Deutsche Bank sitzt nach der Ohrfeige in der Falle

Frankfurt - Als die Hauptversammlung der Deutschen Bank am Donnerstagabend nach über zehn Stunden zu Ende geht, ist den Vorständen und Aufsichtsräten nicht zum Feiern zumute. Die Bank lädt ihre Mitarbeiter in der Rotunde der Frankfurter Festhalle noch zu Würstchen und Kartoffelsalat ein, die Top-Manager schleichen mit langen Gesichtern an den letzten versprengten Journalisten vorbei.

Die Aktionäre hatten dem Vorstand um die beiden Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen kurz zuvor eine saftige Ohrfeige verpasst, symbolisch zumindest. Eine Entlastung mit nur 61 Prozent - "bei einem Dax-Unternehmen ist mir so etwas noch nie untergekommen", sagt Klaus Nieding von der Kleinaktionärsvereinigung DSW, der jedes Jahr auf Dutzenden Hauptversammlungen spricht. Rechnet man die Aktionäre heraus, die sich der Stimme enthielten, liegt die Zustimmung für Jain & Co sogar nur bei 55 Prozent.

"Bei so einem Ergebnis kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", mahnt einer der zehn größten Aktionäre. "Der Aufsichtsrat kommt irgendwann an den Punkt, wo er um seine eigene Integrität fürchten muss." Aufsichtsratschef Paul Achleitner, der das Aktionärstreffen mit strengem Regiment geleitet hat, sieht sich nicht in der Verfassung, das Ergebnis zu kommentieren: "Sie werden verstehen, dass ich mich so kurz danach dazu nicht äußern werde", sagt er noch in der Festhalle zu Reuters. Vermutlich braucht er ein paar Tage, um in Ruhe mit sich auszumachen, wie es nun weitergehen soll bei Deutschlands größtem Geldhaus. Aber die Möglichkeiten für den mächtigen Chefkontrolleur sind im Moment begrenzt.

Achleitner sitzt in der Falle: Einen weiteren Vorstandsumbau kann er so schnell nicht anstoßen, das wäre dann schon der dritte in zwölf Monaten. Den letzten gab es wenige Stunden vor der Hauptversammlung, als Jain noch einmal gestärkt wurde. Und die neue "Strategie 2020" wurde gerade erst präsentiert - Achleitner persönlich hatte im Aufsichtsrat für Einstimmigkeit gesorgt. Auch Aktionärsschützer Nieding, der vor allem Jain vom Podium aus scharf angegriffen hatte, glaubt nicht an schnelle Entscheidungen: "Wenn der Aufsichtsrat jetzt reagieren würde, würde er zeigen, dass er dem Hasen hinterherläuft", sagt er. Der Vorstandsumbau am Mittwochabend sei in Torschlusspanik passiert, der Aufsichtsrat habe den Befreiungsschlag gesucht. "Das ist ihm nicht gelungen."

Es sind längst nicht mehr die Kleinaktionäre, die poltern. Auch etliche große Investoren sind auf Distanz gegangen. Das weiß Achleitner schon länger aus persönlichen Gesprächen. Für die mächtigen Geldgeber sind jetzt die Details der neuen Strategie entscheidend - vorzugsweise nicht erst Ende Juli, wie die Bank angekündigt hat. Die Investoren wollen wissen: Wie viel Geld kostet die Trennung von der Postbank? Wie viele Stellen fallen im verbleibenden Privatkundengeschäft weg? Aus welchen Ländern zieht sich die Bank zurück und mit welchen Geschäften? An welchen Ecken wird im Investmentbanking abgeschnitten, um die Rendite anzukurbeln? Wie viel mehr Geld wird noch in Rechtsstreitigkeiten versenkt?

Die Deutsche Bank schweigt am Tag nach dem großen Knall. Mancher in der Führung des Instituts versucht sich das Ergebnis schönzurechnen: Das Misstrauen habe eigentlich technische Gründe. Die zwei großen Aktionärsberater ISS und Hermes hätten aufgrund ihrer Regularien gegen die Entlastung stimmen müssen, weil der Vorstand in Rechtsstreitigkeiten verwickelt ist. Das allein mache schon 20 Prozent Neinstimmen aus. "Wir haben mit dem Ergebnis in etwa gerechnet." Ein Vertrauter Jains ist offener: "Das ist schon ein harter Schlag für alle."

Ein Entlastungsergebnis von mehr als 95 Prozent, wie es bei deutschen Hauptversammlungen üblich ist, hatte der Deutsche-Bank-Vorstand zuletzt auf der Aktionärsversammlung 2012 erzielt, der letzten mit Josef Ackermann. Am Tag nach dem damaligen Aktionärstreffen, am 1. Juni 2012, traten Jain und Fitschen mit dem Versprechen an, die chronisch renditeschwache und in milliardenschwere Skandale verwickelte Bank fit für die Zukunft zu machen. Der Vertrauensverlust war schleichend: 2013 kam der Vorstand als Ganzes auf knapp 94 Prozent, 2014 wurden Jain und Fitschen einzeln mit knapp 89 Prozent entlastet. An 60 Prozent hatte damals noch niemand zu denken gewagt.

Trost könnte die Doppelspitze vielleicht am Beispiel von ThyssenKrupp finden. Im zweiten Jahr nach seinem Amtsantritt hatten die Aktionäre des angeschlagenen Stahlkonzerns Vorstandschef Heinrich Hiesinger nur mit knapp 71 Prozent entlastet - in diesem Jahr erhielt er 99,6 Prozent. Es kann aber auch anders ausgehen: Bei der Hauptversammlung von Siemens 2007 bekamen Vorstandschef Klaus Kleinfeld und Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer nur 71 und 66 Prozent. Drei Monate später war von Pierer weg, ein halbes Jahr später kam das Aus für Kleinfeld.

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Kundl/Langkampfen/Basel (APA) - Der Novartis-Konzern investiert 200 Mio. Euro in die beiden Produktionsstandorte im Tiroler Schaftenau und in Kundl (beide Bezirk Kufstein). Dies gab das Unternehmen am Donnerstag bekannt. Daniel Palmacci, Leiter der Novartis Produktionsbetriebe in Österreich, bezeichnete dies als "ein starkes Bekenntnis" der Zentrale in Basel in die Kompetenz und Qualität der Standorte in Tirol.
 

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