Demokratielehrer, Erinnerungsprofi: Joachim Gauck wird 75

Berlin - Gesetzliche Ruhestandsregeln gelten für einige Menschen nicht - Finanzminister, Kirchenfürsten, Sportfunktionäre. Joachim Gauck ist keiner von ihnen, auch kein Berufspolitiker, und doch ist er von den üblichen Pensionsvorschriften in Deutschland ausgenommen. Für Bundespräsidenten gibt es keine Altersbeschränkung. Am Samstag (24. Jänner) wird er 75.

Vor fünf Jahren, bei seinem 70. Geburtstag, war Joachim Gauck dem Ruhestand deutlich näher. Zehn Jahre war er damals schon ohne das Amt, das ihn bekannt gemacht hatte: Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Auch wegen des sperrigen Titels bürgerte sich die dafür Variante "Gauck-Behörde" ein.

Seit seinem Ausscheiden im Jahr 2000 war Gauck vor allem als Vortragsreisender unterwegs, als Anwalt von Freiheit und Bürgerrechten, als "Erinnerungsprofi". Zu seinem 70. Geburtstag würdigte ihn Kanzlern Angela Merkel als "Versöhner, Einheitsstifter und Mahner". Und sagte, auf sein Ego anspielend: "Eigentlich könnte Joachim Gauck die Laudatio auf sich am allerbesten selbst halten." Als "Demokratielehrer" lobte sie ihn. Der Höhepunkt seines Berufslebens schien damals aber schon weit zurückzuliegen.

Doch dann kam der 31. Mai 2010. Bundespräsident Horst Köhler trat zurück, und die rot-grüne Opposition nominierte Gauck als ihren Kandidaten für die Nachfolge. Es war ein Coup, die Zustimmung für den Ex-Pastor aus Rostock ging weit über SPD und Grüne hinaus.

Doch am Ende reichte es nicht. Der zehnte deutsche Bundespräsident hieß Christian Wulff. Das wäre es dann gewesen mit den Ambitionen Gaucks. Aber auch Wulff trat 20 Monate später ab. Diesmal unterstützten Gauck auch Liberale und Christdemokraten - und nach einigem Widerstand auch die Kanzlerin. Am 18. März 2012 wurde er zum Staatsoberhaupt gewählt.

Glück hatte Gauck, was seine Karriere angeht, auch schon 1990. Als Abgeordneter von Bündnis 90 bei der ersten und einzigen freien Wahl der DDR-Volkskammer ins Parlament geschickt, landete er im eher unpopulären Innenausschuss, wo die Hinterlassenschaft der DDR-Staatssicherheit erörtert wurde. Eigentlich Zufall, er war halt nicht so berühmt wie andere DDR-Oppositionelle, räumte Gauck in seiner Autobiografie "Winter im Sommer, Frühling im Herbst" ein.

Frühling im Herbst: 1989 und 1990 sind die Schlüsseljahre im Leben des Joachim Gauck. Damals wurde er 50 Jahre alt. Die Ereignisse Ende 1989 bedeuteten auch persönlich eine so tief greifende Wende, dass danach nichts mehr war wie zuvor.

Erst spät, im Oktober, war Gauck zu einem der Organisatoren der Proteste in Rostock geworden. Johann Legner schreibt in seiner Gauck-Biografie, 1989 habe sich Gauck quasi neu erfunden. "Es brauchte einen Volksaufstand, um ihn zu einem persönlichen Aufstand zu bewegen."

Ein Gegner des DDR-Regimes war er von Anfang an, auch aus persönlichen Gründen. Sein Vater war 1951 von den Sowjets verschleppt worden, erst vier Jahre später kehrte er aus dem Gulag zurück. Gauck wies später immer wieder die Vorstellung zurück, sein negatives Russland-Bild sei durch seine Biografie und das Schicksal seines Vaters bestimmt.

Aber Gaucks Geschichtsbetrachtung ist natürlich auch geprägt von eigenem Erleben. Die scharfe Kritik an Russland in der Ukraine-Krise auf der Danziger Westerplatte, das Misstrauen gegenüber der Linken und der rot-rot-grünen Regierung im Bundesland Thüringen - da lässt sich Gauck nicht beirren.

Auch die bittere Erfahrung, dass drei seiner Kinder die DDR noch vor 1989 verließen, gegen seinen Willen, hat seine Sicht auf das Thema Republikflucht lange bestimmt. Erst im vorigen Jahr, als der friedlichen Revolution vor 25 Jahren gedacht wurde, würdigte er öffentlich deutlich den Beitrag derer zum Niedergang des SED-Regimes, die die DDR vor ihrem Zusammenbruch verlassen haben.

Das Ende der DDR bedeutete für Gauck auch privat die komplette Neuorientierung. Er ließ seine Frau Gerhild und die jüngste Tochter in Rostock zurück, begann in Berlin ein neues Leben. Viele Jahre war er mit der Journalistin Helga Hirsch liiert, die mit an seiner Autobiografie schrieb und auch nach der Wahl zum Staatsoberhaupt für ihn als Beraterin tätig war.

Fast drei Jahre ist Gauck nun Bundespräsident, weithin geachtet, ebenso wie seine Lebensgefährtin Daniela Schadt an seiner Seite. Im ZDF-Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen kam er im Dezember auf 2,4 Punkte, nur knapp hinter Merkel. Widerspruch gibt es vor allem von der Linken, die ihn nicht gewählt hat. Pazifisten werfen ihm nach seiner Rede vor der Münchner Sicherheitskonferenz zu Deutschlands neuer Rolle in der Welt Kriegstreiberei vor.

Parteipolitisch wollte sich Gauck nie festlegen. Von der bewusst widersprüchlichen Einordnung "links, liberal, konservativ" hat er sich nie distanziert. Konsequenterweise wird der öffentliche Teil seiner Geburtstagsfeier am 29. Jänner von den politischen Stiftungen von CDU/CSU und SPD, Grünen und FDP gemeinsam organisiert.

Nach einiger Unsicherheit im ersten Jahr weiß Gauck nun, was er sagen darf - und was nicht. Dass er sich nicht "ins operative Geschäft einmischen" könne, ist eine seiner Standardformulierungen. Ob er 2017 noch einmal antritt, dann mit Abstand der älteste Bundespräsident, den es je gab? Die Frage bleibt regelmäßig unbeantwortet. Also offen.

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Kundl/Langkampfen/Basel (APA) - Der Novartis-Konzern investiert 200 Mio. Euro in die beiden Produktionsstandorte im Tiroler Schaftenau und in Kundl (beide Bezirk Kufstein). Dies gab das Unternehmen am Donnerstag bekannt. Daniel Palmacci, Leiter der Novartis Produktionsbetriebe in Österreich, bezeichnete dies als "ein starkes Bekenntnis" der Zentrale in Basel in die Kompetenz und Qualität der Standorte in Tirol.
 

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