Pharma statt Plastik - Bayer stellt sich neu auf

(Reuters) - Bayer baut radikal um. Der mehr als 150 Jahre alte Konzern will sich künftig ganz auf Pharmaprodukte, Tiermedizin und Agrarchemie konzentrieren und die weniger rentable Kunststoff-Sparte an die Börse bringen. Falls in den kommenden Monaten ein zahlungskräftiger Interessent um die Ecke kommt, könnten die Leverkusener MaterialScience aber auch verkaufen, sagte Vorstandschef Marijn Dekkers am Donnerstag. Experten bewerten den Bereich, der knapp ein Drittel des Gesamtkonzerns ausmacht, mit bis zu elf Milliarden Euro.

"Wir erwarten, dass beide Einheiten - Bayer und MaterialScience - von dieser Portfolioentscheidung profitieren werden", sagte Dekkers. Die Plastik-Sparte, die in den nächsten 12 bis 18 Monaten abgestoßen werden soll, sei als eigenständiges Unternehmen flexibler und könne über den Kapitalmarkt Geld für weitere Investitionen aufnehmen, sagte der Niederländer. Bayer wiederum könne nun alle Ressourcen auf die rentableren Pharma- und Agrarchemiegeschäfte konzentrieren. Viele Investoren hatten dies schon länger gefordert. Bayer-Aktien stiegen zeitweise um 6,4 Prozent auf ein Rekordhoch von 112,95 Euro.

Mit den Arbeitnehmervertretern vereinbarte Bayer eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2020 für beide Firmen - die bisher längste Laufzeit einer solchen Vereinbarung, wie Bayer-Betriebsrats-Chef Thomas de Win betonte. Die Zustimmung zu der Abspaltung sei den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat äußerst schwer gefallen. "Eine andere Möglichkeit sahen wir jedoch nicht, da der Vorstand notwendige finanzielle Mittel in Frage gestellt hat", erklärten sie. Mit einem Umsatz von rund elf Milliarden Euro wäre das Kunststoffgeschäft Europas viertgrößter Chemiekonzern mit dann knapp 17.000 Mitarbeitern.

Bayer hielt bisher als einer der letzten europäischen Pharmakonzerne an seinen Wurzeln in der Chemieindustrie fest. Über eine Trennung von der Kunststoff-Sparte wurde allerdings schon seit Jahren spekuliert. Sie macht knapp 30 Prozent des Konzernumsatzes, aber nur 14 Prozent des operativen Gewinns aus. Finanz- und Branchenkreisen zufolge hat Bayer auch über einen Verkauf von MaterialScience an den Spezialchemiekonzern Evonik verhandelt. Evonik wollte aber nur sechs bis sieben Milliarden Euro zahlen, Bayer dagegen mindestens neun bis zehn Milliarden haben, wie mehrere Insider sagten. Deshalb platzte das Geschäft.

Bayer-Chef Dekkers wollten sich dazu am Donnerstag nicht äußern, schloss einen Verkauf von MaterialScience in den kommenden Monaten jedoch nicht aus. "Wenn ein Angebot kommen würde, hätten wir als Vorstand die Verantwortung, uns das zu überlegen." Am liebsten würde Bayer die MaterialScience-Aktien aber über die Börse an neue Investoren verkaufen (IPO), betonte Finanzchef Werner Baumann. Sollte dies nicht gelingen, könnte der Konzern die Aktien auch den bestehenden Eignern ins Portfolio legen (Spin-Off).

ERST ABSPALTEN, DANN ZUKAUFEN?

Deutschlands größter Pharmakonzern will in den nächsten Jahren die Ausgaben für Forschung und Entwicklung erhöhen und den Konkurrenten Marktanteile abnehmen. Der Konzern setze dabei vor allem auf Wachstum aus eigener Kraft, sagte Dekkers. Gezielte Akquisitionen, "um Größenvorteile zu erlangen oder um Lücken ins unserem Portfolio zu schließen", seien jedoch denkbar. Die Trennung von der Plastik-Sparte habe mit möglichen Zukäufen allerdings nichts zu tun, erklärte der Vorstandschef, der Bayer Ende 2016 verlassen wird.

Aus Sicht von Analysten könnte Bayer Einnahmen durch MaterialScience nutzen, um sein Tiermedizin-Geschäft auszubauen. Ein Übernahmeziel könnte die Tiermedizinfirma Zoetis sein, die Pfizer im Frühjahr 2013 an die Börse gebracht hatte, hieß es in einer Studie von Jefferies. Erst im April hatte sich der Konkurrent Eli Lilly die Tiermedizin-Sparte von Novartis gesichert. Insgesamt wird Bayer ohne Plastik-Sparte auf einen Umsatz von rund 29 Milliarden Euro kommen und knapp 100.000 Mitarbeiter beschäftigen.

Der Bereich MaterialScience, in dem Bayer weltweit Polycarbonat-Produkte für alle möglichen Einsatzgebiete fertigt, leidet seit einiger Zeit unter der zunehmenden Konkurrenz aus Asien. Zudem gelingt es Bayer nicht immer, gestiegene Rohstoffkosten in vollem Umfang an die Kunden weiterzugeben. Mit einer operativen Umsatzrendite von 9,5 Prozent war MaterialScience 2013 weniger rentabel als die beiden anderen Bereiche: Bei Healthcare blieben 28 Prozent des Umsatzes als operativer Gewinn hängen, bei CropScience 25,5 Prozent.

Die Analysten von Equinet schätzen den Wert von MaterialScience inklusive Schulden und Pensionsverpflichtungen dennoch auf bis zu zehn Milliarden Euro, die Experten der DZ Bank sogar auf elf Milliarden Euro. Bayer will die Sparte mit einem Sparprogramm und dem Abbau von rund 700 Stellen wieder fitmachen. Dies trägt erste Früchte: Im ersten Halbjahr 2014 kletterte der Gewinn stärker als in allen anderen Sparten.

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Kundl/Langkampfen/Basel (APA) - Der Novartis-Konzern investiert 200 Mio. Euro in die beiden Produktionsstandorte im Tiroler Schaftenau und in Kundl (beide Bezirk Kufstein). Dies gab das Unternehmen am Donnerstag bekannt. Daniel Palmacci, Leiter der Novartis Produktionsbetriebe in Österreich, bezeichnete dies als "ein starkes Bekenntnis" der Zentrale in Basel in die Kompetenz und Qualität der Standorte in Tirol.
 

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