E-Wirtschaft: Aufschub für neue Kraftwerke wegen tiefer Strompreise

Wegen der anhaltend niedrigen Strom-Großhandelspreise und der günstigen CO2-Zertifikate sind Investitionen in neue Kraftwerke so unrentabel, dass sie immer öfter aufgeschoben werden und sich praktisch halbiert haben. Dabei könnte man ab 2018/20 wieder Neuanlagen brauchen, falls sich die Strompreise bis dahin erholen. Ob Neuanlagen dann aber wirklich rentabel sind, sei offen, sagt die Branche.

Wien (APA) - Wegen der anhaltend niedrigen Strom-Großhandelspreise und der günstigen CO2-Zertifikate sind Investitionen in neue Kraftwerke so unrentabel, dass sie immer öfter aufgeschoben werden und sich praktisch halbiert haben. Dabei könnte man ab 2018/20 wieder Neuanlagen brauchen, falls sich die Strompreise bis dahin erholen. Ob Neuanlagen dann aber wirklich rentabel sind, sei offen, sagt die Branche.

Schuld am Investitionsstau in der E-Wirtschaft sei die Politik, die ein System der Planwirtschaft anstelle der Marktwirtschaft zulasse - Stichwort Ökostrom-Förderung -, kritisierte der Präsident von Oesterreichs Energie, Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber, am Donnerstag. Alle subventionierten Technologien müssten in den Markt geführt und die Förderung herausgenommen sowie die Energiepolitik in Europa synchronisiert werden, nicht von Brüssel aus, sondern zwischen den Nationalstaaten, speziell am gemeinsamen Strommarkt Deutschland-Österreich, forderte er vor Journalisten. Auch "Kostenwahrheit" gehöre dazu, denn Atom- und Kohlestrom werde in Europa massiv gefördert.

Es sei "fahrlässig", wenn das weitere Wasserkraft-Potenzial in Österreich nicht mehr ausgenützt werden könne, obwohl das für die Netze und die Versorgungssicherheit elementar wäre, so Anzengruber. Die Politik müsse einmal entscheiden und klarstellen, ob man tiefe oder hohe CO2-Preise, eine Plan- oder Marktwirtschaft oder mehr oder weniger Energieabhängigkeit haben wolle. Wegen der großen Ökostrom-Mengen aus Norddeutschland sei Österreich saldiert schon mit 41 Prozent von Stromlieferungen aus dem Ausland abhängig, "die Abwanderung hat hier also schon stattgefunden". Auch hier sollte der Außenhandel ausgeglichen sein, indem etwa Deutschland mehr Grundlast liefere und Österreich mehr Regelenergie, "aber es darf nicht immer in eine Richtung laufen".

Die Strom-Großhandelspreise seien aktuell mit 30 bis 32 Euro pro Megawattstunde (MWh) etwa halb so hoch wie noch 2008 mit damals über 60 Euro/MWh. Dennoch sei Elektrizität für die Konsumenten durch Abgaben- und Steuererhöhungen nicht billiger geworden, kritisierte Anzengruber: "Insbesondere der Privatkunde merkt nichts."

Auch die billigen Emissionsrechte seien kein Investitionsanreiz für eine CO2-arme Stromproduktion: Derzeit würden die Zertifikate 6 Euro pro Tonne CO2 kosten, vor 2008 seien es mehr als 30 Euro/t gewesen. Als neues CO2-Ziel der EU für 2030 würde man minus 40 Prozent begrüßen, aber nur bei Ausgleichsmaßnahmen oder Ausnahmen für die energieintensive Industrie, so die Generalsekretärin von Oesterreichs Energie, Barbara Schmidt.

2014 gehe in Österreich kein einziges größeres Wasserkraftwerk in Betrieb, beklagte der Präsident des Branchenverbandes Oesterreichs Energie. Auch 2015 dürften weniger als 100 GWh Wasserkraft-Erzeugung dazukommen - beim Verbund selbst nur das Pumpspeicherwerk Reißeck II in Kärnten, das Ausgleichs- und Regelenergie liefere und keinen zusätzlichen Strom. Beim 400 Mio. Euro teuren Reißeck II würden 90 Prozent der Wertschöpfung in Österreich bleiben, 30 Prozent allein in Kärnten, so Anzengruber. Der Verbund habe seine jährlichen Kraftwerksinvestments im Schnitt um 70 Prozent zurückgefahren. In der E-Wirtschaft gesamt seien diese Investitionen halbiert worden, sagte Schmidt.

