Ägypten: Die Angst vor einem Flächenbrand und die Folgen für die Weltwirtschaft

Die Revolution in Ägypten könnte sich zum Flächenbrand im arabischen Raum entwickeln – mit enormen Auswirkungen auf den Ölpreis und die Investitionsfreude in der Boom-Region Mittlerer Osten.

Nach den Massendemonstrationen der vergangenen Woche in Ägypten steht eines fest: Die Tage von Präsident Husni Mubarak, der das Land seit 30 Jahren mit harter Hand regiert hatte, sind gezählt. Die Protestbewegung hat alle Schichten der ägyptischen Gesellschaft erfasst, und sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie ein gemeinsames Ziel hat: ein rasches Ende der Ära Mubarak. Offen bleibt aber noch, wie der politische Wandel vollzogen wird und welche Auswirkungen der auf die gesamte arabische Welt haben wird. Schließlich galt Ägypten unter Mubarak in den vergangenen drei Jahrzehnten als stabiler politischer Anker für den Westen in einer der strategisch wichtigsten Regionen der Welt.

Das Ende der Herrschaft Mubaraks wirft daher eine Reihe von politisch und wirtschaftlich entscheidenden Fragen für Nordafrika und den gesamten Mittleren Osten auf: Fegt nun ein Flächenbrand von Volksrevolutionen auch andere bisher stabile Unrechtsregime aus dem Amt? Welche Auswirkungen haben die Unruhen in Ägypten und der arabischen Welt auf den Ölpreis und damit auf die Weltwirtschaft? Und ziehen nun ausländische Unternehmen aus Sorge um die politische Stabilität ihre Investitionen aus der Region zurück?

Die jüngsten Entwicklungen in Tunesien und jetzt in Ägypten haben ihren Ausgangspunkt in einer teuflischen Mischung aus hoher Arbeitslosigkeit der vorwiegend jungen Bevölkerung und zugleich galoppierenden Inflationsraten und damit rasant steigenden Lebensmittelpreisen. Diese Kombination hat nun die verzweifelten Massen auf die Straßen getrieben und Präsident Ben Ali in Tunesien aus dem Amt verjagt – und demnächst wird wohl mit Mubarak dasselbe passieren.

Im Unterschied zu Tunesien aber, sagt der Brite Bill Farren-Price, ein strategischer Berater für den Mittleren Osten, wird das Militär in Ägypten für einen geordneten politischen Wandel sorgen. Womit die Hoffnung besteht, dass sich die langsame wirtschaftliche Öffnung des Landes am Nil fortsetzen wird, so Farren-Price. Davon geht auch Naguib Sawiris, Chef des größten Telekomunternehmens im Mittleren Osten und Afrika, aus: „Ich glaube an eine positive Zukunft für Ägypten. Demokratie ist die beste Versicherung für Investitionen.“ Die Familie Sawiris gilt mit einem geschätzten Vermögen von 20 Milliarden Dollar als die reichste Ägyptens. Entsprechendes Gewicht haben diese Worte daher auch in der arabischen Welt.

Der gefährliche Cocktail aus Massenarbeitslosigkeit und hoher Inflation bedroht aber tatsächlich auch andere Staaten in der Region: Algerien, der Jemen, Jordanien, aber auch Syrien haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Besonders schlimm ist die Jugendarbeitslosigkeit: Nahezu die Hälfte der Algerier zwischen 15 und 24 Jahren sind ohne Arbeit, nur wenig niedriger sind die Quoten in den anderen Staaten Nordafrikas.

Unternehmen, die mit Jobs und Investitionen die wirtschaftliche Entwicklung ankurbeln, sind deshalb überlebenswichtig für die Region. In den vergangenen Jahren ließen sie sich von den günstigen Bedingungen auch gerne locken: Die Nähe zu Europa, die gut ausgebildeten und günstigen Arbeitskräfte, die Steueranreize für Ansiedelungen und das Fehlen des Joint-Venture-Zwangs wie in China oder Indien sorgten dafür, dass sich die dortigen Direktinvestitionen seit der Jahrtausendwende versechsfachten.

