Strompreis: Verbund sieht Trendwende nach oben

Wien (APA) - Der Verbund, Österreichs größter Stromkonzern, sieht nach längerer Zeit der Abwärtsbewegung eine gewisse Erholung und Trendwende bei den Strom-Großhandelspreisen. 2018 will man ebenso viel Nettogewinn einfahren wie 2017. Das Vorjahr sei "trotz aller Schwierigkeiten und Verwerfungen am Markt ein gutes Jahr" gewesen, sagte Verbund-Generaldirektor Wolfgang Anzengruber am Mittwoch vor Journalisten.

Bei 4,2 Prozent Umsatzplus auf 2,913 Mrd. Euro und 301,4 Mio. Euro Konzerngewinn (-29 Prozent) erhöht man die Dividende kräftig auf 0,42 (nach 0,29) Euro je Aktie, weil das um Einmaleffekte bereinigte Ergebnis um 9 Prozent auf 355 Mio. Euro stieg. Der Konzern sei widerstandsfähiger geworden, betonte Finanzvorstand Peter F. Kollmann. Den Zinsaufwand habe man reduzieren können - nämlich um einen massiven Schuldenabbau um 1 Mrd. Euro binnen drei bzw. um 1,5 Mrd. Euro binnen fünf Jahren, und dies bei sinkendem Strompreis, "das ist eine enorme Leistung". Zudem habe man Kosten weiter gesenkt und Effizienz weiter erhöht. Im Schnitt zählte der Verbund voriges Jahr 2.819 Mitarbeiter, nach 2.923 davor.

Den - bereinigt - etwas höheren Konzerngewinn erklärte der CFO, trotz geringerer Preise und Mengenstagnation, primär mit den unerwarteten Zusatzerlösen aus Flexi-Produkten, etwa dem Engpassmanagement. Mit 200 Mio. Euro lukrierte der Verbund hier um fast 70 Mio. Euro oder 56 Prozent mehr als 2016. Im Sommer hatte man nur 166 Mio. Euro erwartet, für 2018 nun 130 Mio. Euro. Und in der Bilanz konnte das dafür eingesetzte Gas-Kombikraftwerk Mellach um 78 Mio. auf 95 Mio. Euro aufgewertet werden.

Für diese 840-MW-Anlage, "eine Feuerwehr zur Stabilisierung", wünscht sich der CEO eine 5-Jahres-Kontrahierungsvereinbarung. Die Gasanlage Mellach erzeugte 2017 mit 1,47 TWh um 130 Prozent mehr Strom. Insgesamt seien in Österreich wohl 3.000 MW an derartigen Anlagen zur Netzstabilisierung nötig. Die gesamte thermische Produktion des Verbund legte 2017 um 64 Prozent von 1,35 auf 2,23 TWh zu und verschlechterte damit die CO2-Bilanz des Konzerns bezogen auf die Gesamterzeugung von 96 auf 93 Prozent.

Die Verbund-Eigenerzeugung wuchs um 2,7 Prozent auf 32,9 TWh. Dabei sank die Erzeugung aus Wasserkraft um 0,4 Prozent auf rund 29,7 TWh zurück. Der Erzeugungskoeffizient der Laufwasserkraftwerke lag mit 0,99 um ein Prozent unter dem Vergleichswert 2016 und unter dem langjährigen Durchschnitt (1,00). Die Windstromproduktion legte um 14 Prozent auf 952 GWh zu, davon die Hälfte in Rumänien, je ein Viertel in Deutschland und Österreich. Der Stromabsatz stieg um 6,0 Prozent auf über 58,5 TWh. Die Zahl der Strom- und Gaskunden im Bereich Haushalte, Landwirtschaft und Gewerbe stieg um 55.000 auf 447.000.

Die Absatzpreise in der Eigenerzeugung sanken voriges Jahr weiter - im Schnitt von 31,0 auf 30,4 Euro je Megawattstunde (MWh), doch sehe man nun für heuer eine gewisse Trendwende, nämlichen einen Stopp der Abwärtsbewegung, und für 2019 sogar "potenziell signifikant höhere Strompreise", so Kollmann. Zwar gebe es bei den schon gehedgten drei Viertel des Gesamtabsatzes von heuer einen weiteren Preisrückgang von 30,4 auf 26,9 Euro/MWh, die noch offene Menge sehe man aber bei 29,4 Euro, also "nur" um einen Euro/MWh tiefer, "eine gewisse Trendwende." Bei den schon bepreisten Mengen für 2019 - 44 Prozent des Gesamtvolumens - sehe man jetzt schon 29,6 Euro/MWh, gegenüber den 26,9 Euro erzieltem Preis für 2018. Jeder Euro/MWh mehr bei Erneurbarer Erzeugung kann das Konzernergebnis um 3,9 Mio. Euro erhöhen, jedes Prozent mehr Wasserkrafterzeugung um 5,8 Mio. Euro. Sehr stark, zu 90 Prozent, hänge der Strompreis vom Kohlepreis ab - der habe sich vor allem durch China wieder stabilisiert, so Kollmann.

