa wenn er sich auf die 15-stündige Zugreise nach Dnipro – nahe den großen Frontlinien – macht, um „seine Leute“ zu besuchen.

Die Emotionen sind ohnehin unter Dauerbeschuss: Als kurz nach seinem Einsatzbeginn eine mit ihrer Familie aus Kiew geflüchtete Kollegin aus seinem Team unter Tränen im Büro stand, war ihm wieder einmal klar, dass ihm auch dieser Konflikt tiefer unter die Haut gehen würde als geplant.

Und doch ist diesmal etwas anders als bei früheren Einsätzen. Die Ukraine ist kein Entwicklungsland, „sie hat ein gut entwickeltes Gesundheitssystem mit soliden Versorgungsstrukturen“, befundet der 36-Jährige. Das gilt nicht nur für die Hardware wie Gebäude und Notfallräumlichkeiten: In den Krankenhäusern gebe es verfügbares, qualifiziertes und hoch motiviertes Personal, auch an Chirurgen mangle es nicht: „Viele übernachten in den Kliniken“, erzählt Bullens. Viele sehen das als ihren Beitrag zur Verteidigung des Landes.

Selbsthilfe. Der Fokus der 1971 als Médecins Sans Frontières (MSF) gegründeten Organisation liegt deshalb stark auf Hilfe zur Selbsthilfe, etwa in Form von Trainings für den Massenzustrom von Verletzten: Die Ukraine hat quasi über Nacht in den Kriegsmodus geschaltet, und plötzlich gab es Hundertschaften von Verletzten zu versorgen – mit in Friedenszeiten extrem seltenen Arten von Verletzungen und Verbrennungen durch Schüsse, Granat­splitter, Bomben oder die Explosion von Minen.

Einsatzgebiete. Notfall-Know-how in Zeiten des Krieges: Der Ärzte-ohne-Grenzen-Gefäßchirurg Martial Ledecq im OP eines Kiewer Krankenhauses.

Durch ihre weltweite, jahrzehntelange Erfahrung kann die Organisation etwa ­ einen kriegserprobten Gefäßchirurgen bereitstellen. Das Überleben zu sichern, hat in der Kriegschirurgie absolute Priorität, in der Fachsprache Damage Control Surgery. Danach geht es um die Feinjustierung und das Weiterlotsen zu Spezialisten. Notfallpläne für Triage – in der Corona-Pandemie das Unwort der ersten Monate – sind nun auf der Tagesordnung.

Dass die ukrainischen Chirurgen und das Krankenhauspersonal mit dieser schlagartig veränderten Arbeitslage – auch psychisch – zurechtkommen können, ist also die Hauptmission, mit der Bullens’ Team beschäftigt ist. Insgesamt sind fünf MSF-Einsatzteams mit aktuell rund 200 Mitarbeitern – die Zahl wurde zuletzt laufend aufgestockt – im Einsatz, von der Medikamentenlogistik bis zur Flüchtlingsbetreuung. Mit Stand Anfang April sind auch vier Österreicher in den verschiedensten Einsatzbereichen mit an Bord.

der Medical Train zum Transport von Patienten von Saporischja nach Lwiw.

Sieben Spitäler hat Bullens permanent unter seiner Obhut. In Kiew wurde das Kinderspital Okhmatdyt zu einem Krankenhaus mit Trauma-Schwerpunkt umgemodelt. Die östlichste der Kliniken auf dem Radar von MSF ist jene von Dnipro, dem früheren Dnjepropetrowsk. Dann und wann gelingt es Einsatzkräften, nach Saporischja durchzukommen. Dort kommen auch die vielen Traumatisierten aus den schwerst getroffenen Städten wie Charkiw oder Mariupol an, dessen bombardierte Entbindungsklinik zum Symbol eines rücksichtslosen Angriffskriegs wurde.

