UNDP-Ökonom: Industriezonen in Äthiopien an lokalen Markt anbinden

Addis Abeba (APA) - UNDP-Nationalökonom James Wakiaga ist überzeugt, dass die Schaffung von Industriezonen die Industrialisierung in Äthiopien vorantreiben wird. Damit diese erfolgreich arbeiten, sei es aber notwendig, dass eine Verbindung zur lokalen Wirtschaft hergestellt werde, sagte der Länderverantwortliche des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) im APA-Interview in Addis Abeba.

Äthiopien strebt an, das Zentrum der Leichtindustrie in Afrika zu werden, heißt es auf der Webseite der staatlichen Organisation zur Entwicklung von Industrieparks (Industrial Parks Development Cooperation, IPDC). Die Schaffung dieser Zonen soll den Aufstieg von einem der ärmsten Länder mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 783 US-Dollar (668,32 Euro, Weltbank) zu einem Land mittleren Einkommens (Middle Income Country, MIC) ermöglichen, das ein Bruttonationaleinkommen von 1.026 bis 12.475 US-Dollar per capita aufweist. Dieses Entwicklungsziel hat sich die Regierung bis 2025 gesetzt.

Die in Ländern wie China und Südkorea bereits erprobte Strategie der Schaffung von Industrieparks (IP) und Begünstigungen für ausländische Unternehmen sei für Äthiopien ein neuer Ansatz, um Direktinvestitionen aus dem Ausland anzuziehen, sagte Wakiaga. Innerhalb kurzer Zeit seien in den letzten Jahren Industrieparks in verschiedenen Regionen des Landes errichtet worden, berichtete er.

Beispiele für bereits aktive Anlagen seien Hawasa im Süden und Bole Lemi im Herzen des Landes. Dort werden Textilien und Bekleidung hergestellt. Weitere Zonen wie zum Beispiel in Dire Dawa im Osten und Mekelle im Norden, wo auch Nahrungsmittelverarbeitung und Fahrzeugmontage erfolgen sollen, werden eingerichtet, damit jede Region zumindest einen Industriepark hat, so der Ökonom.

Die Äthiopische Kommission für Investitionen (Ethiopian Investment Commission, EIC) wirbt trotz der immer wieder aufkommenden Unruhen mit der für Afrika vergleichsweise politisch und sozial stabilen Lage des Landes um ausländische Investoren. Die Befreiung von Einkommenssteuer und Zollabgaben, ein beschleunigtes Visumverfahren, der Schutz vor Enteignung sowie das hohe Wirtschaftswachstum werden als weitere Anreize genannt.

Seit 2010 hat Äthiopien ein durchschnittliches Wachstum von über 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Für 2018 sagen Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) etwa acht Prozent voraus. Das Land gilt als eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Die Exportorientierung soll Devisen in das Land bringen.

Nach Ansicht von UNDP-Ökonom Wakiaga ist es maßgeblich, dass die in den Industrieparks tätigen Unternehmen Rohstoffe über lokale Versorgungsketten beziehen. "Damit sollen sich die Zonen von Industrieparks abheben, in denen nur importierte Güter weiterverarbeitet und anschließend wieder exportiert werden," erklärte Wakiaga. Deren einziger Nutzen für das Land seien nämlich die geschaffenen Arbeitsplätze.

Die Verknüpfung der Zonen mit den lokalen Märkten sei derzeit noch minimal, sagte Wakiaga. An der Vernetzung der Parks mit den Klein- und Mittelbetrieben werde aber gearbeitet. "Das ist die zweite Phase, die wir versuchen zu erreichen", so der Ökonom. Dazu seien Zusammenschlüsse von Klein- und Mittelbetrieben (Small and Medium Enterprises Clusters, SME Clusters) in Entwicklung, die dann mit den Industriezonen verbunden werden und diese mit Rohstoffen versorgen sollen.

Weitere Herausforderungen für das Land bei der Schaffung von IPs seien die Zurverfügungstellung von Infrastruktur und Energie zu wirtschaftlich gerechtfertigten Preisen, die adäquate Unterbringung der oft von weither kommenden Arbeiter zur Vermeidung einer hohen Ausfallquote, sowie ein robuster gesetzlicher Rahmen für Arbeitgeber und -nehmer, sagte der Ökonom.