Mit der geplanten Auftrennung der gemeinsam deutsch-österreichischen Strompreiszone - des größten liquiden Markts in Europa - mit 1. Oktober d.J. will sich der Verbund weiter nicht abfinden, obwohl er sie nicht verhindern kann. In Kraft tritt dann eine "Grenzbewirtschaftung", eine künstliche Kapazitätsverknappung von 10.700 MW auf 4.900 MW. Diese Grenzkapazitäten würden versteigert, müssten also gekauft werden - mehr werde, ungeachtet der technischen Möglichkeiten, nicht zugelassen, so Anzengruber. Doch auch bisher liege das Volumen nur an 20 Prozent der Tage über 4.900 MW, an 80 Prozent darunter, relativierte Kollmann.

In Österreich werde der Strom durch die künstliche Verknappung an der Grenze teurer, das sei schon jetzt an den Börsen absehbar, so Anzengruber. Für 2019/20 sehe man für Österreich einen um drei Euro je MWh höheren Strompreis als in Deutschland. Bei 35 Euro aktuellem Großhandelsniveau entspreche das den 7 bis 8 Prozent Erhöhung, von denen am Montag auch der Regulator E-Control gesprochen hatte. "Es wird der Konsument zahlen", meinte der Verbund-Chef, über die Energiepreise. Freilich mache die Energiekomponente nur ein Drittel des Gesamtpreises aus. Doch auch die Netze würden erhebliche Investitionen erfordern, nicht nur im Übertragungs-, sondern auch im Verteilbereich. Der Netzentwicklungsplan 2017 sehe für die nächsten 10 Jahre 2,5 Mrd. Euro Investitionen vor. Für die nächsten drei Jahre plane der Verbund Investitionen von 1,1 Mrd. Euro, sagte Kollmann, v.a. in Erzeugung (Wasserkraft), aber auch Netz. 2017 wurden 231 (255) Mio. Euro investiert. Bei der Wasserkraft gehe es primär um die Erzeugung steigernde Maßnahmen, wie man etwa im Donaukraftwerk Ybbs-Persenbeug durch neue Maschinen um 77 GWh mehr heraushole.

Die E-Mobilität werde der Verbund mitbewältigen können. "Das ist machbar", selbst bei 100 Prozent elektrisch betriebenen Pkw in einigen Jahrzehnten werde der Strombedarf auf heutiger Basis lediglich um 13 Prozent zulegen, meinte Anzengruber. Die Dekarbonisierungsbemühungen für den Kälte- und Wärmebereich würden vergleichsweise "noch viel viel mehr Strom benötigen" als die E-Mobilität, sodass in Summe mit 30 bis 35 Prozent Strombedarfsanstieg zu rechnen sei.

Ob er sich neuerlich für eine Vorstandsfunktion bewerben werde - alle Verbund-Vorstandsverträge laufen Ende 2018 aus -, wollte Anzengruber am Mittwoch nicht sagen. Nur so viel: Das Unternehmen Verbund sei ein tolles Unternehmen, und es sei immer interessant, für so ein Unternehmen zu arbeiten. Ende April solle die Ausschreibung für die Chefetage des 51 Prozent der Republik Österreich gehörenden Konzerns in die Wege geleitet werden, das sei das Ergebnis der AR-Sitzung von Dienstag, so "Die Presse" online am Mittwoch; bei der konstituierenden AR-Sitzung nach der HV am 23. April solle die Ausschreibung beschlossen werden.

Durch die Neuordnung der deutschen Energieriesen E.ON und RWE sehe man erst einmal in einer ersten Phase keine Auswirkungen für Österreich, meinte Anzengruber, der von einer "organisatorischen Neuordnung", einer "Art Konsolidierung am deutschen Markt" sprach. Die beiden Konzerne würden eine Zeit lang jetzt einmal mit sich selbst beschäftigt sein.

Die Verbund-Aktie präsentierte sich nach 14.20 Uhr in einem etwas schwächeren Gesamtmarkt mit 3,59 Prozent im Plus bei 23,10 Euro.

Siemens liefert den ÖBB zur Verwendung ab 2022 neue Züge. Der Rahmenvertrag dazu war im Juli bekanntgeworden, nun sind alle Einspruchsfristen abgelaufen und der Deal ist fixiert. Bis zu 700 Waggons für die Personenbeförderung im Wert von bis zu 1,5 Mrd. Euro können die ÖBB in dem Vertrag abrufen. Gebaut werden die Wagen im Siemens-Werk in Wien.
 

Newsticker

Neue Siemens Züge für ÖBB ab 2022 in Betrieb

Eine schwache Nachfrage nach Graphikkarten für die Erzeugung von Kryptowährungen wie Bitcoin stimmt den US-Konzern Nvidia vorsichtig. Der Umsatz im laufenden Quartal werde wohl bei 3,25 Mrd. Dollar (2,9 Mrd. Euro), plus/minus zwei Prozent, und damit unter den von Analysten im Schnitt geschätzten 3,34 Milliarden liegen, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit.
 

Newsticker

Chiphersteller Nvidia steigerte Umsatz

Mehr als 1.000 Mitarbeiter von Google haben in einem Brief Bedenken gegen die Rückkehr des Suchmaschinen-Giganten nach China angemeldet. Die zensierte Suchmaschine mit dem Projektnamen "Dragonfly" (Libelle) werfe "dringende moralische und ethische Fragen auf", zitierte das US-Portal "The Intercept" am Donnerstag aus dem Schreiben an die Konzernführung, in dem auch mehr Informationen zu den Plänen gefordert werden.
 

Newsticker

Protestbrief: Mitarbeiter von Google hinterfragen China-Pläne