Königsmord statt Kontinuität? - Bei VW ist alles offen

Wolfsburg - BMW setzt auf Verjüngung, Daimler auf Altbewährtes - und bei VW ist derzeit alles unklar. Viel unterschiedlicher als bei den drei deutschen Autobauern kann Personalplanung an einer Konzernspitze kaum aussehen. In Wolfsburg gibt es Fragen über Fragen - und reichlich Kronprinzen.

Fast ein Jahrzehnt lang prägten drei Gesichter die deutsche Autoindustrie: Dieter Zetsche, Martin Winterkorn und Norbert Reithofer. Sie sind nicht nur alle im Mai auf die Welt gekommen, sie traten in den Jahren 2006/2007 auch innerhalb von zwölf Monaten ihre Chefposten bei Daimler, Volkswagen und BMW an. Und nun entscheidet sich vermutlich innerhalb noch kürzerer Zeit, wie es mit ihnen allen weitergeht - oder eben auch nicht weitergeht.

Bei BMW lief alles wie so oft ohne laute Störgeräusche: Im Dezember kündigte der Konzern seinen Generationswechsel an der Spitze an. Der erst 49 Jahre alte Produktionschef Harald Krüger wird diesen Mai auf Reithofer folgen. Dieser wiederum dürfte ohne Unterbrechung an die Spitze des Aufsichtsrates wechseln. Das ist nur möglich, weil die BMW-Großaktionäre der Familie Quandt/Klatten es so wollen.

Anfang April stellte dann Daimlers Chefaufseher Manfred Bischoff seinem Konzernchef Zetsche eine Vertragsverlängerung bis 2019 in Aussicht. Während der Manager vor zwei Jahren noch schwer angezählt war und gar seine damalige Verlängerung auf der Kippe stand, sitzt er nun fester denn je im Sattel. Neue Modelle, die Zetsches Handschrift tragen, wurden zum Erfolg. Sollte er bis Ende des Jahrzehnts an Bord bleiben, hätte er satte 14 Jahre als Daimler-Chef und sogar 21 Jahre im Konzernvorstand hinter sich.

Dann wird er ziemlich sicher der Letzte der alten Garde sein. Wie viel früher das schon eintreten kann, hängt vom weiteren Verlauf in Wolfsburg und am Piech-Sitz Salzburg ab. Kann sich Martin Winterkorn auf Dauer gegen die Macht und den Vertrauensentzug des VW-Patriarchen Ferdinand Piech behaupten? Will er eineinhalb Jahre lang bis zum Vertragsende ein Konzernchef ohne Rückendeckung vom obersten Aufseher sein? Wird er gegangen oder wirft er selber hin? In drei Wochen steigt in Hannover die VW-Hauptversammlung. Schwer vorstellbar, dass sich Piech und Winterkorn dort miteinander aufs Podium setzen.

Daher mühen sich im Machtkampf an der VW-Spitze die Aufsichtsräte hinter den Kulissen nach Kräften um einen Ausweg. In der jetzigen Lage sei das Aktionärstreffen am 5. Mai "undenkbar", sagt ein Aufsichtsratsinsider. Daher glühen im Hintergrund die Drähte. Regulär tagt der Aufsichtsrat am 4. Mai.

An möglichen Nachfolgern für die VW-Konzernspitze mangelt es nicht: Mit dem früheren Daimler-Vorstand Andreas Renschler und Ex-BMW-Entwicklungschef Herbert Diess lotste der Konzern - und wohl nicht zuletzt Piech - jüngst zwei absolute Top-Kräfte der Branche nach Wolfsburg. Beiden war bei ihren alten Arbeitgebern der Sprung an die Konzernspitze verwehrt geblieben - ihnen fehlt aber VW-Erfahrung.

Die hat Porsche-Chef Matthias Müller. Der 61-Jährige hatte zuletzt Spekulationen über seine mögliche Nachfolge wieder angefacht. Er schließe nichts aus und sei für nichts zu alt, hatte er im März gesagt. Noch im Jänner hatte das anders geklungen: "Ich bin kein potenzieller Nachfolger für Herrn Dr. Winterkorn." Er sei zu alt für den Job.

Auch Skoda-Chef Winfried Vahland und der Chefentwickler von Volkswagen-Pkw, Heinz-Jakob Neußer, werden als Kronprinzen gehandelt. Außerdem will der oberste VW-Betriebsrat Bernd Osterloh eine ganze Reihe weiterer Talente in der zweiten Reihe ausgemacht haben. Winterkorn sieht das auch so. Er sagte dem "Stern" kürzlich auf die Frage, ob unter seinen 50 bis 60 Topmanagern denn einer seinen Vorstandsjob genauso gut könne: "Da sind mehrere dabei, die den Job genauso gut könnten."

Piech sagte dem "Spiegel": "Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen." Die Kandidaten dafür seien bereits im Unternehmen, eine Entscheidung falle aber erst 2017, "kurz vor meinem Ausscheiden". Doch zumindest für Winterkorns Posten müsste es schneller gehen: Ende 2016 läuft sein Vertrag aus - und ein Nachfolger muss üblicherweise Monate im Voraus feststehen.

Nach dem Bruch mit Piech liegt es nahe, dass Winterkorn nicht - wie es lange gehandelt worden war - nach seiner Amtszeit Piëch an der Aufsichtsrats-Spitze beerbt. Der Piëch-Biograf Wolfgang Fürweger sagt über das Abrücken des 77-Jährigen vom Konzernchef: "Das strategische Ziel ist sicherlich, zu verhindern, dass Winterkorn der nächste VW-Patriarch wird."

Der südafrikanische Steinhoff-Großaktionär Christo Wiese kappt nach seinem Rücktritt als Verwaltungsratschef weitere Verbindungen zu dem angeschlagenen Handelsriesen. Wiese sagte am Freitag den Verkauf der Einzelhandelskette Shoprite an Steinhoffs Afrika-Tochter STAR ohne Angabe von Gründen ab.
 

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Steinhoff-Großaktionär sagt Milliarden-Firmenverkauf ab

Der kriselnde Möbelhändler Steinhoff - Muttergesellschaft von Kika/Leiner - lässt seinen Ankündigungen Taten folgen und versilbert Anteile an der südafrikanischen Investmentgesellschaft PSG Group. So habe das Unternehmen 20,6 Millionen Aktien oder 9,5 Prozent der Anteile an PSG verkauft, teilte Steinhoff am Freitag mit.
 

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Steinhoff verkauft Anteile an südafrikanischer Investmentgesellschaft

Am Mittwoch ist die Air-Berlin-Tochter Niki pleitegegangen. Noch gibt es eine leise Hoffnung, die Firma zu erhalten. Unterdessen fischen Konkurrenten bereits nach den hoch qualifizierten Niki-Mitarbeitern. Und auch die Kunden können hoffen, dass sie nicht um ihr Geld umfallen. Die deutsche Regierung muss aber einen Teil ihres 150 Mio. Euro schweren Überbrückungskredits für Air Berlin abschreiben.
 

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Niki-Pleite - Chancen für Mitarbeiter und letzte Hoffnung für Firma