Laut Oesterreichs Energie haben die Mitgliedsunternehmen aktuell Wasserkraftprojekte mit einer Gesamtleistung von 4.507 Megawatt (MW) in Bau, Genehmigung oder Planung. Die geplante Erzeugung aus diesen Anlage liege mit 3.935 Gigawattstunden (GWh) jährlich zwar mengenmäßig genau in der Größenordnung der heimischen Energiestrategie, aber nicht im Zeitrahmen. Der Investitionsstau bei Wasserkraft führe dazu, dass die E-Wirtschaft 2015 erstmals mehr Kapazitäten bei Windkraft und Photovoltaik neu in Betrieb nehmen werde als bei Wasserkraft: Nach aktuellem Stand werde der Wind- und PV-Zubau rund 400 MW betragen, die zusätzliche geförderte Erzeugung 800 GWh.

Mit der Verzögerung vieler Wasserkraft-Projekte zumindest bis 2017 oder 2018 würden die Ziele der Energiestrategie, bis 2020 die Stromproduktion aus Wasserkraft um vier Mrd. kWh (4.000 GWh oder 4 TWh) zu steigern, nicht mehr erreicht werden können, befürchtet Anzengruber: "Wenn sich nicht sehr rasch etwas ändert, ist ein Aufholen unmöglich."


Das größte laut aktueller Kraftwerksprojekt-Liste aufgeschobene Vorhaben betrifft den Ausbau des KW Kaunertal in Tirol durch die Tiwag; bei 900 MW Leistung soll es 622 GWh Energie liefern; voriges Jahr war die Betriebsaufnahme für 2024 geplant, nun erst für 2027. Auch etliche kleinere Projekte wurden um ein, zwei Jahre verschoben, etwa das Gemeinschaftskraftwerk Inn der GKI mit 89 MW bzw. 414 GWh Strom oder Verbund-Hydro-Effizienzsteigerungs- und Erweiterungsprojekte bei Speicher- und Laufkraftwerken mit 150 MW Leistung bzw. 195 GWh Energie. Anzengruber schließt freilich nicht aus, "dass wir vielleicht in einem Jahr wieder da sitzen und sagen wir verschieben noch einmal um ein Jahr".


In den Jahren 2011 und 2012 hatte die heimische E-Wirtschaft insgesamt 1,517 Mrd. und 1,507 Mrd. Euro investiert. Bis 2020 plante sie Investitionen von 12,6 Mrd. Euro, sah der im Herbst 2013 präsentierte Investitionstest vor, der alle zwei Jahre vorgelegt wird. Von der Gesamtsumme sollten fast 40 Prozent in den Kraftwerksausbau fließen, der größte Anteil dabei mit 3,5 Mrd. Euro in Wasserkraft-Projekte. Damals hieß es noch, es seien 5.400 MW Wasserkraft in Planung oder Bau (samt Erneuerungen oder Erweiterungen), davon 700 MW Lauf- und 4.700 MW Pumpspeicherkraftwerke.

Siemens liefert den ÖBB zur Verwendung ab 2022 neue Züge. Der Rahmenvertrag dazu war im Juli bekanntgeworden, nun sind alle Einspruchsfristen abgelaufen und der Deal ist fixiert. Bis zu 700 Waggons für die Personenbeförderung im Wert von bis zu 1,5 Mrd. Euro können die ÖBB in dem Vertrag abrufen. Gebaut werden die Wagen im Siemens-Werk in Wien.
 

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Neue Siemens Züge für ÖBB ab 2022 in Betrieb

Eine schwache Nachfrage nach Graphikkarten für die Erzeugung von Kryptowährungen wie Bitcoin stimmt den US-Konzern Nvidia vorsichtig. Der Umsatz im laufenden Quartal werde wohl bei 3,25 Mrd. Dollar (2,9 Mrd. Euro), plus/minus zwei Prozent, und damit unter den von Analysten im Schnitt geschätzten 3,34 Milliarden liegen, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit.
 

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Chiphersteller Nvidia steigerte Umsatz

Mehr als 1.000 Mitarbeiter von Google haben in einem Brief Bedenken gegen die Rückkehr des Suchmaschinen-Giganten nach China angemeldet. Die zensierte Suchmaschine mit dem Projektnamen "Dragonfly" (Libelle) werfe "dringende moralische und ethische Fragen auf", zitierte das US-Portal "The Intercept" am Donnerstag aus dem Schreiben an die Konzernführung, in dem auch mehr Informationen zu den Plänen gefordert werden.
 

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Protestbrief: Mitarbeiter von Google hinterfragen China-Pläne