Türkei startete mit stotterndem Konjunkturmotor ins Wahljahr

Istanbul - Knapp fünfzig Tage vor den Parlamentswahlen im Juni stagniert die türkische Wirtschaft. Das Land verzeichnet den höchsten Arbeitslosenstand seit fünf Jahren. Der Vertrauensverlust in die Wirtschaft ist gravierend. Investoren und Verbraucher sind in der Warteschleife.

Die Arbeitslosenzahl in der Türkei hat nach aktuell veröffentlichten Daten im Jänner mit 11,3 Prozent den höchsten Stand seit fünf Jahren erreicht. Das türkische Arbeitslosenheer steigt kontinuierlich an. Allein in den letzen drei Monaten hat es sich um beinahe eine halbe Million vergrößert. Vor allem Junge finden in der Türkei keine Jobs. Die Jugendarbeitslosigkeit stieg innerhalb eines Monats um 2,3 Prozentpunkte auf mittlerweile 20 Prozent. Die Frauenbeschäftigungsquote in der Türkei liegt zudem nur bei 26 Prozent. Damit sind es großteils Männer, die ausschlaggebend sind für die Familieneinkommen.

Nach Berechnungen des internationalen Währungsfonds IWF bleibt die Arbeitslosigkeit in der Türkei weiter hoch. In den nächsten zwei Jahren wird mit keinem Rückgang gerechnet. Finanzminister Mehmet Simsek versucht zu beruhigen und setzt auf Optimismus. Trotz eines für die Türkei schwachen 2,9-prozentigen Wirtschaftswachstums im Vorjahr meint der Finanzminister, dass die türkische Wirtschaft heuer um 4 Prozent wachsen wird, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtet. Das Jahr 2015 habe man "etwas langsam begonnen", meinte Simsek.

Die Wachstumserwartungen von Wirtschaftsexperten sind nicht so optimistisch. Der türkische Ökonom Kemal Dervis rechnet mit nur 2 Prozent für 2015. Das Budgetloch betrug bereits im ersten Quartal des laufenden Jahres 5,4 Mrd. Lira (1,89 Mrd. Euro), ganze 3,9 Mrd. Lira mehr als noch im Vorjahr. Neben fälligen Zinszahlungen hätten sich die Haushaltsausgaben gegenüber dem Vorjahresquartal um 12,1 Prozent erhöht, sah sich Simsek im Erklärungsnotstand und verwies auf die guten makroökonomischen Voraussetzungen des Landes.

Der oberste Finanzbeamte prolongiert seine Hoffnungen auf mehr Wachstum und Einhaltung des Budgetzieles auf die Zeit nach dem 7. Juni. An diesem Tag finden die türkischen Parlamentswahlen statt. Erfahrungsgemäß verteilt die islamisch-konservative Regierung in Wahlperioden mit vollen Händen das Geld, was kein gutes Omen für Simseks Haushaltsdisziplin verspricht.

"Die Türkei geht mit einem Null-Wachstum ins Wahljahr", bilanzierte der Ökonom Mustafa Sönmez kürzlich. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum habe die türkische Wirtschaft die Wachstumsrate nicht erhöhen können, was ein Schlaglicht auf die schlechte Binnennachfrage werfe.

Die Nachfrage am Inlandsmarkt ist deutlich gebremst, auch türkische Firmen investieren derzeit lieber im Ausland. Das zeigt sich bei den Einfuhren. Wie die Vereinigung der Exporteure (TIM) bekannt gab, sind die Importe in den ersten zwei Monaten um über 10 Prozent zurückgegangen, während die Ausfuhren um "nur" 3,4 Prozent sanken.

Nach Angaben der türkischen Statistikbehörde TUIK ist das Bruttoinlandsprodukt im letzten Quartal des Vorjahres auf 2,6 Prozent geschrumpft. Grund sei ein Rückgang bei den Gesamtinvestitionen und am Agrarsektor.

Schmerzhaft für die Bevölkerung ist der Rückgang der Einkommen. Die Regierungspartei AKP tritt im aktuellen Wahlkampf vor allem auch mit dem Versprechen an, die persönlichen Einkommen zu erhöhen und damit den Lebensstandard zu verbessern.

Nach den Berechnungen der Statistiker sank das Pro-Kopf-Einkommen in der Türkei im Vorjahr auf rund 10.404 Dollar (aktuell 9.834,58 Euro). 2013 hatte es noch 10.822 Dollar betragen. Im Jahr 2023 sollten die Türken laut Recep Tayyip Erdogan jährlich 25.000 Dollar pro Kopf verdienen. Erdogan will sich mithilfe der konservativen Kleinverdiener, seiner Stammwählerschaft, zum Präsidenten wählen lassen. Die aber kämpft bereits mit massiv gestiegenen Lebensmittelpreisen aufgrund der Dürre. Landwirtschafliche Produkte haben sich im Vorjahr im Durchschnitt um 15,40 Prozent verteuert.

Für den früheren türkischen Wirtschaftsminister Kemal Dervis ist der Verlust des Vertrauens in die türkische Wirtschaft der Hauptindikator für das abgekühlte Wachstum in den vergangenen drei Jahren. Der Vertrauensverlust habe auch zum Rückgang der Investitionen geführt, so Dervis. Der Ökonom verwies im Gespräch mit türkischen Medienvertretern auf die niedrige Sparquote in der Türkei. Sie sei eine der geringsten der Welt.

Der ehemalige Weltbank-Manager wurde 2011 als einer der möglichen Nachfolger für den IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn gehandelt. Dervis tritt für die kemalistische Oppositionspartei CHP bei den Parlamentswahlen im Juni an, eine Partei, die nicht übermäßig viel Vertrauen bei den türkischen Wählern genießt.

Der südafrikanische Steinhoff-Großaktionär Christo Wiese kappt nach seinem Rücktritt als Verwaltungsratschef weitere Verbindungen zu dem angeschlagenen Handelsriesen. Wiese sagte am Freitag den Verkauf der Einzelhandelskette Shoprite an Steinhoffs Afrika-Tochter STAR ohne Angabe von Gründen ab.
 

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Steinhoff-Großaktionär sagt Milliarden-Firmenverkauf ab

Der kriselnde Möbelhändler Steinhoff - Muttergesellschaft von Kika/Leiner - lässt seinen Ankündigungen Taten folgen und versilbert Anteile an der südafrikanischen Investmentgesellschaft PSG Group. So habe das Unternehmen 20,6 Millionen Aktien oder 9,5 Prozent der Anteile an PSG verkauft, teilte Steinhoff am Freitag mit.
 

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Steinhoff verkauft Anteile an südafrikanischer Investmentgesellschaft

Am Mittwoch ist die Air-Berlin-Tochter Niki pleitegegangen. Noch gibt es eine leise Hoffnung, die Firma zu erhalten. Unterdessen fischen Konkurrenten bereits nach den hoch qualifizierten Niki-Mitarbeitern. Und auch die Kunden können hoffen, dass sie nicht um ihr Geld umfallen. Die deutsche Regierung muss aber einen Teil ihres 150 Mio. Euro schweren Überbrückungskredits für Air Berlin abschreiben.
 

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Niki-Pleite - Chancen für Mitarbeiter und letzte Hoffnung für Firma