wiiw-Ökonom Grieveson: Bosnien bräuchte einen Marshall-Plan

Wien (APA) - Bosniens Wirtschaft kommt seit Jahren nicht vom Fleck, es gibt kaum Arbeit und fast ein Drittel der Bevölkerung hat das Land verlassen - ein EU-Beitritt des Landes liegt in weiter Ferne, sagt der Bosnien-Experte Richard Grieveson vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). "Was Bosnien und die anderen Westbalkan-Länder bräuchten ist eine Art Marshall-Plan", meint Grieveson.

"Wenn man den Zeitraum seit 2010 betrachtet, gehört Bosnien-Herzegowina in der Region Zentral-, Ost- und Südosteuropa zu den Ländern mit dem geringsten Wirtschaftswachstum", sagt Grieveson im Gespräch mit der APA. "Das durchschnittliche Wachstum betrug 1,7 bis 1,8 Prozent." Nur ein paar andere Westbalkan-Länder wie Serbien sowie die GUS-Länder hätten sich schlechter entwickelt als Bosnien.

Der Konsum der privaten Haushalte sei gemessen am BIP geringer als 2008, ebenso die Importe, der öffentliche Konsum und die Investitionen. Nur der Export von Waren und Dienstleistungen sei gestiegen, von weniger als 30 Prozent des BIP im Jahr 2008 auf zuletzt rund 40 Prozent. "Die bosnische Wirtschaft ist heute offener als vor zehn Jahren und stärker abhängig von Entwicklungen im Ausland."

Bemerkenswert seit die dynamische Entwicklung des Tourismus, sagt Grieveson, "die Wachstumsrate beträgt mehr als 10 Prozent pro Jahr", wenn auch von einem vergleichsweise niedrigen Niveau ausgehend. "Wir sehen auch mehr ausländische Direktinvestitionen im Tourismussektor." Nach dem Arabischen Frühling seien mehr Touristen und mehr Tourismus-Investitionen aus arabischen Ländern ins Land gekommen. "Viele Touristen kommen natürlich aus Kroatien, Serbien, Italien oder Österreich, aber eben auch aus der Türkei und dem Nahen Osten."

Die wichtigsten Handelspartner Bosniens seien mit Abstand die Länder der Europäischen Union. "71 Prozent der bosnischen Exporte gehen in die EU-28, und auch zwei Drittel aller ausländischen Direktinvestitionen stammen aus der EU." Die wichtigsten einzelnen Export-Destinationen seien Deutschland (14 Prozent), Kroatien (12 Prozent), Italien (11 Prozent), Serbien (10 Prozent), Slowenien (9 Prozent) und Österreich (8 Prozent). Die Türkei folge erst mit einem Anteil von 4 Prozent an den bosnischen Ausfuhren.

Die wirtschaftliche Entwicklung des bosniakisch-kroatischen Landesteils Föderation Bosnien und Herzegowina unterscheide sich nicht wesentlich von jener der Republika Srpska, sagt der wiiw-Ökonom. "Die Föderation ist etwa zweimal so groß und hat eine ungefähr doppelt so große Wirtschaftsleistung. Ihre Wachstumsraten sind relativ ähnlich und beide sind stark von externen Faktoren abhängig."

Die Lage auf dem bosnischen Arbeitsmarkt sieht trist aus. "Die offizielle Arbeitslosigkeit beträgt ungefähr 40 Prozent und ist damit eine der höchsten, wenn nicht die höchste, in den vom wiiw beobachteten Ländern. Es gibt aber auch einen hohen Anteil an Schattenwirtschaft, die tatsächliche Arbeitslosenrate dürfte also eher bei 25 Prozent liegen", schätzt Grieveson.

Dabei sei bereits fast ein Drittel der bosnischen Bevölkerung emigriert. Während man üblicherweise davon ausgehe, dass etwa ein Fünftel der Bevölkerung eines Landes zumindest bereit wäre, im Ausland zu leben, sei das auf dem Westbalkan anders. Das Lohnniveau gemessen in Kaufkraftparitäten liege in Bosnien knapp unter der Hälfte des österreichischen Niveaus, sagt Grieveson. Es sei zwar seit dem Jahr 2000 deutlich gestiegen - damals habe es etwa ein Drittel des österreichischen Niveaus betragen -, aber in den letzten Jahren wieder rückläufig gewesen.

In der Zahlungsbilanz hat Bosnien ein deutliches Defizit. "Die Importe sind viel höher als die Exporte, es wird in Bosnien nicht viel produziert", so der Ökonom. Ein Teil des Importüberhangs werde durch Geldüberweisungen von im Ausland lebenden Bosniern finanziert, der Großteil aber durch Kredite von internationalen Organisationen, weshalb die Zinsen relativ niedrig und die Zahlungsfristen lang seien. "Das sorgt zwar für Stabilität, aber es ist kein Wachstumsmodell für die Zukunft und bringt keine rasche Konvergenz zu Westeuropa."

Das Zieldatum der EU für einen Beitritt der Westbalkan-Länder sei 2025. "Für Serbien und Montenegro ist das nicht völlig undenkbar", so die Einschätzung der wiiw-Experten. "Was die wirtschaftliche Konvergenzentwicklung angeht, sind Serbien und Montenegro schon so weit wie es Bulgarien und Rumänien 2007 waren. Das Problem in der Region ist aber die Politik." Deshalb sei für Bosnien ein EU-Beitritt bis 2025 kaum vorstellbar.

In den Genuss von EU-Förderungen kommt Bosnien unter dem Titel IPA (Instrument for Pre-accession Assistance). "Im Vergleich zu dem, was etwa EU-Mitglieder wie Polen oder Ungarn bekommen, ist das aber nicht viel Geld. Die bekommen zwischen 2 und 5 Prozent des BIP netto jedes Jahr."

Eigentlich bräuchten die Westbalkan-Länder eine Art Marshall-Plan, meint Grieveson, ähnlich dem Konjunkturentwicklungsprogramm der USA, das europäischen Ländern den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglichte. Wenn die EU den sechs Ländern gemessen an deren BIP so viel Geld geben würde wie Ungarn oder Polen, wären das überschaubare Beträge. "Fünf Prozent des bosnischen BIP ist nicht so viel. Aber das wird nicht passieren, die Debatte über die Zukunft des EU-Budgets weist in eine andere Richtung."

Das wiiw wird seine Wachstumsprognose für Bosnien für das laufende Jahr von 3,5 auf 3,2 Prozent zurücknehmen. "Die erste Jahreshälfte war nicht so gut wie erwartet." Das habe externe Gründe - der Euroraum habe sich schlechter entwickelt als letztes Jahr -, aber auch interne politische Ursachen.

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Kundl/Langkampfen/Basel (APA) - Der Novartis-Konzern investiert 200 Mio. Euro in die beiden Produktionsstandorte im Tiroler Schaftenau und in Kundl (beide Bezirk Kufstein). Dies gab das Unternehmen am Donnerstag bekannt. Daniel Palmacci, Leiter der Novartis Produktionsbetriebe in Österreich, bezeichnete dies als "ein starkes Bekenntnis" der Zentrale in Basel in die Kompetenz und Qualität der Standorte in Tirol.
 

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