Ob große Autobauer wie Daimler, BMW oder Nissan, Zulieferer wie Leoni, Chemieriesen wie BASF oder Konsumartikler und Banken: Nordafrika galt als eine der Hoffnungsregionen unter den Emerging Markets. Nun stehen die Bänder still, Bankfilialen wurden geschlossen, Mitarbeiter großteils in ihre Heimatländer ausgeflogen. „Die Handelsbeziehungen liegen auf Eis“, sagt Mouddar Khouja, Generalsekretär der Österreichisch-Arabischen Handelskammer. Khouja, der selbst aus Syrien stammt, hofft allerdings, dass die aktuelle Situation keine längerfristigen Auswirkungen hat: „Wenn Ruhe einkehrt, kommen auch die Investoren wieder zurück.“

Kurse fallen, Ölpreise steigen

Neben der Realwirtschaft betreffen die Unruhen und die Gefahr des Flächenbrands aber auch die Finanzinvestoren. Die Börse Kairo ist nach einem Kurssturz seit Donnerstag der Vorwoche geschlossen, auch andere Kursbarometer sackten ordentlich ab. Der tunesische Leitindex verlor in den vergangenen drei Wochen gut 15 Prozent. In Dubai fiel die Börse auf einen Sechs-Monats-Tiefstand. Selbst Länder wie Katar, Abu Dhabi und Saudi-Arabien befinden sich auf Talfahrt. Die Unsicherheit ist zurück – eine Situation, die mittelfristig auch die anderen globalen Schwellenlandmärkte betreffen könnte.

Aufwärts geht es dafür mit den Ölpreisen. Das Nordseeöl Brent – Gradmesser für die Branche – hat sich bei über 100 Dollar pro Fass eingependelt, trotz der weltweit hohen Lagerstände und der Versicherung des OPEC-Generalsekretärs Abdalla El-Badri, im Falle eines Engpasses die Ölproduktion hinaufzuschrauben. Es halten sich die Sorgen, die Unruhen in Ägypten könnten auf Suezkanal und Sumed-Pipeline übergreifen, zwei Transportwege, auf denen immerhin vier Millionen Fass oder fünf Prozent der weltweiten Fördermenge durchs Land geschleust werden.

Wäre dieser Weg blockiert, müssten Schiffe einen Umweg von 9.000 Kilometern in Kauf nehmen, mit Mehrkosten, die den Ölpreis weiter in die Höhe treiben. Noch jedoch sind beide Kanäle offen, die jährlichen Gebühreneinnahmen von fünf Milliarden Dollar allein für den Suezkanal sowie das bisher umsichtige Verhalten des ägyptischen Militärs sprechen auch dafür, dass das erst einmal so bleibt. Denn ob Mubarak noch an der Macht bleibt oder es eine Übergangsregierung unter eventueller Beteiligung des Militärs gibt, auf diese Einnahmen wird keine künftige Führung des Nillandes verzichten wollen. Konsequenzen für die globale Ökonomie hat jedoch auch schon der bisherige Anstieg, kostet doch jedes Ölpreis-Plus von zehn Prozent die Weltwirtschaft ein Viertelprozent Wachstum.

Wirklich brenzlig würde die Öl-Frage erst, wenn die Unruhen auf die Golfstaaten, vor allem aber auf Saudi-Arabien übergreifen. Eine Extremsituation, die von Experten äußerst unterschiedlich bewertet wird. Während etwa John Drake vom Risikobewerter AKE davon ausgeht, dass „die Saudis früher oder später vor einer Krise stehen“, halten das österreichische Beobachter in Riad, Damaskus und Dubai für äußerst unwahrscheinlich. Zu autoritär regiert das saudische Königshaus Al-Saud das Land, eine politische Opposition existiert ohnedies nicht, und durch den Ölreichtum des Landes können auch Hungerrevolten wie in Tunesien leicht verhindert werden.

Ähnlich ist die Situation in den kleinen Ölstaaten am Persischen Golf. Laut der Investmentbank Merrill Lynch werden auch Bahrain, Katar, Abu Dhabi, Dubai und Kuwait heuer um durchschnittlich fünf Prozent wachsen. Sorgen um politische Umstürze in den Kleinstaaten am Golf macht man sich auf den Finanzmärkten keine – im Gegenteil. Spekuliert wird, ob Vermögen aus Ägypten, Jordanien oder Algerien nicht in die sichere Golfregion transferiert werden könnte. Bill O’Neill, Chief Investment Officer bei Merrill Lynch für den Mittleren Osten und Afrika, hält für die kommenden Jahre ein robustes Wachstum am Golf für sicher: Dafür stünden nationale Projekte wie Abu Dhabis „Economic Vision 2030“ und die Fußball-WM 2022 in Katar.

– Arndt Müller, Markus Pühringer

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