In Äthiopien gebe es keine gesetzlichen Mindestlöhne, so Wakiaga. Dies mache das Land für beispielsweise im Textilsektor tätige Unternehmen attraktiv, um die Produktionskosten niedrig zu halten. Gleichzeitig fordere die Branche qualifizierte Arbeitskräfte. Äthiopien konkurriere in dieser Hinsicht mit Kambodscha, Bangladesch und einigen anderen afrikanischen Staaten. Ein Unternehmen wie H&M könne wählen, wo es seine Standorte aufbaue.

Mehr als die Hälfte der rund 102 Millionen Einwohner Äthiopiens sind im erwerbsfähigen Alter. Diese enorme verfügbare Arbeitskraft wird von der EIC als weiterer Anreiz für Investitionen dargestellt.

Wakiaga sieht das mittlerweile sinkende Bevölkerungswachstum in Äthiopien sowohl als Chance als auch als Herausforderung an. Landesweit beträgt es laut der Weltbank durchschnittlich 2,6 Prozent, in den Städten ist die Geburtenrate geringer als auf dem Land. "Es kommt darauf an, was die Regierung tut und tun wird", sagte der Ökonom.

Seiner Ansicht nach sollte der Staat die "demografische Dividende ernten". Fast 70 Prozent der Bevölkerung Äthiopiens sind zwischen 15 und 30 Jahren alt, so Wakiaga. "Die Regierung müsste in das Bildungs- und Gesundheitssystem investieren, um von ihrer großen, jungen Bevölkerung zu profitieren. Zudem müsse die Wirtschaft wachsen und Arbeitsplätze schaffen." Mit der starken Industrialisierungsstrategie wird seiner Meinung nach bereits daran gearbeitet, die strukturelle Veränderung dafür zu herbeizuführen.

Äthiopien hat in den letzten Jahren große Entwicklungsfortschritte gemacht. 2000 betrug der Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen laut Weltbank noch 55 Prozent, 2016 waren es nur mehr 26 Prozent. Zeitgleich wuchsen jährliche Direktinvestitionen aus dem Ausland Informationen der UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) von 135 Millionen auf über 3,2 Milliarden US-Dollar (2,73 Mrd. Euro).

Besonders für gut ausgebildete Äthiopier fehlen jedoch nach wie vor Beschäftigungsmöglichkeiten im Land. Derzeit sind laut dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) rund 80 Prozent aller Beschäftigten in Äthiopien in der Landwirtschaft tätig. 2016 wurden in diesem Sektor laut Weltbank 37 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) erwirtschaftet, 21 Prozent in der Industrie und 41 Prozent im Dienstleistungssektor. Die Bedeutung des informellen Sektors ist der Entwicklungsbank zufolge signifikant, die Steuereinnahmen des Staates betrugen 2016/2017 nur 12 Prozent des BIPs.

Analysten kritisierten die bisherigen Beschränkungen des staatlich gelenkten Wirtschaftsmodells für ausländisches Kapital als Bremse für das Wachstum. In Äthiopien regiert die Parteienallianz Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker (EPRDF) das Land seit 1991 und kontrolliert gemeinsam mit ihren Verbündeten alle Sitze im Parlament. Erst Anfang Juni kündigte die neue Regierung des reformorientierten Ministerpräsidenten Abiy Ahmed an, die großen öffentlichen Unternehmen des Lands wie die Fluggesellschaft Ethiopian Airlines oder das Telekommunikationsunternehmen Ethio Telecom für private Investoren zu öffnen.

Im Ausland lebende äthiopische Staatsbürger, die seit langem wünschten, sich an der Entwicklung des Staats zu beteiligen, sowie Ausländer könnten mit der Beteiligung an Unternehmen eine "positive Rolle" beim Wachstum des Landes spielen, hatte die Regierung erklärt. China investiert bereits im großen Stil in den Aufbau der Infrastruktur und des Verkehrsnetzes des Landes.

(S E R V I C E - www.ipdc.gov.et; www.investethiopia.gov.et)

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