Sukzessive werden die Verwundeten dann nach Möglichkeit in den Westen des Landes gebracht, am 1. April erstmals mit einem speziellen Bahntransport, für den MSF mit der Ukrainischen Bahn ­ einen eigenen Zug entwickelt hat.

Kann man in so einem Konflikt, der mit Russland einen klaren Aggressor kennt, neutral und unparteiisch bleiben? „Wir sind dazu verpflichtet“, sagt Bullens. Im Fokus stehen stets Zivilisten, „aber sobald ein Soldat verwundet ist, gilt er nach der Genfer Konvention als Zivilist“, klärt er auf – das gilt natürlich für Ukrainer ebenso wie für Russen. Wie genau diese Äquidistanz funktioniert, was in Feldlazaretten passiert, wie hoch die Zahl der Verletzten auf beiden Seiten insgesamt ist – das alles bleibt jedoch auch auf Nachfrage offen.

Die Betreuung von Geflüchteten in Palanca (Moldava).

Klar ist, dass etwa die Geflüchteten beider Seiten die Services der Hilfsorganisation in Anspruch nehmen können, etwa in mobilen Kliniken in Trucks. Sie befinden sich sowohl an der ungarisch-ukrainischen Grenze als auch in Russland, wohin ebenfalls bereits über 350.000 Menschen vor dem Krieg geflüchtet sind.

Nebenher managt Bullens auch noch die Versorgung mit Medikamenten aus den diversen Zentrallagern. „Im ganzen Land gibt es derzeit kein L-Thorixin“, verweist er auf ein fehlendes Schilddrüsenmedikament. Aber auch Insulin und Medikamente gegen chronische Krankheiten wie Bluthochdruck oder Asthma beginnen knapp zu werden.

Einsatz mit Grenzen. Am Anfang war die Situation deshalb so herausfordernd, weil alles zeitgleich passierte: Hunderttausende auf der Flucht, massenhaft Traumatisierte, die Sorge um die eigene Familie, völlige Ungewissheit, was am nächsten Tag passieren wird. In Friedenszeiten aufgebaute Programme wie etwa die Betreuung HIV-Infizierter in Severodonezk mussten unterbrochen, das MSF-Personal in sicherere Gegenden ­abgezogen werden.

Je länger der Konflikt dauert, desto stärker ändert sich das Aufgabenprofil. „Wir haben jetzt einen besseren Überblick über das Geschehen“, sagt Bullens. Patienten mit chronischen Krankheiten wie Diabetes, Hypertonie oder Epilepsie rücken nun wieder stärker in den Fokus.

Extremeinsatz. „Viele übernachten in den Kliniken“, sagt MSF-Mann Maarten Bullens über das ukrainische Personal.

Was all das kostet, darf einen medizinischen Koordinator zwischen den Fronten natürlich nicht im Kopf herumgehen. Laut internen Schätzungen belaufen sich die Aufwendungen eines Einsatzes in dieser Größe und dieser Natur grob auf fünf Millionen Dollar im Monat. Finanziert wird die Arbeit ausschließlich mit privaten Spendengeldern.

MSF verfügt über einen sogenannten Notfallfonds, auf den im Falle von Noteinsätzen beziehungsweise Katastrophen zugegriffen werden kann. Daher werden keine zweckgewidmeten Spenden etwa nur für die Ukraine gesammelt, sondern eben allgemein für Katastrophen und Notfälle.

Maarten Bullens’ Einsatz wird voraussichtlich bis Mitte April dauern, unabhängig davon, ob es zu diesem Zeitpunkt schon den ersehnten Waffenstillstand oder gar die Aussicht auf Frieden gibt.

Dann wird er von der Einsatzzentrale in Brüssel aus das Ukraine-Team unterstützen. Denn selbst bei Ärzte ohne Grenzen haben die persönlichen Ressourcen Limits. Um nicht aufgerieben zu werden, braucht es deshalb klare Festlegungen, wie lange man etwas machen kann. Bullens: „Zum Glück sprechen wir da immer sehr offen darüber.“

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