Ölpreisentwicklung: den Kriegsnebel durchschauen

Der Ölpreisanstieg ist für die Weltwirtschaft weniger dramatisch als dargestellt. Anleger sollten sich dadurch nicht irritieren lassen.

Ken Fisher

Ken Fisher ist einer der erfolgreichsten Investmentberater der USA und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen.

Wie hoch werden sie noch steigen? Rekord-Ölpreise haben schmerzliche Auswirkungen. Die Überlegungen in der EU zu einem Verbot fossiler Brennstoffe aus Russland schüren die Angst vor einem europaweiten Bärenmarkt und einer Rezession. Die extrem hohen Energiepreise tun weh. Aber ihre ökonomischen Auswirkungen müssen differenziert betrachtet werden. Die Russland-Sanktionen sind vor allem symbolisch. Es ist unwahrscheinlich, dass Europa dem folgt. Hinzu kommt, dass hohe Energiepreise den Verbrauch zumeist nur verlagern, aber nicht zunichte machen.

Ja, Russland ist eine Ölmacht. Die Öl-Exporte machen etwa zehn Prozent des weltweiten Ölverbrauchs aus. Ja, für die EU besteht Risiko - Russland liefert EU-weit 27 Prozent des Rohöls und 41 Prozent des Erdgases, in Österreich ist die Abhängigkeit von russischem Gas sogar doppelt so hoch. Die EU-Politik weiß das. Deshalb vermeiden Bundeskanzler Karl Nehammer und andere die Diskussion über ein komplettes Embargo.

Wird Russland die Lieferungen einstellen? Unwahrscheinlich. Energie macht 62 Prozent der russischen EU-Exporte aus. Voraussichtlich lässt Putin seine Abnehmer in Rubel zahlen. Aber ein Exportstopp würde Russlands eigenen Haushalt gefährden.

Symbolische Sanktionen

Die Sanktionen der USA und Großbritanniens haben mehr symbolische als wirtschaftliche Schlagkraft. Die USA sind Nettoexporteur von Erdölprodukten, kein Importeur. Großbritannien bezieht acht Prozent des Öls und vier Prozent des Erdgases aus Russland - wenig genug, um ersetzbar zu sein.


Die Teuerung bei Öl hilft auch der erneuerbaren Energie.

Hilfe für Europa naht: Eine Flotte mit US-Flüssiggas (LNG) ist auf dem Weg. Der neue LNG-Deal zwischen Europa und den USA bedeutet, dass noch mehr folgen wird. Auch amerikanisches Öl wird helfen. Die US-Ölproduktion stieg seit dem Tief 2020 um 1,3 Mio. Barrel pro Tag. Für 2022 geht man von steigenden Fördermengen aus, mit einem Rekordniveau in 2023. Die inflationsbereinigten Investitionen in Bergbau-und Ölbohranlagen in den USA stiegen von Q3 2020 bis Q4 2021 um 57,7 Prozent. Die hohen Preise werden -schneller, als Zyniker behaupten - die US-Energiefirmen dazu verleiten, den Ausfall Russlands aufzuholen.

Boykotte aus dem privaten Sektor? Die sind wie eine strikte Diät - und halten wohl nicht lange an.

Das russische Ural-Öl wird für etwa 30 US-Dollar pro Barrel unter Brent gehandelt - eine verführerische Arbitragemöglichkeit für den Weiterverkauf. Indien und China kaufen groß ein. Andere werden das ebenfalls tun, wenn die Realität auf dem Schwarzmarkt die Zurückhaltung beendet.

Überbewertete Auswirkungen

Die Auswirkungen des Ölpreises werden überbewertet. Von Q1 bis Q3 2014 überstiegen die Brent-Preise häufig 100 US Dollar pro Barrel. Die Verbraucherausgaben in der EU sind gestiegen - und Öl- und Gaskosten sind immer noch Ausgaben! Preisschwankungen verteilen die Euros nur auf andere Bereiche.

Höhere Ölpreise fördern Investitionen. Schauen wir auf den Energieboom 2010 in den USA: Im Zeitraum zwischen Q1 2011 und Q3 2014 stiegen die Investitionen in Bergbau und Ölförderung um 47 Prozent - verglichen mit 30 Prozent abseits des Energiesektors. Als die Ölpreise fielen, gingen die Investitionen zurück. Die Teuerung bei Öl hilft auch der erneuerbaren Energie, da ihre kostspieligere Gewinnung relativ gesehen attraktiver wird.

Hohe Ölpreise sind für manche Unternehmen nicht gut, zerstören aber nicht unbedingt den Gewinn. Von 2011 bis 2014 stiegen die Gewinne globaler Unternehmen um 18,2 Prozent, bei Ölpreisen von oft über 100 US Dollar. Die weltweiten Aktien kletterten um 61,2 Prozent. Während 2015 der Preis für Brent um 33,8 Prozent zurückging, fielen die Gewinne um acht Prozent.

Hohe Ölpreise sorgen nicht automatisch für rückläufige Märkte. 2008 kletterten zwar die Ölpreise, aber Zufall ist nicht gleich Ursache. Das finanzielle Schlamassel wurde nicht durch Öl verursacht. Dasselbe gilt für die Schuldenkrise 2010 - teures Öl hat den mehrjährigen Höhenflug der Eurozone-Aktien nach dem Tiefstand von 2011 nicht gestoppt.

Höhere Energiepreise sind für viele schmerzhaft, das verstehe ich. Aber für die Märkte ist die globale Wirtschaft als Ganzes relevant - die wirtschaftliche Bedeutung von Öl wird überschätzt. Die Furcht vor einem falschen Faktor kann in die falsche Richtung führen. Lassen Sie sich durch steigende Preise nicht von Aktien abschrecken.


Der Gastbeitrag von Ken Fisher ist der trend. PREMIUM Ausgabe vom 15. Aprol 2022 entnommen.

Gewährleistung und Produkthaftung: Wozu Unternehmen verpflichtet sind

Welche Rechte Konsumenten bei schadhaften Produkte und Werken haben, …

Fahrräder und E-Bikes steuerfrei: bis zu 40 Prozent sparen

Unternehmen können ihren Mitarbeitern steuerlich begünstigt …

Andreas Wimmer, Vorstand C-Quadrat

Immobilienfinanzierung: Endgültiger Abschied vom Eigenheim

Die angekündigte Verschärfung der Vergabekriterien für Immobilienkredite …

Familienbonus Plus: Bis zu 2.000 Euro pro Kind vom Staat

Familienbonus Plus: Bis zu 2.000 Euro pro Kind vom Staat

Ab 1. Juli 2022 erhöht sich der Familienbonus Plus in Österreich für …